Fast täglich wird über Hinrichtungen berichtet, die jüngsten Funde von Massengräbern in der Mitte und im Norden des Landes versetzen Mexiko in Schock. Die Gewalt im Drogenkrieg macht viele Bürger sprachlos, seit Neuestem selbst Literaten. Nachdem sein Sohn ein Opfer des Drogenkriegs wurde, hat sich der Poet Javier Sicilia geschworen, keine Gedichte mehr zu schreiben. "El mundo ya no es digno de la palabra" , heißt es in seinem erklärtermaßen letzten Gedicht: "Die Welt ist des Wortes nicht mehr würdig."

Diese nachvollziehbare Konsequenz bleibt zum Glück die Entscheidung eines Einzelnen. Die junge Literaturszene in Mexiko Stadt gibt sich alle Mühe, auch unter diesen Umständen weiterzuarbeiten. Das zeigt sich vor allem in den Büchern der Independent-Verlage Textofilia und Sur+. Der Dichterin und Verlegerin Gabriela Jauregui von Sur+ ist die Situation des Landes ein Grund, sich erst recht zu engagieren. Sie hat die letzten Jahre als Stipendiatin in Deutschland und den USA verbracht.

Entgegen aller pragmatischen Gründe kehrte sie in ihre Heimat zurück. "Es wäre leicht, von New York aus Texte über Drogenkriminalität zu schreiben und sich damit einen Namen im Ausland zu machen", sagt sie. "Aber das könnte ich mit meiner Integrität nicht vereinbaren." Jetzt organisiert und ediert sie eine Anthologie von Dichtern aus Ciudad Juárez, jener Stadt an der Grenze zu den USA, die derzeit die höchste Mordrate der Welt verzeichnen soll.

In dem Band befinden sich auch Arbeiten des jungen Dichters Rubén Macías Esparza, der bereits eine Antwort auf Sicilias Absage an die Poesie verfasst hat: "Javier Sicilia / Vergiss nicht, dass die Poesie / die Buchstaben des Namens deines Sohnes weiterträgt", heißt es da. "Mach deine Tinte klarer / unter diesem Pulver, das uns erdrückt / Javier / Sing uns heute deine Gedichte und entgehe / den Kugeln, die deinen Sohn ermordet haben und folg /damit nicht / der Schmerz zu existieren uns alle zersetzt." Viel klarer kann man die Notwendigkeit der Poesie in Krisenzeiten nicht formulieren.

Wie eine Genealogie des Verbrechens liest sich dagegen Netamorfosis , ein ähnliches Projekt von Sur+, das Texte von Amateuren aus dem Problemviertel Tepito in Mexiko-Stadt versammelt. Estela González Valencia beschreibt darin etwa die Verwandlung eines Slums zum Einkaufszentrum und die Vertreibung seiner Bewohner durch die Großinvestoren. Ihren Protagonisten erscheint die eigene Kriminalität als einzig passende Antwort auf das legale Unrecht des mexikanischen Turbokapitalismus. Der Titel der Kurzgeschichte – Territorio inteligente , zu Deutsch "intelligentes Territorium" – ist einer der Schlüsselbegriffe der örtlichen Gentrifizierungsdebatte.

Nicht weiter von solcher Unmittelbarkeit entfernt sein könnte die Welt von Alfredo Núñez Hernández und seinem Verlag Textofilia, der sich im bürgerlichen Traditionsviertel Colonia Navarte in Mexiko-Stadt befindet. "Für den Drogenkrieg habe ich keine Zeit", sagt der erst 28-jährige, äußerst erfolgreiche Verleger. Er müsse schließlich arbeiten. Texte wie die auch in Deutschland beliebten Krimis Elmer Mendozas aus dem Drogenmilieu findet er schlicht langweilig. Sein erlesener, strikt elitärer Geschmack spiegelt sich auch im Programm des Verlags.

Textofilia gibt vor allem klassische griechische Poesie wie Sappho und Alkaios von Mytilene in zweisprachigen Ausgaben heraus und kümmert sich um die Wiederentdeckung lateinamerikanischer Avantgardisten der zwanziger Jahre. Das jüngste Projekt des Verlags ist eine aufwendige Hommage an Carlos Oquendo de Amats und dessen auf fünf Metern Papier gedruckten Gedichtband 5 Metros de Poemas von 1923: 5 Metros de Cuentos Perversos hält man dem Meisterwerk entgegen – fünf Meter perverser Erzählungen.