Eines der schönsten, traurigsten Wörter überhaupt: Sehnsucht. Vielleicht ist die Sehnsucht der einzige Zustand, der einen am Leben hält und das Leben ertragen lässt. Wer auf nichts mehr wartet, ist verloren. Wem sich die Dinge erfüllen, der dürfte der Hölle näher sein als dem Himmel. Sehnsucht bedeutet Wachheit, Überreizung, Dasein in der Schwebe, Bewegung, Leidenschaft, zuweilen ein Zurückgeworfensein auf die Vergangenheit. Der Sehnende möchte etwas erreichen, von dem er vermutlich schon vorab weiß, dass es unerreichbar bleibt. Und manchmal sucht er etwas, um schließlich etwas ganz anderes zu finden.

Diese Sehnsucht ist der Rhythmus der Bossa Nova, und ihr magischer Interpret heißt João Gilberto. Er hat die Musikrichtung, die seit den späten fünfziger Jahren den halben Erdball verzauberte, quasi im Alleingang erfunden, nicht als Komponist, sondern als Interpret. Er ist jener Mann mit der verzweifelt sanften Stimme, mit einer Gitarre, die keiner so rhythmisch zu spielen vermag wie er, mit Liedern, die einem das Herz brechen können, auch wenn man ihre Texte nicht versteht.

João Gilberto wurde im Lauf der Jahrzehnte zu einer geheimnisumwitterten, sagenhaften Gestalt. Je weiter er sich aus der gewöhnlichen Welt zurückzog, desto mehr Anekdoten und Geschichten kursierten über ihn. Heute lebt er, inzwischen ein alter Mann von 80 Jahren, als Nachtmensch in Rio de Janeiro, ohne seine Wohnung je zu verlassen, ohne Interviews zu geben, ohne sich um das zu kümmern, was um ihn herum geschieht. Er soll nachts zuweilen zehn, manchmal zwölf Stunden lang Gitarre spielen, geleitet vom Willen nach Perfektion. Gilberto wurde mehr und mehr zu einem Phantom.

Im vergangenen Herbst machte sich der Reporter und Schriftsteller Marc Fischer auf den Weg nach Brasilien, um dieses Gespenst, diesen "Vampir" zu suchen, ihm nahe zu kommen. Fünf Wochen detektivischer Arbeit, Gespräche mit Freunden und Weggefährten von Gilberto lagen vor ihm. Und ein Ziel: "Im Grunde bin ich wegen 'Hô-bá-lá-lá' nach Rio gekommen. João soll es für mich spielen." Hô-bá-lá-lá war das Initiationsstück für Marc Fischer. Es stammt von Gilbertos erster Platte Chega de Saudade aus dem Jahr 1959, und als Fischer es in den neunziger Jahren gehört hat – damals war er unter anderem Redakteur der legendären Zeitschrift Tempo – wurde es zu einem Lebenslied.

Hobalala heißt auch sein Buch über João Gilberto. Es hat nichts mit gewöhnlichen Musikerbiografien gemein, auch wenn man wie nebenbei vieles über Gilbertos Leben und Werk erfährt. Es ist eine literarische Spurensuche, die mindestens so viel mit Gilberto zu tun hat wie mit Marc Fischer selbst. Als ob die ersehnte Gegenwart des Sängers, der Beweis seines leibhaftigen Daseins, sein Spiel dem Bewunderer etwas erzählen müsste über sein eigenes Leben.

Tatsächlich ist das Buch ein Bekenntnis. Und eine Liebesgeschichte, dies sogar in zweifacher Hinsicht: als Liebe zu einem unwirklichen Idol und zu einer unbenannten Frau. Die Reise zu Gilberto, in immer neuen Anläufen, erzählt wie eine Kriminalgeschichte, geschrieben wie ein Update der Reportagen von Gay Talese, ist nämlich zugleich eine Reise weg von der Heimat, wo der Autor eine nur vage angedeutete, verlorene Liebe zurückgelassen hat. "Hegel sagt, die Sehnsucht sei unglückliches, entzweites Bewusstsein. Und immer, immer tut sie weh. Meine Sehnsucht ist ein Mensch in Berlin. Und João natürlich." Er will die Wahrheit über Gilberto und über sich herausfinden. Aber das ist natürlich ein Spiel. So wenig wie es den João Gilberto gibt, so wenig gibt es ein wahres Ich.