Die Kindheit ist ein Land für sich, voll von Geheimnissen und dunklen Ecken, von Ritualen, Abenteuern und Gefahren. Im Nachhinein, wenn alles vorbei und man selbst in die entzauberte Welt der Erwachsenen integriert worden ist, blickt man auf das gefährliche Kindheitsland nicht selten sehnsuchtsvoll und in nostalgischer Verklärung zurück: Hier war alles noch möglich, weil in der eigenen Fantasie jede Möglichkeit offen stand. Brenntage , der neue Roman des 1972 in Tschechien geborenen und seit seinem siebten Lebensjahr in Österreich lebenden Schriftstellers Michael Stavarič, ist ein Kindheits- und Jugenderinnerungsbuch, ein ganz besonderes, ein außergewöhnliches, ja geradezu exzentrisches.

Was darin alles nicht vorkommt: Bonanza-Fahrräder und Popmusik, Fernsehserien und Ferienlieben, Eisdielenflirts und erste Fußballerfolge. Nichts also, wovon Stavaričs Generationsgenossen unwillkürlich zu erzählen beginnen, wenn sie von ihrer prägenden Zeit erzählen. Stavarič, Adelbert-von-Chamisso-Förderpreisträger des Jahres 2008, schafft eine Welt komplett neu; ein ganzes Universum aus Sprache, Rhythmus und Motiven, die vom romantischen Fundus bis in die Gegenwart hineinreichen.

Das Szenario, in das Stavarič seine Figuren hineinsetzt, kommt Lesern seines vorangegangenen Romans Böse Spiele bekannt vor; fast hat man den Eindruck, als habe er dort das Terrain vorbereitet, auf dem er nun Ernst macht: Es ist ein Schlachtfeld. Wohl gibt es auch einen Plot im eigentlichen Sinne. Der ist allerdings so schnell nacherzählt, dass daran deutlich wird, wie unwichtig er letztlich ist: Ein Junge wächst nach dem Tod der Mutter bei seinem Onkel in einem abgelegenen Dorf auf. Im Grunde genommen ist das alles. Und es genügt auch. Denn Stavaričs Prosa ist nicht plotselig, sondern weltaufbauend; nicht ausmalend, sondern konstruktiv aus sich selbst heraus.

Der Onkel, bei dem der namenlose Ich-Erzähler untergekommen ist, ist so etwas wie der Anführer einer Gemeinschaft, die aus archaischen Ritualen Identität und Schutzgefühl gegen eine zunächst diffuse äußerliche Bedrohung gewinnt. Die Brenntage, die dem Roman seinen Namen geben, sind Teil der dörflichen Riten: Einmal im Jahr stellen die Bewohner alles, was sie nicht mehr gebrauchen können, vor ihre Häuser und zünden es an – ein Lauffeuer, das durch die Gassen zieht und die Gesichter der Menschen erhellt.

Der Roman ist voll von Bildern wie diesen. Es geht um Herkunft und Identität, um die Lasten der Vergangenheit und um Läuterung. Was das Feuer nicht zerstören kann, wird vergraben: "Mit nahezu religiösem Eifer hoben die Menschen unserer Siedlung Gräben und Gräber für ihre Vergangenheit aus, darin landeten Matratzenroste und Kachelöfen, Motorenteile und Rasenmäher; Mikrowellen, Kleiderbügel und was sonst noch das Herz nun nicht mehr begehrte." Das Neue prallt auf das Alte; die Kräfte des Verschwindens kämpfen gegen die des Bewahrens, und der Onkel kann gar nicht oft genug betonen, wie überlegen die alten Welten sind – sie sind in den Köpfen, machtvoll und unbeirrbar.

Stavaričs Romanwelt ist bevölkert von Geistern und Gespenstern, von unheimlichen Gestalten und nicht zuletzt von Soldaten und Jägern, die in den Wäldern rund um die Siedlung hausen und einen Kampf führen, der offenbar niemals aufhört. Das semantische Feld ist das des Krieges: Blut, Tod, Brände. Mythen vom Dasein, Mythen der Entstehung. Stavarič ist hochbegabt in der Erfindung von kleinen und großen Grausamkeiten. Einiges, nein alles ist merkwürdig hier, entrückt, verzaubert. "Insgeheim", sagt der Erzähler, "glaube ich ja, dass ich meine Seele schon lange vor den Brenntagen verlor, dass etwas mit mir (und uns allen) nicht stimmte, dass die Welt eine andere war und wir mit ihr." Dieses Etwas ist der Motor, der Stavaričs Prosa hochtourig antreibt, und gleichzeitig das unbenennbare Mysterium im Zentrum. Es ist der Abstand, den das sprachliche Gebilde zur realen Welt hält.