Serbien ist kein guter Ort zum Leben, aber ein guter Ort zum Schreiben. (Igor Marojević)

Sreten Ugricic tat, was man in Serbien nicht tun sollte. Als Schriftsteller nicht. Als Direktor der Nationalbibliothek schon gar nicht. Nachts lief er durch Belgrad, klebte Plakate an Laternen, an Fassaden und Haltestellen. Auf ihnen stand: "Serbien ist ein scheußliches Land. Glücklicherweise existiert es nicht. Serbien ist ein wunderschönes Land. Unglücklicherweise existiert es nicht." Ugricic ist ein schmaler, zorniger Mann. Sein Haar steht in kurzen Stoppeln vom Kopf, seine Augen verengen sich mit jedem Wort, das er in der Geschäftsstelle des serbischen PEN-Clubs spricht. "In Zeitungen nannten sie mich einen Anti-Serben, einen Volksverräter." Er habe es als Kompliment empfunden, sagt er.

Ugricic schaut auf Belgrad. Vier Stockwerke tiefer husten die Autos auf der Terazije-Straße, eine der Schlagadern des alten Belgrad diesseits von Donau und Save. Gesäumt von Resten klassizistischer Architektur, sozialistischen Baufantasien und den Stahl- und Glasträumen westlicher Investoren. Durchs alte Belgrad könnte man eine Weile mit demselben musealen Wohlgefühl spazieren, das einen in Wien oder Budapest befällt. Wenn einen die Kriegswunden in den Fassaden nicht stören. Ruinen, die für Touristen stehen gelassen wurden. Umstellt von McDonalds und Modegeschäften.

In seinem Roman An einen unbekannten Helden (Dittrich-Verlag) lässt der 49-jährige Ugricic die Stadt in die Luft gehen. Im wörtlichen Sinn erheben sich die Häuser und Denkmäler, Symbole serbischen Stolzes. Sie schwirren, sie rotieren, bis den Zensoren und Kritikern darob schwindlig wurde. Keine Zeitung habe sein Buch besprochen, sagt er. Es ist eines von 30 Büchern, die in Deutschland anlässlich der Leipziger Buchmesse erscheinen. Serbien ist Schwerpunktland in diesem Jahr. Seit den Schrecken des Balkankriegs gilt es, anders als seine Nachbarn Kroatien oder Slowenien, als literarisch weitgehend unerschlossenes Territorium.

In den stattlichen Räumen des Belgrader PEN sitzt deswegen eine Handvoll deutscher Journalisten am Rand spärlich belegter Sitzreihen. Das Kulturministerium hat geladen, die Klimaanlage surrt, Mittagsgeruch zieht aus dem Treppenhaus hinein. "Wie wenige Kollegen gekommen sind!", sagt Vule Zurić, ebenfalls Schriftsteller, und schüttelt den Kopf. "Es ist nicht üblich in Serbien über Literatur zu reden", sagt er. Es sei anders gewesen bis zum Jahr 2000, zu Zeiten Slobodan Milošević', selbst im düstersten Kapitel der jüngeren serbischen Geschichte habe man sich noch gestritten. Über Kulturmodelle, über Ästhetik. Seit dem Ende des Regimes tue man so, als gäbe es kein Problem mehr, sagt Zurić.

Bis auf ein fundamentales: Wie wird die Vergangenheit literarisch verarbeitet? Das, was in Den Haag auf mehreren Terrabyte gespeichert liegt und knapp acht Regalkilometer füllt. Was mit dem Zerfall Jugoslawiens begann, mit aberwitzig vielen Nullen auf den Geldscheinen, und mit Srebrenica und den Nato-Bomben endete.