Finsteres X-Burg
Dass der Mensch sowohl zur ungeheuerlichen Bestialität neigt als auch zur herausragenden künstlerischen Leistung befähigt ist, hat den Schriftsteller Jens Bjørneboe (Jahrgang 1920) fast irre gemacht. Dieser norwegische Außenseiter hat sein  Leben der Klärung dieser Frage gewidmet: Wieso gibt es das Gute und das Böse in der Welt? Sein fulminanter Debütroman Ehe der Hahn kräht (1952) wurde jetzt neu aufgelegt. Das Buch hat einen Ich-Erzähler zum Helden, der im zerstörten Nachkriegsdeutschland, in einer Stadt namens X-Burg, aus persönlichem wie beruflichem Interesse die so genannten "Ärzteprozesse" und die Schicksale hinter den Verbrechen erforscht. Vor allem die psychische Disposition der Täter ist ihm ein finsteres Rätsel, das er eindringlich beleuchtet. Eine ebenso erhellende wie verstörende Lektüre. (Martin Brinkmann)

Jens Bjørneboe: Ehe der Hahn kräht. Aus dem Norwegischen von Ursula Gunsilius. Merlin Verlag 2011, 208 S., 19,50 Euro.

Was für ein Land!
Darf man die Bücher von Kollegen empfehlen? Vermutlich nicht. In diesem Fall tue ich es trotzdem. Es ist einfach zu schön, sich in der irrsinnigen Welt des Kongos zu verfangen, die die ZEIT-Reporterin Andrea Böhm beschreibt. Lapidar, wie es ihr eigen ist, erzählt sie von Motorradfahrten durch den Karsai auf den Spuren eines afroamerikanischen Missionars; von den Diamanten-Gräbern (im doppelten Wortsinn) in Mbuji-Mayi; von überladenen Booten, die Menschen über den Kongo transportieren ("Zwanzig Leute?" "Nein, Zweihundert") und in die sie dann doch lieber nicht einsteigt. Ehrlich gegen alle, denen sie begegnet, ihre Verrücktheiten nicht beschönigend. Ehrlich auch gegen sich selbst, die nicht jedes Essen mag und nicht jeden Menschen gleich sympathisch findet. Und die dem Leser dann wieder Tränen des Lachens und der Rührung entlockt, wenn sie mit den Frauen aus Kinshasa in jenem Stadion boxt, in dem einst Muhammad Ali seinen legendären Kampf gegen George Foreman bestritt. Kein Buch über Afrika und die Liebe zu diesem Kontinent, sondern einfach nur eine Reise durch den Kongo. Was für ein Land. (Karsten Polke-Majewski)

Andrea Böhm: Gott und die Krokodile. Pantheon Verlag 2011, 272 S., 14,99 Euro.

Rächer ohne Reue
Ein Freund nannte diese Art Bücher mal abwertend "airport literature" – Werke, die nichts weiter sollen, als ablenken und auf öden Flughäfen die Zeit vertreiben. Manche können das besser als andere. Jack Reacher beispielsweise. Er ist die Hauptfigur einer ganzen Serie von Romanen des Briten Lee Child. Reacher ist ein Nomade, ein Ex-Soldat ohne Wohnung und Besitz, wortkarg, aufrecht und durchdrungen vom Glauben an Gerechtigkeit. Vor allem aber ist er ein Rächer, der ohne Reue und ohne Strafe schlägt, tritt, sticht und schießt, um Schwache zu schützen. Welcher Mann wäre das nicht gern? Reacher ist die Personifizierung dieses Gedankens. Und die Antwort auf die Frage, warum eine Gesellschaft ihm besser nicht anhängt und diese Arbeit besser Gerichten überlässt. Denn Reacher ist brutal und er ist allein, er kann furchtbar irren. Das aber ist spannend erzählt und erfüllt ein paar geheime Fantasien. Und es vertreibt die Zeit, versprochen. (Kai Biermann)

Lee Child: Die Jack Reacher Romane. Blanvalet Taschenbuch Verlag/Heyne, ab 9,95 Euro.