Wer Wolfgang Müller während seiner öffentlichen Auftritte erlebt, dürfte im Anschluss nicht ganz sicher sein, was er da nun gesehen und gehört hat. Eine Lesung? Einen Vortrag? Eine Performance. Sitzt ein Mann auf der Bühne und redet. Zum Beispiel über den Riesenalk, einen im 19. Jahrhundert ausgestorbenen, flugunfähigen Vogel, dessen letzte Exemplare im Jahr 1844 von einigen Isländern um die Ecke gebracht und als Bälge an dänische Sammler verkauft wurden. Oder über Blaumeisen. Mit denen kennt er sich aus. Außerdem ist er offizieller Elfenbeauftragter. Das Wort, sagt Müller, habe er selbst erfunden. Zeitweise lebt Wolfgang Müller in Island. Mit den Elfen sei es ähnlich wie mit dem Strom oder der Liebe, sagt er: Man könne sie nicht sehen, aber das hieße ja nicht, dass sie nicht existierten.

Im Suhrkamp Verlag hat Müller vor einigen Jahren ein Buch veröffentlicht: Neues von der Elfenfront – Die Wahrheit über Island . Früher noch war er in der Talkshow Vera am Mittag zu Gast, Thema: "Zwerge, Feen und Elfen – Ich habe sie gesehen". Stimmt selbstverständlich nicht und reimt sich noch nicht einmal, aber Wolfgang Müller hat ein Lied daraus gemacht: Elfen, Zwerge, Feen – ich habe sie gesehen . Das reimt sich. Zwischendurch steht er auf und singt es vor. Wer das einmal gehört hat, wird den Ohrwurm nicht mehr los . Es gibt auch ein Lied über das Penismuseum von Reykjavík. Das existiert tatsächlich.

Wolfgang Müller, 1957 geboren, ist ein multimediales Kunsttalent. Er hat an der Berliner Hochschule für Bildende Künste studiert, im Jahr 1980 die Band Die Tödliche Doris gegründet. Seine Zeichnungen hängen in der Sammlung der Deutschen Bank. Einmal hat er einen kompletten Wahlkampfstand der FDP nachgebaut. Und nun hat Wolfgang Müller, der bildender Künstler, Musiker, Performer und Komödiant in einem ist, seinen ersten Roman veröffentlicht – eine Satire auf den Kunstbetrieb, was sonst? Warum erst jetzt? Nun, sagt er, weil er mittlerweile erfolgreich genug sei, als dass das Buch als Frustreaktion abgetan werden könne. Kosmas lautet der Titel des Romans, der exakt so absurd und skurril ist, wie man es erwartet hätte.

Es treten auf: der indische Klimaanlagen-Milliardär Aloysius Tong, der Kunsthändler und Werbefachmann Charles Saatchi, ein junger britischer Student namens Damien Hirst sowie Professor Gunther von Hagens, Leichenplastinator und Beuys-Epigone, dessen "Körperwelten"-Schau die bis dahin erfolgreichste deutsche Kunstausstellung "Entartete Kunst" noch übertrifft. Von Hagens ist es, der dem Roman-Hirst gute Ratschläge zur Konservierung von Tieren gibt.

Mit Mücken fängt er an. Aus der Mücke wird in diesem Fall kein Elefant, sondern ein Hai. Kosmas ist in kurze Kapitel unterteilt, die zum Teil aus eher essayistischen Betrachtungen über den Kunstbetrieb der Jetztzeit bestehen, um schließlich in einem schleimig-stinkigen Zukunftsszenario zu münden. Damien Hirst und sein in Formaldehyd gelagerter Tigerhai werden zum Symbol einer dekadenten, raffgierigen Kunstwelt. Man spürt die Wut des Autors auf diesen Zirkus.

Das Kunstmäzenatentum des Inders kommt im Übrigen nur zustande, weil er sich vor den Infektionen in der Dritten Welt fürchtet. Also rät ihm sein Psychoanalytiker, eine Sammlung zu eröffnen: "Man reise um die ganze Welt zu den großen Kunstmessen und Auktionen. Aber garantiert nicht nach Afrika, sondern nach London, New York, Miami, Köln, Stuttgart – eben überall dorthin, wo es kaum oder nur sehr wenige Keime und fast keine Viren gibt."