Aus Jackentaschen
Héctor Abad kann eine Geschichte so erzählen, dass man sofort vergisst, ob man das Thema überhaupt interessant fand. Küchenrezepte zum Beispiel oder traurige Frauen. Sein neuestes Buch in deutscher Übersetzung allerdings erzählt eine an-sich-schon-interessante, eine wahre Geschichte: die des Gedichtes, das Abad am 25. August 1987, Calle Argentina, Medellín, Kolumbien, in der Jackentasche seines ermordeten Vaters fand, eines regimekritischen Arztes. Es trägt den schönen Titel Aqui. Hoy (Hier. Heute), und die Initialen J.L.B. – Jorge Luis Borges? Der Borges, wichtigster lateinamerikanischer Autor des 20. Jahrhunderts? Abads Ringen um die Dichtung und die Vergangenheit, um das, wovon nur die Spur der Worte bleibt, gehört zum Besten, was über die leidenschaftliche Liebe zur Literatur in den letzten Jahren geschrieben wurde. (Leonie Meyer-Krentler)

Héctor Abad: Das Gedicht in der Tasche. Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann. Berenberg Verlag 2011, 130 S., 20 Euro.

Kurz und voller Spott
Es ist der 29. März 2003, da erklärt Haiti den USA den Krieg. Eine Clique aus der haitianischen Oberklasse provoziert gewitzt den übermächtigen Nachbarn, indem sie der ganzen westlichen Welt ein paar Falschmeldungen unterjubelt. Unvorstellbare Mengen Erdöl vor Haitis Küsten gefunden! Bootsflüchtlinge bereit zur Landung an Floridas Stränden! Schon drängen sich die Geschäftemacher am Flughafen von Port-au-Prince. Und Geschäfte, das ist es, worauf die Intriganten hoffen. Sie spekulieren auf ein Wiederaufbauprogramm nach Kriegsende, orchestriert und in die Tat umgesetzt vom reichsten Land der Welt. Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt? ist eine haitianische Polit-Satire; ein lodyan, wie solche Geschichten in Haiti heißen. Sie sind die perfekte Literatur für den Sommer, sie sind kurz und häufig voller Spott. Georges Anglade beherrschte sie besonders. Diese hier geht nicht gut aus, nicht im Buch und nicht in der Wirklichkeit. Zu einem Krieg kam es zwar nicht. Doch dafür kam das Beben. Anglade starb darin am 2. Januar 2010. (Alexandra Endres)

Georges Anglade: Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt? Peter Trier Verlag 2007, 100 S., 9,90 Euro.

Zum Heulen klug
Egal, wie "wichtig" oder "lohnenswert" ein Buch sich liest – es bleibt ein kleiner Sarg, in dem ein Nachmittag oder ein Wochenende begraben liegt: Der Sommer ist halb vorbei. Die Tage werden kostbarer und kürzer. Wie viele Fehlstarts, Umwege und Sackgassen erträgt ein gutes Leben? Gabriel Bá und Fábio Moon, Zwillingsbrüder aus São Paulo, zeigen in Daytripper zehn End- und Wendepunkte im Leben des brasilianischen Journalisten Bras de Olivias Dominguez. Bras schreibt die Nachrufe der Tageszeitung. Doch seine eigenen Träume müssen warten, jahrelang. Auf Deutsch ist der zum Heulen kluge Comic vorerst nicht geplant. Dann also: Die US-Ausgabe! So brutal zärtlich, ernst und hoffnungsvoll brüllt kaum ein anderes Buch: "Du stirbst. Wach auf! Fang an, zu leben!" (Stefan Mesch)

Gabriel Bá, Fábio Moon: Daytripper. Vertigo Verlag 2011, 256 S., 14 Euro.

Bücher von Jens Bjørneboe, Andrea Böhm und Lee Child 

Finsteres X-Burg
Dass der Mensch sowohl zur ungeheuerlichen Bestialität neigt als auch zur herausragenden künstlerischen Leistung befähigt ist, hat den Schriftsteller Jens Bjørneboe (Jahrgang 1920) fast irre gemacht. Dieser norwegische Außenseiter hat sein  Leben der Klärung dieser Frage gewidmet: Wieso gibt es das Gute und das Böse in der Welt? Sein fulminanter Debütroman Ehe der Hahn kräht (1952) wurde jetzt neu aufgelegt. Das Buch hat einen Ich-Erzähler zum Helden, der im zerstörten Nachkriegsdeutschland, in einer Stadt namens X-Burg, aus persönlichem wie beruflichem Interesse die so genannten "Ärzteprozesse" und die Schicksale hinter den Verbrechen erforscht. Vor allem die psychische Disposition der Täter ist ihm ein finsteres Rätsel, das er eindringlich beleuchtet. Eine ebenso erhellende wie verstörende Lektüre. (Martin Brinkmann)

Jens Bjørneboe: Ehe der Hahn kräht. Aus dem Norwegischen von Ursula Gunsilius. Merlin Verlag 2011, 208 S., 19,50 Euro.

Was für ein Land!
Darf man die Bücher von Kollegen empfehlen? Vermutlich nicht. In diesem Fall tue ich es trotzdem. Es ist einfach zu schön, sich in der irrsinnigen Welt des Kongos zu verfangen, die die ZEIT-Reporterin Andrea Böhm beschreibt. Lapidar, wie es ihr eigen ist, erzählt sie von Motorradfahrten durch den Karsai auf den Spuren eines afroamerikanischen Missionars; von den Diamanten-Gräbern (im doppelten Wortsinn) in Mbuji-Mayi; von überladenen Booten, die Menschen über den Kongo transportieren ("Zwanzig Leute?" "Nein, Zweihundert") und in die sie dann doch lieber nicht einsteigt. Ehrlich gegen alle, denen sie begegnet, ihre Verrücktheiten nicht beschönigend. Ehrlich auch gegen sich selbst, die nicht jedes Essen mag und nicht jeden Menschen gleich sympathisch findet. Und die dem Leser dann wieder Tränen des Lachens und der Rührung entlockt, wenn sie mit den Frauen aus Kinshasa in jenem Stadion boxt, in dem einst Muhammad Ali seinen legendären Kampf gegen George Foreman bestritt. Kein Buch über Afrika und die Liebe zu diesem Kontinent, sondern einfach nur eine Reise durch den Kongo. Was für ein Land. (Karsten Polke-Majewski)

Andrea Böhm: Gott und die Krokodile. Pantheon Verlag 2011, 272 S., 14,99 Euro.

Rächer ohne Reue
Ein Freund nannte diese Art Bücher mal abwertend "airport literature" – Werke, die nichts weiter sollen, als ablenken und auf öden Flughäfen die Zeit vertreiben. Manche können das besser als andere. Jack Reacher beispielsweise. Er ist die Hauptfigur einer ganzen Serie von Romanen des Briten Lee Child. Reacher ist ein Nomade, ein Ex-Soldat ohne Wohnung und Besitz, wortkarg, aufrecht und durchdrungen vom Glauben an Gerechtigkeit. Vor allem aber ist er ein Rächer, der ohne Reue und ohne Strafe schlägt, tritt, sticht und schießt, um Schwache zu schützen. Welcher Mann wäre das nicht gern? Reacher ist die Personifizierung dieses Gedankens. Und die Antwort auf die Frage, warum eine Gesellschaft ihm besser nicht anhängt und diese Arbeit besser Gerichten überlässt. Denn Reacher ist brutal und er ist allein, er kann furchtbar irren. Das aber ist spannend erzählt und erfüllt ein paar geheime Fantasien. Und es vertreibt die Zeit, versprochen. (Kai Biermann)

Lee Child: Die Jack Reacher Romane. Blanvalet Taschenbuch Verlag/Heyne, ab 9,95 Euro.

Bücher von Chris Cleave, Péter Esterházy und Christian Försch

Welten, die sich verweben
Strandurlaub in Nigeria. Um unkonventionell zu sein und dabei ihre Ehe zu retten, fährt eine britische Lifestyle-Journalistin mit ihrem Mann in ein wohlabgeschirmtes Luxus-Ressort. Als die beiden naiv einen Schritt über die Hotelanlage hinaus tun, geraten sie mitten in einen nigerianischen Ölkrieg. Gedopte Soldaten bedrohen zwei Schwestern, weil sie Zeuginnen eines Massakers waren. Plötzlich ist die Welt grausam, die Engländer in Badebekleidung greifen ein. Ihr traumatisches Ferienerlebnis versuchen sie später in London so lange zu vergessen, bis eines der Mädchen vom Strand, Little Bee, als Flüchtling vor ihrer Tür steht. Ungebeten und selbstverständlich wird sie Teil ihres überhaupt nicht intakten britischen Familienlebens. Eine Geschichte über Welten, die sich verweben, und über die Suche nach einer Sprache, in der über glückliche Momente, Abgründe und Grausamkeiten etwas zu sagen wäre. (Meike Dülffer)

Chris Cleave: Little Bee. Aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg. Deutscher Taschenbuch Verlag 2011, 320 S., 14,90 Euro.

Das Frühwerk!
Wer Péter Esterházy nicht kennt, sollte ihn jetzt kennen lernen. Und zwar von Beginn an! Im Jahr 1950 geborener Sohn DER Esterházys, denen einst alles in Ungarn gehörte, bis Räterepublik und  Enteignung kamen und der Autor nichts erbte als seine Familiengeschichte. Aus der erzählt er. Mehrere tausend Seiten sind es seitdem, und die ersten 500 seines Frühwerks wurden endlich auf Deutsch nachgereicht. Ein Roman, genauer zwei Romane, in denen es vereinfacht gesagt um ein Mathematikinstitut geht, um den Realsozialismus und um einen Biografen, der erstaunliche Ähnlichkeit mit Esterházy selbst und Goethes Sekretär hat. Aber solche Angaben kämen diesem Buch nicht nah, das von verwegenen Abschweifungen und biografischen Finten, von heiteren Sprachschelmereien und Reflexionen getragen wird – sodass man sich fragt, ob es noch ein Roman ist oder nicht etwas völlig anderes begonnen hat. Und nehmen Sie hinterher am besten Ihren ganzen Jahresurlaub und stürzen sich ins restliche Werk dieses originellen Geistes. Sie werden ihn brauchen. (David Hugendick)

Péter Esterházy: Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane). Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. Berlin Verlag 2011, 544 S., 36 Euro.

Italiens Schlangengrube
Christian Förschs Krimidebüt Acqua Mortale besitzt so ziemlich alles, was einen erstklassigen Krimi ausmacht: Milieukenntnis, Tempo und Figuren, die das Gegenteil von Abziehbildern sind – hineinversetzt in einen Plot, der es in sich hat. Es geht um illegal abgetragenen Sand im Po-Delta, was zu einer Bedrohung des gesamten italienischen Ökosystems führt. Als der deutsche Radiojournalist Kaspar Lunau den Anruf einer jungen Italienerin erhält, die ihn bittet, nach Ferrara zu kommen, um ihr bei der Aufklärung des Mordes an ihrem Freund zu helfen, lässt sich der in die Wahrheit vernarrte Einzelgänger nicht lange bitten. Und kaum vor Ort eingetroffen, versucht man bereits, ihn unsanft ins Jenseits zu befördern. Doch gegen alle Widerstände begibt sich Lunau entschlossen in die Ferrareser Schlangengrube – und die Hydra, die ihn dort erwartet, kennt keine Gnade. Das Resultat ist ein rasanter Krimi, der Italien so zeigt, wie es wirklich ist. (Peter Henning)

Christian Försch: Acqua Mortale. Aufbau Verlag 2011, 432 S., 12,99 Euro.

Bücher von Frau Freitag, Paolo Giordano und Michel Houellebecq

Lehrer sind auch nur Menschen
Hätte man selbst so eine Lehrerin gehabt, dann wäre man gerne zur Schule gegangen. Das ist der erste und auch der letzte Gedanke, den man beim Lesen von Chill mal, Frau Freitag hat. Frau Freitag gibt es wirklich. Sie unterrichtet Englisch und Kunst in einer Brennpunktschule in einer deutschen Großstadt und erzählt offen aus ihrem Job. Wie aus dem engagierten Referendar der frustrierte Lehrer wird, der seinen Arbeitsalltag nur mit viel Humor und Pragmatismus meistern kann. Wie aus manchen die Opfer tyrannischer Schüler werden und welche pädagogischen Rezepte geholfen haben. Doch im Verlauf des Buchs merkt man, dass Frau Freitag alle ihre Schüler mag: "Sie arbeiten nicht mit, weil sie sich momentan für andere Dinge interessieren. Sie sind ganz normale Teenager, haben Babyspeck und Pickel. Sie sind ständig wie auf Koks, völlig überdreht und zu laut. Ich finde sie wirklich super.“ Es sind Liebeserklärungen wie diese, die den Charme des Buches ausmachen. (Tina Groll)

Frau Freitag: Chill mal, Frau Freitag. Ullstein Verlag 2011, 336 S., 9,99 Euro.

Keine leichte Strandlektüre
Ein einziger Moment, der ihre Zukunft verändert – für Mattía, als er seine Zwillingsschwester aus den Augen lässt, für Alice, als der Vater ihre Lebenslust zerstört. Von nun an leben beide als Außenseiter fast autistisch in sich gekehrt, übertragen das innere Leid auf ihre Körper, bis sich ihre Lebenspfade kreuzen. Im jeweils anderen erkennen sie die eigene Einsamkeit wieder, fühlen sich erstmals angenommen. Doch Gefühle zuzulassen müssen sie erst lernen. Ein subtiles Drama über Einsamkeit und Liebe, fesselnd bis zur letzten Seite, von Giordano in feine Sprache gehüllt. Keine leichte Strandlektüre, dafür wunderbar zum Nachdenken und zu Recht mehrfach ausgezeichnet. (Marie-Astrid Langer)

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen. Aus dem Italienischen von Bruno Genzler. Karl Blessing Verlag 2009. 363 S.,  8,99 Euro.

Eine Künstlersinfonie!

In Michel Houellebecqs jüngstem Roman, der zugleich der letzte sein soll, schwingt ein Abschied mit. Karte und Gebiet ist ein Kaleidoskop von Houellebecqs großen Themen, eine unverhüllte Zurschaustellung der zermürbenden Arbeit am Werk und die Entlarvung einer scheinheilig plappernden Gesellschaft, eine Satire auf die Riten des Kulturbetriebs und eine existenzielle Auseinandersetzung mit Alter und Tod. Beeindruckend und rührend ist der traumwandlerisch einfache Ton, in dem Houellebecq diese autobiografische Künstlersinfonie in vier Sätzen komponiert hat. Man wünschte sich, seine Ankündigung, mit dem Schreiben aufzuhören, sei wieder nur ein großmäuliger Versuch gewesen, die Presse zu ködern. Aber vielleicht meint der 53-jährige Houellebecq es so ernst wie diesen Roman, der ihm seinen Nachruhm sichern dürfte. Wenn man nur ein Buch liest in diesem Jahr, dann sollte es dieses sein. (Ulrich Rüdenauer)

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Dumont 2011, 416 S., 22,99 Euro.

Bücher von Jay-Z, Peter Kurzeck, Hermann Koch und Robert Fleck

Der überraschende Rap
Wenig an Jay-Zs Decoded deutet darauf hin, dass sich das Buch zur Urlaubslektüre eigne: Es ist sperrig und schwer, die eigentliche Erzählung wird immer wieder durch Collagen und Liedpassagen unterbrochen, die ihrerseits mit dutzenden Fußnoten versehen sind. Decoded zu lesen ist oftmals eher Fleißarbeit als Urlaub. Und trotzdem gibt es kaum ein Buch, mit dem man etwa einen Flug nach New York besser verbringen könnte: Jay-Zs Geschichte des kleinen Dealers, der zum Rap-Superstar wird, ist zwar oft erzählt worden, aber nie so emotional, so explizit politisch und so überraschend reflektiert, denn Decoded ist auch ein Roman über die USA und Reagan. Zudem: Wer bislang dachte, Raptexte seien kaum mehr als die Wiederholung eines begrenzten Repertoires an Klischees, wird ebenso eines Besseren belehrt – und sich bei dieser Lektion bestens amüsieren. (Daniel Erk)

Jay-Z: Decoded. Spiegel & Grau 2010, 336 S., 29,95 Euro.

Hessen und Tiefkühltruhen
Für diejenigen, die die Welt des Peter Kurzeck bis jetzt noch nicht für sich entdeckt haben, ist nun der richtige Zeitpunkt. Vorabend ist ein 1.000-Seiten-Buch, in dem die mittelhessischen Dörfer Lollar und Staufenberg zur ganzen Welt werden. Ein Roman, der die Zurichtung einer Landschaft in ein von Umgehungsstraßen und Tiefkühltruhen beherrschtes System zeigt. Die Mentalitätsgeschichte eines Landes und der Menschen in ihm, und all das im unverwechselbar melodiösen Kurzeck-Tonfall. Dies ist, das darf man ohne Zögern sagen, eines der bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. (Christoph Schröder)

Peter Kurzeck: Vorabend. Verlag Stroemfeld/Roter Stern 2011, 1016 S., 39,80 Euro.

Eiskalt bei 30 Grad
Wenn ein Herr Koch ein Buch mit dem Titel Angerichtet schreibt, führt das ein wenig in die Irre. Aber das tut dieser Roman ohnehin die ganze Zeit. Gutgläubig lässt man sich vom Erzähler an die Hand nehmen und merkt erst viel zu spät, dass er einen längst in die hintersten Kellergewölbe der menschlichen Grausamkeit geführt hat. Selten habe ich ein Buch gelesen, bei dem ich von Anfang an so falsch gelegen bin. Ach ja, ums Essen geht es dann doch: Die Rahmenhandlung spielt in einem Sternerestaurant. Zwei Ehepaare unterhalten sich dort über ihre Kinder. Beim Dessert sind die beiden Familien nicht mehr dieselben. Warum das Buch eine gute Strandlektüre ist? Weil einem auch bei mehr als 30 Grad eiskalt wird. Wohin sollte man das Buch eher nicht mitnehmen? In den Familienurlaub. (Carolin Ströbele)

Hermann Koch: Angerichtet. Kiepenheuer & Witsch 2010, 320 S., 19,95 Euro.

Venedig sehen und lesen

Die Biennale di Venezia, die 1895 aus der Künstlerszene Venedigs heraus gegründet wurde, gilt als die "Mutter aller Kunstbiennalen" und fehlt bei kaum einem Kunstliebhaber auf der Sommeragenda. Robert Fleck beleuchtet in seinem erzählenden Essay den Werdegang dieser Ausstellung und stellt an ausgewählten Biennalen die jeweiligen kunstgeschichtlichen und ausstellungsspezifischen Umwälzungen und Provokationen vor, die von ihr ausgingen. So war zum Beispiel der erste weiße Ausstellungsraum mit den Werken Gustav Klimts 1910 oder die erste Präsentation der Sammlung Peggy Guggenheims in Europa 1948 im Rahmen der Biennale zu besichtigen. Die Eigenart der Biennale di Venezia, die Kunstwerke in Pavillons zu zeigen, die von den teilnehmenden Ländern selbst kuratiert werden, spiegelt auch die geopolitische Geschichte des 20. Jahrhunderts pointiert wider und unterstreicht den Einfluss dieser Veranstaltung weit über die Grenzen der Kunstwelt hinaus. (Norbert Bayer)

Robert Fleck: Die Biennale von Venedig. Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts. 200 S., Fundus Band 177, 14 Euro

Bücher von Alice Munro, Amélie Nothomb und Orhan Pamuk

Breit wie eine Kurzgeschichte
Es heißt immer, die Deutschen würden keine Kurzgeschichten mögen. Ich habe nie so ganz verstanden, warum. Erst recht nicht, wenn man die short stories von Alice Munro kennt, von denen es heißt, sie seien so dicht wie ein Roman. Das mag ein wenig übertrieben sein, aber etwas Wahres ist da schon dran. Munros Geschichten sind oft raffiniert erzählt, die Handlung nimmt ein ganzes Stück Anlauf und entfaltet sich dann in einer Breite, die man von Kurzgeschichten kaum erwarten darf. In diesem Jahr nehme ich ihren neuen Erzählband mit nach Italien: Zu viel Glück. (Philip Faigle)

Alice Munro: Zu viel Glück. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S.Fischer Verlag 2011, 362 S., 19,95 Euro.

Der Buchstabe A
Liebe erschafft und Liebe zerstört – im Falle des Energieberaters Zoïle bringt ihn seine enttäuschte Liebe dazu, mit einem entführten Flugzeug in den Eiffelturm fliegen zu wollen. In Amélie Nothombs Roman Winterreise wird ein Pariser zum Amokläufer weil seine Angebetete, Astrolabe, ihn abweist. Astrolabe pflegt eine behinderte Schriftstellerin bis zur Selbstaufgabe und so findet jedes Treffen des Pärchens unter den gierigen Augen der Dritten statt. Nun will Zoïle wegen seiner sexuellen Frustration das Symbol der Liebe in Form des Buchstaben A zerstören. Nothombs Roman fasziniert und irritiert zugleich mit eigenartigen Charakteren, mit boshaftem Witz und ihrer poetischen Sprache. (Katharina Kühn)

Amélie Nothomb: Winterreise. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Diogenes 2011, 128 S., 18,90 Euro.

Was mache ich hier?Cevdet und seine Söhne liest sich so spannend wie Thomas Manns Buddenbrooks und Leo Tolstois Anna Karenina und beide Romane hatte der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk dabei zum Vorbild. Es ist epigonal, aber großartig epigonal. Pamuk beschreibt Sofas nicht mit mäandernden Sätzen wie Thomas Mann. Er erzählt mit leichter Hand und überzeugend geschilderten Figuren inklusive eines deutschen Eisenbahningenieurs eine Familiengeschichte vom Vorabend der Jungtürkischen Revolution 1908 bis zum Militärputsch 1971. Und auch die Kernprobleme der Türkei zwischen Orient und Okzident. Vor allem ist es aber ein Buch über die ewigen Fragen: Wer bin ich, was tue ich und wohin geht's? (Fokke Joel)

Orhan Pamuk: Cevdet uns seine Söhne. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Hanser 2011, 672 S., 24,90 Euro.

Bücher von Peter Richter, Jon Ronson und Tiqqun

Abstinenz ist gefährlich
Das Trinken ist die Grundlage unserer christlich-abendländischen Kultur. Ob Peter Richter einen im Tee hatte, als er diese steile These aufgestellt hat? Wie auch immer, wir folgen seinem Rauschratgeber gerne. In seinem neuesten Buch mischt der Feuilletonist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Harald-Schmidt-Videokolumnist kulturhistorische Wahrheiten und (wir unterstellen) einen ausreichenden Erfahrungsschatz an teilnehmender Beobachtung zu einem feuchtfröhlichen Cocktail. "Die Bierflasche ist die Clutchbag des Herrn", lesen wir, und "mit Boris Jelzins Torkeln verbindet sich heute nicht die Eskalation, sondern das Ende des Kalten Krieges." Mit anderen Worten: Wer trinkt, geht mit der Zeit, wer trinkt, schafft Frieden, Abstinenz dagegen ist gefährlich. Wir ahnten es immer. (Oliver Fritsch)

Peter Richter: Über das Trinken. Goldmann 2011, 224 S., 12,99 Euro.

Psychopath zum Mitreisen gesucht
Immer wieder, wenn man alles zu wissen glaubt, kommt Jon Ronson. Der Waliser ist so etwas wie der Meister des kontraintuitiven investigativen Journalismus. Sein im Frühjahr erschienenes Buch The Psychopath Test ist eine Reise durch die Welt der Psychopathen, denen er in Psychiatrien, Haftanstalten und auch in freier Wildbahn begegnet. Die Grenzen zwischen Wahnsinn und Vernunft verwischen mit jeder Seite dieses unterhaltenden Buchs. Dazwischen bewegt sich Ronson, dessen Stärke gerade darin besteht, Stümperhaftigkeit vorzugaukeln. Genau das Richtige für den Strand, wenn man sich mal wieder Gedanken macht, ob der Nebenmann oder Mitreisende nicht vielleicht doch Psychopathen sind, unter ihrer mit Sonnenöl eingeriebenen Oberfläche. Ronson freilich würde sich einen Psychopathen-Test aus dem Internet laden und einfach mal nachfragen. (Johannes Thumfart)

Jon Ronson: The Psychopath Test. Picador 2011, 240 S., 19,99 Euro.

Trash-Theorie
Das französische Autorenkollektiv Tiqqun entlarvt in seinem Traktat Warenfetischismen, Körperkult und die Etablierung des Werbebildes als Selbstbild. Das Wesen im Zentrum dieser Theorie, das Jungen-Mädchen, ist geschlechtslos und sowohl der "Frauenaufreißer in der Disco" als auch die "großstädtische Single-Frau, die zu sehr an ihrer Consulting-Karriere hängt". Als Trash-Theoretiker bezeichnen sich die Autoren. Und so collagieren und montieren sie auf hundert Seiten den Müll des Alltags: Gesprächsschnipsel, Magazintexte oder Zitate von Silvio Berlusconi mit Auszügen aus den philosophischen Schriften von Georg Simmel, Guy Debord und Siegfried Kracauer. Dieses aphoristische Sammelsurium aus Text und Bild entwickelt einen Sog, der dem Leser den hämischen Fingerzeig auf "die Anderen" nicht durchgehen lässt und eigene Abhängigkeiten frech vor Augen führt. (Mareike Nieberding)

Tiqqun: Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens. Aus dem Französischen von Parti Imaginaire. Merve Verlag 2009, 136 S., 13 Euro.