Die Gedichte Katharina Schultens’ bewegen sich mit schwungvoller Sicherheit durch die Gegenwart, unter Zuhilfenahme aller möglicher Fachsprachen. Das Besondere ist die Perspektive, durch die Kurs gehalten wird: Es gibt etliche Wahrnehmungswechsel und -störungen, Dreh- und Kippmomente. Das Ich, von dem aus gesprochen wird, ist eben kein Absolutes – wie könnte es das auch sein.

Das geht bis hinein in die Reflexion der Uneindeutigkeit von Sprache selbst. die möglichkeit einer verwechslung bestünde jederzeit etwa inszeniert ein Spiel im Konjunktiv: "die konjunktive / - das ist das problem – greifen parallel / auf vieles zu. in ihren flächen laufen / keine linien auf ein ziel stattdessen / - schnitte ohne konsequenzen. // jedoch nicht absehbar / daß sie so zärtlich würgen / würden. war überhaupt nicht / bös gemeint. sie sind noch klein."

Schultens versteht es auf faszinierende Weise, Unbedingtes und Mögliches miteinander in Beziehung zu setzen, ins Schwingen zu bringen. Außen und Innen treffen reibungsvoll aufeinander. Wie durchdringt man das Feste, Festgezurrte, wie durchschneidet man die Haut, kommt ins Verborgene – mit anderen Worten, wie lässt sich unter all dem Anschein und der Macht des Technischen und Prosaischen Gefühl erzeugen, ohne gefühlig oder gar gefällig zu werden? Und wie kann ein Gedicht das überhaupt leisten? Am ehesten unter der voraussetzung man entfernte den schutz .

Schultens' Texte zeigen, dass dies funktioniert, sich in Form auflösen lässt, Sprache zur Wunschmaschine und zum stets zu bewältigenden Problem werden muss. Körper, Schrift, Körpermusik, Bewegung, Liebe – was hier eine Aufzählung plakativer Begriffe ist, wird in ihren Gedichten zu Klang. Nicht unbedingt zu Wohlklang, aber zu einem schneidenden, harschen, manchmal dissonanten Sound. Manchmal auch zu einer anheimelnden Geste, in die sich schon der Schmerz einschreibt: "- mit dir wäre sicherlich die / innigste versorgung – von außen richtig / filigran doch zähes material & leicht zu pflegen / = ein ceranfeld in gedanken // auf dem sich zu bewegen sei: zärtliche hand / schon abgepaßt – noch leicht in seinem haar / vernäht... ein narbenglühen wenn zum abschied / er leichthin die silhouette abtastet: gute miene."

Das Trennende wird in Einklang gebracht mit der eigenen Sprache. Und die trägt durch das Jetzt, bringt das Ich auf Kurs. In eine Zukunft, die dann vielleicht doch ein paar Versprechen einzulösen vermag. Zumindest literarische.