Auch die Hampels wohnten in Wedding, in der Amsterdamer Straße Nummer 10. Was damals ein Arbeiterviertel war, ist heute eine Mischung aus deutschen, türkischen, arabischen und afrikanischen Bewohnern, aus Arbeitslosen und jungen Studenten, die in Neukölln keine Wohnung mehr gefunden haben. Man geht an Änderungsschneidereien vorbei, am Euro Nails Studio , am Kartenspiel International und dem Vereinsheim One Africa . Trödelläden bieten Möbel aus Wohnungsauflösungen an. In den Hausfluren werden heute vor allem Flyer von Pizza-Bringdiensten und Umzugsfirmen ausgelegt, politische Botschaften findet man eher auf Aufklebern, zum Beispiel von den Redskins: "Gegen Naziterror und Repression! Im Unterschied zu Hooligans arbeiten wir ergebnisorientiert. Wir wollen den Nazis weh tun." Oder ironisch: "Bleib passiv. Deine Bundesregierung." Eine Hausverwaltung informiert: "Auf dem Dachboden wurde von einer Mieterin ein Waschbär entdeckt und fotografiert. Es wird eine komplette Dachentrümpelung durchgeführt, danach Desinfektion und Vergrämungsmaßnahmen."

Das Haus der Hampels steht nicht mehr, aber an dem Nachkriegsbau, der die Lücke eingenommen hat, erinnert eine Gedenktafel an sie. Der Fallada-Forscher Manfred Kuhnke konnte noch mit einer inzwischen verstorbenen Nachbarin der Hampels sprechen, Frau Quass, die im Krieg auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnte. In Kuhnkes Buch Hans Falladas letzter Roman – Die wahre Geschichte erinnert sich Frau Quass daran, was mit der Wohnung des Ehepaars nach der Festnahme geschah: "Niemand durfte sie betreten. Aber so etwa drei Wochen danach kam Bewegung in die Wohnung. Ich weiß noch, wir standen atemlos an unserem Fenster und beobachteten, wie sich drüben die Gardinen bewegten. Meine Mutter sagte: Nie und nimmer würde ich in diese Wohnung ziehen."

Andere hatten weniger Skrupel. Das Hauswartsehepaar, der Mann in der SA, zog mit zwei kleinen Kindern aus dem Hinterhof-Parterre in die Wohnung der Hampels um. "Im November 1943 traf eine Luftmine das Haus", fährt Frau Quass fort. "Es gab 96 Tote. Das Haus brannte noch wochenlang. Zu den Opfern gehörte auch die Hauswartsfamilie. Es war das einzige Haus der Gegend, das bombardiert worden ist, und es gab sofort das Gerücht, Frau Hampel hätte das Haus verflucht, deshalb ist es getroffen worden. Jahrelang lag der Schuttberg noch da. Als dann der Neubau begann und ein Arbeiter vom Gerüst fiel, wurde gleich wieder von dem Fluch gesprochen." Vergessen hat Frau Quass ihre ehemaligen Nachbarn nie. "Am 8. April denke ich immer an Hampels, da sind sie nämlich gestorben."

Nahezu alle Postkarten des Ehepaars wurden von den Findern sofort bei der Polizei und der Gestapo abgegeben. Dennoch dauerte es zwei Jahre, bis die Urheber gefasst wurden. Ihre letzte Postkarte legten die Hampels am Nollendorfplatz aus, in der Eisenacher Straße 122. Dabei wurden sie von einer Anwohnerin beobachtet, einer Frau Waschke, die das Ehepaar sofort festhielt und bei der Schutzpolizei anzeigte. Für ihre Zeugenaussage vor dem Volksgerichtshof bekam Frau Waschke 3,10 Reichsmark zuzüglich Fahrgeld. Vom Ausgang des Verfahrens gegen die Hampels erfuhr sie zunächst nichts. Erst 1946 klingelte ein fremder Mann bei ihr, vermutlich Hans Fallada, und klärte sie über die Folgen ihrer Anzeige auf. Frau Waschke erlitt einen Schlaganfall, wurde 1948 verhaftet, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

In der Eisenacher Straße 122 steht mittlerweile ein Sozialbau aus den 70er Jahren, dessen Putz bereits blättert. Auf der einen Seite flankieren ihn Kunsthandlungen und Antiquitätengeschäfte, gegenüber liegen das Rosa Curry und die Blue Boy Bar , an der Ecke bietet der Military Store Berlin Leder und Fetisch seine weit gefächerte Auswahl von NVA-Mützen, Polizeihelmen, Thaiboxing-Shorts, Gasmasken und Klappspaten an. Gepflegte junge Männer mit Sonnenbrillen flanieren durch die Straßen. "Wenn die Bienen aussterben", sagt einer im Vorbeigehen, "stirbt die Menschheit aus."

Nach ihrer Festnahme wurden die Hampels in den Kellern der Gestapo-Zentrale an der Prinz-Albrecht-Straße verhört, die heute Niederkirchnerstraße heißt. Reste dieser Keller, die in den achtziger Jahren noch ein verwilderter Autoübungsparcours verdeckte, sind heute auf dem Gelände der Topographie des Terrors zu sehen.

Der Prozess fand im Volksgerichtshof in der Bellevuestraße 15 statt, das Gebäude steht nicht mehr. Das Fallbeil, mit dem man die Hampels in Plötzensee hinrichtete, wurde ein halbes Jahr später bei einem Luftangriff schwer beschädigt, dann in der Gefängnistischlerei Tegel wieder instandgesetzt und weiter verwendet. Es soll noch in den 70er Jahren auf einem Dachboden des Gefängnisses Plötzensee gelegen haben, doch das mag auch ein Gerücht sein, sagt der Jurist und Historiker Klaus Bästlein, wie so vieles, was die ehemalige Richtstätte betrifft: "Die Geschichte der Hinrichtungen in Plötzensee muss noch geschrieben werden."