Immanuel Kants Gedankengebäude kann man jetzt bauen. Das Material dazu hat der Knaus-Verlag veröffentlicht. Aus zwölf Bastelbögen soll die Kritik der reinen Vernunft gebastelt werden. Eine bastelwillige Gruppe mit Klebeerfahrung und rudimentär vorhandenen Kenntnissen abendländischer Philosophie hat Kant für die Hand getestet. Es wurde: ein Drama.

Früher Abend. Im Wohnzimmer auf dem Tisch: eine Schüssel Nudelsalat, Wassergläser, mehrere Flaschen, ein schwarzes Buch und Prittstifte. Eine Packung Leibniz-Kekse. Die Stimmung ist erwartungsfroh und grüblerisch.

E.: Die Amerikaner sagen immer Can’t anstatt Kant. Das klingt so lustig.

C.: Die Deutschen sagten immer Zant, weil sich der Immanuel auch ursprünglich mit C schrieb. Deshalb hat er sich irgendwann mit K geschrieben, glaube ich.

K.:(schüttet Tee ein ) Also, wie funktioniert das hier?

V.: Ich blicke noch nicht durch. Kant an sich ist einfacher als diese Bastelanleitung.

C.: "An sich", das ist auch ein Kant-Wort. Habe ich nie verstanden.

V.: Das ist doch ganz einfach. Es gibt die Dinge, und es gibt die Dinge an sich.

Alle anderen: Wie bei Platon?

V.: So ähnlich. Zum Beispiel das rote Kissen da auf der Couch. Wie kannst du sicher sein, dass es rot ist?

E.: Ich sehe es.

V.: Eben. Auf die sinnliche Wahrnehmung ist aber kein Verlass. Es kann sein, dass das Kissen in Wirklichkeit grün ist. Das können wir nicht erkennen.

M.: Erinnert mich an Sofies Welt .

K.:(verteilt Prittstifte) : Also, in der Bastelanleitung werden die Grundbegriffe aus der Kritik der reinen Vernunft erklärt – währenddessen bastelt man, am Ende kommt eine Art Würfel raus. Hier steht, man braucht drei Stunden. Drei Stunden!

C.: Alles klar, ihr bastelt, ich lese. Nehmt euch die Bauteile 49 und 55. (liest) "Die punktierten Linien gelangen immer auf die Außenseiten der Knickstellen. Klebestifte sind ungeeignet, Flüssigklebstoff verwenden." (blättert) "Aus dem Verstand stammt diejenige Erkenntnis, die der Erfahrung vorhergeht (a priori). Der Kreis ist rund. Es ist ein analytischer Satz. Der Satz gilt notwendig und allgemein – denn wir können uns einen Kreis nie und nirgends anders vorstellen als rund."

E.: Du kannst nicht vorlesen.

C.: Ich kann noch schlechter basteln.

E.: Und Flüssigkleber haben wir auch nicht.

"Das dauert zu lang"

V.: Gib mal her! (liest) "Aus den Sinnen hingegen stammt diejenige Erkenntnis, die der Erfahrung nachfolgt (a posteriori). Diese Rose ist rot: Das wissen wir erst, nachdem wir eine rote Rose gesehen haben." Stanzt mal das nächste Teil aus!

M.:(stanzend) Es könnte doch auch eckige Kreise geben.

C.: Das ist sprachlich definiert, oder? Irgendwann hat eine Gruppe bestimmt: Das Runde ist ein Kreis. Wir könnten uns hier darauf einigen, es Ellipse zu nennen. Die Bedeutungen von Wörtern beruhen auf Übereinkunft zwischen den Sprechern.

K.: Wie de Saussure sagen würde!

V.: Trotzdem könnte man sich blaue Rosen vorstellen, aber nicht viereckige Kreise. Das sind per definitionem Vierecke.

Alle anderen: Hm.

V.: Ihr müsst jetzt die Klebeflächen 5 bis 11 kleben, Leute. Es geht Kant darum, die Bedingungen unter denen Erkenntnis möglich ist, zu finden. Hier steht es ja! ( liest) "Was können wir wissen?"

C.: Ich vermute, die Bedingungen, unter denen Erkenntnis möglich ist, sind nicht die Bedingungen, unter denen Basteln möglich ist. Genau das müssten wir rausfinden. Ob das eine das andere fördert.

E.:(triumphierend) Der Grundwürfel ist fertig!

K.:(resignierend) Da gehören jetzt Schubladen rein. Ich check das nicht.

Während V. über Verstand und Sinne vorlesend doziert, basteln die anderen kleine Schubladen, auf denen Begriffe wie Gemeinschaft, Inhärenz und Subsidenz stehen. Das zieht sich über eine Stunde fort. Das Tischgespräch verstummt.

C.: Der Würfel sieht aus wie ein havarierter Reaktor.

K.: So können wir nicht weitermachen, wir müssen mit dem Vorlesen aufhören. Das dauert zu lang.

E.: Hier, nimm dir zur Beruhigung noch 'nen Leibniz-Keks. Können wir das notieren, einen Leibniz -Keks!

M.: Dann lassen wir das Vorlesen und basteln nur!

V.: Das ist doch scheiße. Ich kann die Kritik der reinen Vernunft lesen, dazu brauche ich diesen Würfel nicht. Und umgekehrt.

M.: Genau. Jemanden, der gefordert hat, dass man den eigenen Verstand benutzt, nach Anleitung zu basteln, ist sowieso paradox.

C.: Wem hilft der Würfel dann?

K.: Leuten, die sich dafür interessieren, bestimmt.

C.:(genervt) Okay, lassen wir das jetzt sein. Man hätte a priori wissen können, dass wir's nicht hinkriegen.

M.: Wir basteln jetzt fertig.

V.: Du hast dich verklebt, E.!

E.: Quatsch, das Ding hat Fertigungsfehler.

"Mir wird schlecht. Ist noch Nudelsalat da?"

Stunden vergehen. Konzentriert basteln E. und M., mittlerweile ohne Anleitung, von seltenen Seufzern und Freudenschreien begleitet. Die anderen sprechen über Alltägliches. Plötzlich betritt S. in Sportkleidung das Zimmer.

Alle: Hallo, S.! Kannst du basteln?

S.:(auf den verknickten Würfel blickend) Nein. Wie weit seid ihr denn?

K.: Keine Kritik, bitte!

S.: Ich wollte doch gar nicht…

C.: Wusstest du, dass dein Sofakissen vielleicht nicht rot ist?

S.: Nein.

C.: Ha, siehst du, du kommst aus der Empirie! Du darfst nicht glauben, was du siehst!

S.: Um das zu wissen, hätte ich aber Kant nicht gebraucht.

E.: Ich werde jetzt sorgfältig das Dialektikbauteil zusammenkleben und dann gehe ich nach Hause. Schnüffelt am Kleber.

C.: Mir wird schlecht. Ist noch Nudelsalat da?

S.: Äh.

E. stellt den Würfel auf den Tisch. E. ab.

K.: So, was kann man mit dem Ding jetzt machen?

V.: Das wüssten wir, wenn wir in dem Buch weitergelesen hätten.

C.: Also ich kenne jetzt immerhin den Unterschied zwischen a priori und a posteriori.

V.: Na, das ist doch was.