Tanz den Abrissbirnenblues – Seite 1

Ja, man könnte diesem Buch einiges vorwerfen. Die zuweilen schief in die Sätze gehängten Bilder. Die aufgeplusterte Bedeutsamkeit mancher Zeilen. Der nervöse Bescheidwisserton, in dem vom Leben, vom Drogendelirium, der Lieeeeebe und ihrem Ausbleiben berichtet wird, kurzum vom großen Heiapopeia junger Erwachsener. All das an einem Tag, in einem Club, in einer Stadt: Durch Hamburg hetzt Tino Hanekamp seine Figuren. Sie heißen, wie man in solchen Romanen nun einmal heißt. Nicht Dagmar und Uwe. Sondern Rocky, Pablo, Erbse oder eben Oskar, wie der Erzähler dieses Debüts. Das heißt So was von da . Gar kein schlechter Titel.

Und es ist auch kein so schlechter Roman. Hanekamp, Jahrgang '79, hat eine Milieugeschichte aus dem Nachtleben geschrieben, zweieinhalb Autostunden von der Berlin-Euphorie entfernt, die in vergleichbaren Büchern grassiert. Hamburg statt Berlin, das ist die erste gute Nachricht. Das Personal besteht aus Chaoten, Schwätzern, Türstehern, Lebedamen, Malerinnen, Musikern und anderswie Größenwahnsinnigen aus dem urbanen Kulturprekariat. So erklärt sich auch der Aufschneiderjargon, der durch die knapp 290 Seiten führt.

Der Erzähler Oskar ist 23 und betreibt einen Musikclub mitten auf St. Pauli. Es ist Silvester. An Neujahr kommen die Bagger und reißen Oskars junges Lebenswerk in Stücke. Trübe Aussichten. Bevor aber der Abrissbirnenblues alle ergreift, sollen noch einmal die Fetzen fliegen. Ein Endspiel, eine letzte Party, die Party des Jahres, ach Jahrhunderts, ganz klar. Zunächst muss Oskar aufstehen: "Ich befürchte, ich bin wach. Blicke auf eine Bierflasche, in der zwei Kippen schwimmen und ein Käfer. Brutalkopfschmerz. Auf dem Heizungsrohr ein Pelz aus Staub. Extrembrechreiz. Draußen knallt's. Schließe die Augen. Es knallt noch mal."

Im Folgenden wird Oskar, aufgeputscht vom Endzeitgeist, durch die Stadt taumeln, die ihm "zum Feind geworden ist". Marc Aurel und Leonard Cohen auf den Lippen und mit süßem Weltschmerz, der alles glasiert, was ihm begegnet. Unter anderem: Nazischläger, Herzinfarkte, Gehirntumore und ein Kiezlude, der Oskar ans Leder will. 10.000 Euro fordert er von ihm, sonst stürmt er mit seiner Bande die Silvesterparty und bricht dem jungen Helden alle Knochen. Dann kommt obendrein noch die ehemalige Herzensdame Mathilda zurück in Oskars Leben, das ihretwegen überhaupt erst ins Chaos geraten ist. Sein eisernes Mantra lautet: "Krieg ist schlimmer".

Das Konzept ist Vollekraftvoraus

Alles ganz schön viel für erzählte 24 Stunden. Auch, das legt die Biografie des Autors nahe, hat Hanekamp ein Stück seiner eigenen Geschichte in seinem Buch verarbeitet. Er selbst war der Gründer des fabelhaften Hamburger Clubs Weltbühne, der 2005 schließen musste. Das ist der Ausgangspunkt seines Buchs. Der Spannung wegen verdichtet mit Kiezfolklore, lokalen Musikergrößen, einer Ganovenstory, amourösen Wehwehchen, unerwarteten Perspektivwechseln und Listen über so manches. Zum Beispiel: "Anleitung zur Gründung einer Event Location mit cash-flow-fixierter Entertainmentgastronomie und integrierter Work-Life-Balance-Solution"

Das hat durchaus seine Momente. Besonders den zu Tode verkaterten Subkulturbetrieb mitsamt seiner kindischen Exzentrik vermag Hanekamp charmant zu schildern. In den Dialogen findet sich einiges an hanseatisch klimatisierter Komik, die zumal dann wirkt, wenn Oskar wieder einmal mit der Realität kollidiert. In Gestalt einer Faust, eines Autos oder gleich der Hamburger Innensenatorin, die man sich als Mischung aus Ronald Schill und Alice Schwarzer vorstellen muss. Die meiste Zeit liest es sich so, wie Udo Lindenberg es bereits aufs Cover genuschelt hat: "Das knallt gut los."

Und auch wenn Knallen kaum das einzige Kriterium eines Romans sein sollte, die Handlung vorhersehbar und zugegebenermaßen unterkomplex ist: Als Konzept funktioniert dieses Vollekraftvoraus hier ziemlich gut. Als vorwärtserzähltes Protokoll des letzten Tages, bevor der Traum des wilden Lebens zerbricht und die Champagnerflaschen geleert sind. Dass das nicht ohne eine gewisse Theatralik geschieht, sollte klar sein. Also wird gesoffen, geraucht, getanzt, geknutscht, gevögelt und geredetredetredet, wie es der Ernst der Lage erfordert. Aus solchen Zutaten entsteht selten große Literatur. In diesem Fall immerhin gelungene Unterhaltungsprosa.