Ein Mann in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einem Gefängnis im Libanon. Ein Ermittler, der ihm vorwirft, Paare in einem kleinen Wald in ihren Autos beobachtet, bedroht und die Frauen vergewaltigt zu haben. Und eine Stimme, die erzählt, was der Mann empfindet, was er denkt und was er sagt. Das sind die Hauptakteure des eindrucksvollen, nach dem Angeklagten Yalo benannten Romans von Elias Khoury. Daneben lässt der in Beirut lebende Schriftsteller, der hierzulande mit seinem Buch Das Tor zur Sonne bekannt geworden ist , seinen Antihelden eigene Texte verfassen. Was für die Geschichte nicht ganz unwichtig ist.

Denn Yalo, der in einer kleinen Einzelzelle sitzt, erhält Papier und Stift. Nach der Folter, die ihn an den Rand des Wahnsinns bringt, soll er aufschreiben, wie alles gewesen ist. "Yalo hatte keine Ahnung davon, dass das in der arabischen Welt eine verbreitete Methode war, um vor allem politischen Gefangenen Geständnisse zu entringen." Er soll nämlich nicht nur die Vergewaltigungen gestehen, sondern gleichzeitig, dass er Sprengstoff für einen Anschlag in seiner kleinen Hütte aufbewahrt hat. Aber selbst nachdem er alles gestanden hat, ist der Ermittler mit Yalos Text nicht zufrieden. Zu wenig erfährt er darin über die Details der ihm zur Last gelegten Verbrechen und zu viel über Yalos Leben. Yalo spürt, dass es so mit ihm nicht weitergehen kann.

Ganz entscheidend für diesen Sinneswandel ist eine Frau: Schîrîn. Auch ihr hatte Yalo im Wald aufgelauert, auch sie hatte er vergewaltigt. Doch dann verliebte er sich in sie. Zu den ersten Treffen musste er sie noch zwingen. Dann aber traf sie ihn freiwillig. Zumindest sieht es so aus, denn sie hätte ihn schon viel früher bei der Polizei anzeigen können. Als sie dann als Zeugin im Gefängnis vor ihm steht, ist das für Yalo ein Schock. Er fängt an, über sein Leben nachzudenken.

Elias Khoury erzählt in seinem faszinierenden Roman davon, was Yalo zu dem gemacht hat, was er ist. Er überlässt es dem Leser zu entscheiden, wie sehr diese Geschichte für andere Schicksale im Libanon steht. Und wie weit solche und ähnliche Geschichten zu der Spirale von Gewalt beigetragen haben, die dann in den Bürgerkrieg mündete.

Literarisch orientiert sich Khoury dabei an Romanformen der Moderne, baut die Spannung auf, indem er seinen Erzähler immer wieder von neuem seine Geschichte mit immer neuen Details erzählen lässt. Erst ganz am Ende wird klar, was eigentlich passiert ist. An manchen Stellen verschwindet der Erzähler und scheint mit Yalo identisch zu werden. An anderen steht er klar abseits und betrachtet diesen Mann, der schreckliche Kindheitserlebnisse hat und dann selbst als Milizionär zum Täter im libanesischen Bürgerkrieg wird, von außen.

Die fragmentarische, kreisend-suchende Schreibweise des Romans entspricht dabei der zerrissenen Realität, von der sie berichtet. Die Sache wird auch dadurch nicht einfacher, dass die Protagonisten unterschiedliche Ereignisse für die Ursachen ihres Unglücks halten.

So ist zum Beispiel Yalos Mutter davon überzeugt, dass das Unglück der Familie von den Kindheitserlebnissen ihres Vaters herrührt. Als Dreijähriger hatte Pater Afram ein Massaker an syro-aramäischen Christen im Osten der Türkei überlebt. Ein Massaker, begangen von überwiegend kurdischen Soldaten der osmanischen Armee im Zuge des Völkermords an den Armeniern. Geschätzte 500.000 Menschen fielen dieser Tat zum Opfer, die heute so gut wie vergessen ist.