In Hildesheim regnet es Papier. Die eng bedruckten Fetzen fliegen vom Balkon der leer stehenden Mackensen-Kaserne. Früher standen hier Panzergrenadiere stramm, nun verschlingt ein grüner Schredder dicke Wälzer und Taschenbücher, zerkaut sie und spuckt die Überreste herab auf die Menschen. Dort tanzen in dem Regen aus alten Autoren die neuen: Symbolik auf dem Prosanova-Festival für junge Literatur .

90 Autoren und Künstler und etwa tausend Gäste verwandeln das Areal aus Panzergaragen, Reithalle und Brachwiesen für ein Wochenende in ein wuseliges Literaturcamp. Die kahlen Hallen, in denen Polstermöbel und Stehlampen aus den sechziger Jahren drapiert sind, könnten auch genauso in Berlin Kulisse für ein Jungautorenfestival sein. Auch die Picknickdecken unter den Bäumen, die gesprühten Logos an den Backsteinwänden vielleicht. Nicht aber die Atmosphäre.

Die Veranstalter sind allesamt Hildesheimer Studenten, viele ihrer Gäste ebenfalls, oder zumindest Ehemalige. Das Prosanova ist deshalb eher Klassentreffen als Angeberschau, mehr Sofa- und Raucherecke als Stehtischchen und Smokinglounge. Publikum und Künstler sind in ihren Zwanzigern und nicht von einander zu unterscheiden, wenn sie zum Frühstück an Biertischen in der Panzergarage sitzen.

In dieser dritten Ausgabe des Festivals haben die Hildesheimer die Lesung zur eigenen Kunstform erklärt.

Der Auftritt von Rabea Edel ist also als Understatement zu verstehen. Ein Mikro, ein Tisch, die 29-Jährige liest aus ihrem Buch Ein dunkler Moment in einer klassischen "Wasserglaslesung", ein Wort, das auf dem Prosanova eher abfällig gebraucht wird. Klassisch auch Edels kurzer Bobschnitt und der rote Lippenstift. Junge Literatin? Edel möchte lieber als Autorin wahrgenommen werden, sagt sie, unabhängig von ihrem Alter. Auf der Bühne formt ihr Mund die Worte langsam und präzise: "Ein roter Sprühregen, der zu einem Fluss auf das Laken wurde, als sie zurückzuckte, das Messer aus der Wunde nahm und ich die Augen öffnete." Jedes Wort in ihrer detaillierten Geschichte über zwei Morde klingt bedrohlich.

Die Lesungen, die von dieser Form abweichen, sind Experimente. Oft gelingen sie: In der szenischen Lesung Demut vor deinen Taten, Baby verabreden sich die drei Protagonistinnen zu vorgetäuschten Terroranschlägen, um Liebe und Glück zu verbreiten: Im Augenblick der Erleichterung liegen sich die Menschen in den Armen. Mit wenigen Requisiten lassen die Autorin Laura Naumann und die Regisseurin Anna Fries die Zuschauer die Geschichte größtenteils vor dem inneren Auge miterleben, bis beim Finale plötzlich die Seitentore der Halle aufgehen und Naumann im Regen auf einem weißen Pferd heranreitet.