Im Veranstaltungskalender der Kölnarena tauchen zwischen den Flippers und Vitali Klitschko die Menschenrechte auf. Immerhin. Viel Vorleseprominenz ist zur Eröffnungsveranstaltung der Lit.Cologne gekommen, wo der fünfzigste Geburtstag von Amnesty International mit heiligem Ernst auf der Bühne und mit Kölsch im Publikum gefeiert, nein, eher begangen wird, denn zu feiern gibt es aktuell nicht so viel.

Benno Führmann, Anke Engelke, Katja Riemann, Cordula Stratmann, Frank Schätzing, Max Herre, Charlotte Roche, Nina Hoss, Maria Schrader, Michael Lentz und noch ein paar stehen im Scheinwerferlicht und tun, wofür sie gekommen sind: vorlesen. Erst die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Es dauert lange. Jemand ruft "langweilig!", ein zweiter "und in Libyen?" Das Literaturfestival-Publikum bekommt, was es so nicht erwartet hatte. Blut und Knarren, Leid und Folter, aber in echt, nicht aus dem Krimi, sondern aus den Texten algerischer, chinesischer, türkischer, arabischer Autoren.

Nach der Menschenrechtserklärung hören wir von den Verletzungen derselben. Wenn es mal Humor gibt, dann ist er bitter. Die Texte buchstabieren das Wort Menschenrechtsverletzung aus, die Vorleser leihen ihm Stimmen. "Wie in den schlaflosen Nächten der Generäle, in jeder unendlichen Nacht unter dem Kreuz des Südens erscheinen die Verschwundenen." So schreibt die argentinische Schriftstellerin Maria Cecilia Barbetta über die Militärdiktatur ihres Landes.

Viele Zuschauer gehen irgendwann, ein heiserer ruft weiterhin an jeder passenden Stelle "und in Libyen?". Roger Willemsen bringt ihn mit gebotener Moderatorstrenge zum Schweigen. Man müsse die Fähigkeit haben, sich zu schaden, wenn man für Menschenrechte eintrete, sagt er. Geschadet haben sich oft genug die Autoren, deren Texte heute vorgelesen werden, unter ihnen auch Liu Xiaobo.

Zehn Tage lang wird Köln den lesenden Autoren bei dieser elften Lit.Cologne die Bude einrennen, die meisten Veranstaltungen sind ausverkauft. Wo es sonst um Unterhaltung und Zerstreuung oder um das intelligente Gespräch zwischen Autor und Moderator geht, da geht es beim Auftakt in der Kölnarena um die Ohnmacht des Wortes. Welchem Verfolgten hätte die Menschenrechtserklärung je genutzt? Welcher Roman über Folter hat einen Gefolterten getröstet? Und in Libyen?

Cordula Stratmann liest Sätze des Algeriers Hamid Skif. Sie liest über Europas Fresssäle, in denen sich der Westen zu Tode speist. Man sieht auf das Kölsch in der eigenen Hand. "Wir werden von den Fluten an eure Ufer geworfen." Pause. "Ihr seid die Komplizen der Mörder." Erst passiert gar nichts, dann klatscht der Saal. Einer dieser Fresssäle.