ZEIT ONLINE: Frau Mädler, wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Roman Legende vom Glück des Menschen ?

Peggy Mädler: Es war eigentlich fast so, wie ich es am Anfang des Buches auch beschreibe. Nur dass ich jenen Bildband Vom Glück des Menschen , um den es in meinem Roman ja geht, nicht im Nachlass meiner Großeltern fand, sondern im Bücherschrank meiner Eltern. Er ist eine Art Katalog zur gleichnamigen großen Fotoausstellung, die 1967 aus Anlass des 50. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Berlin gezeigt wurde. Beim Durchblättern des Fotobandes war ich dann sofort fasziniert. Da gab es diesen Zwiespalt, der nicht so einfach aufzulösen war. Viele der Bilder kamen mir vertraut vor, weil ich mit ihnen aufgewachsen bin. Gleichzeitig erschien mir der Versuch, die Auffassung vom Glück gesellschaftlich zu normieren oder überhaupt zu verallgemeinern, aus heutiger Perspektive absurd.

ZEIT ONLINE:  Was bedeutet Glück für Sie?

Mädler: Für mich entsteht Glück letztlich aus vielen Facetten. Natürlich spielen gesellschaftliche Rahmenbedingungen eine Rolle, biografische Besonderheiten, wie man aufwächst, Begegnungen mit anderen Menschen oder Zufälle. Es geht aber eben auch um die eigene Haltung zum Glück. Wie sich jeder Einzelne das Glück vorstellt. Damals begann ich, über solche Dinge nachzudenken, und daraus entstand dann in den kommenden drei Jahren dieser Roman.

ZEIT ONLINE:  Viele sehen in Ihrem Buch eine DDR-Geschichte. Sie auch?

Mädler: Ich wollte kein Buch über die DDR schreiben, sondern von drei Generationen einer Familie erzählen. Wie die sich in der jeweiligen Gesellschaft mit ihren Erinnerungen verorten, und wie diese im Verhältnis zur offiziellen Geschichtsschreibung stehen. Man erinnert sich ja oft an gesellschaftliche Daten, wenn sie mit privaten Ereignissen oder Erfahrungen verknüpft sind. Das ist ganz normal, also nicht DDR-typisch. Aber klar, mein Buch spielt über weite Strecken auch in der DDR.

ZEIT ONLINE:  Was interessiert Sie eigentlich so an der Ambivalenz zwischen privatem Erinnern und öffentlicher Erinnerungskultur?

Mädler: Dass man Widersprüche aushalten muss. Wenn sich meine Großmutter früher an die Zeit erinnert hat, als sie jung war, als sie meinen Großvater kennengelernt und geheiratet hat, dann hat sie über eine Zeit gesprochen, die für mich als Enkelin für den Nationalsozialismus steht, für die Judenverfolgung, für einen auf breiter Ebene akzeptierten Massenmord. Natürlich verwehrt sich da etwas in mir gegen diese private Ebene der Erinnerung. Und gleichzeitig müsste man genau an dieser Stelle weiterreden. Es ist schwer, in solchen Gleichzeitigkeiten zu denken, für beide Seiten. Das tut auch weh. Und das ist viel anstrengender als Klarheit.

ZEIT ONLINE: Sie selbst haben den Sozialismus nur noch als Kind in der Schule kennengelernt. Welche Eindrücke sind geblieben?

Mädler: Ich war 13 zur Wendezeit und habe fast nur Kindheitserinnerungen an die DDR. Aber bei Bekannten, die drei Jahre älter sind, ist das schon anders. Als Jugendliche haben viele von ihnen 1989 bereits politisch gedacht.

ZEIT ONLINE: Erinnern Sie sich noch an den Wehrkunde-Unterricht?

Mädler: Nein. Den gab es ja, glaube ich, erst mit 14. Aber ich habe PA gehabt. Das war auch ein Unterrichtsfach. Die Abkürzung steht für Polytechnische Arbeit. Da habe ich Schallplatten-Endausschalter gelötet und Rohrschellen gefeilt.

ZEIT ONLINE: Wie viel Peggy Mädler steckt in der Hauptfigur Ina Endes?

Mädler: Fünfzig Prozent bestimmt. Sie stellt sich ja all den Fragen, die mir beim Blättern in dem Fotoband gekommen sind. Ich habe sie aber dann für den Roman in Ecken getrieben, in denen ich selbst nicht stand. Die waren mir wichtig, zum Beispiel die Konfrontation mit der älteren Bruderfigur. Im Gegensatz zu Ina stellt er in der Wendezeit kritische Fragen. Ich selbst habe auch einen Bruder. Aber er ist drei Jahre jünger.