Als Ernest Hemingway am Morgen des 2. Juli 1961 beide Läufe eines Jagdgewehrs gegen die Stirn richtete, war er ein Schriftsteller geworden, der glaubte, die Fähigkeit zum Schreiben verloren zu haben. Seine einst mit Grandezza herausposaunte pathetische Floskel "Ein Mann kann vernichtet, aber nicht besiegt werden", hatte plötzlich für ihn selbst ihre oft beschworene Gültigkeit verloren. Mit den Zehen seines rechten Fußes drückte er ab.

Schon vor seinen letzten Lebensstunden hatte Hemingway zurückgezogen in seine Erinnerungen gelebt. Er muss gespürt haben, was er dem Rumschmuggler Harry Morgan, dem Romanhelden aus Haben und Nichthaben (1937) sagen ließ: "Alleine hast Du keine Chance!" Und Hemingway, bei seinem Selbstmord 62 Jahre alt, muss sich ziemlich alleine gefühlt haben – eingesperrt in seinem eigenen Ruhm wie ein Sträfling hinter Zellenmauern. Ein Opfer seiner Großmannssucht und seines Männlichkeitswahns, ausgebrannt und zum traurigen Verwalter seiner eigenen Legende geworden. Er, der vier Frauen und drei Söhne hatte und den Zauber des geglückten Augenblicks zwischen Mensch und Natur in seinen Büchern zu beschwören vermochte wie kaum ein anderer.

Seine Romane Wem die Stunde schlägt , Fiesta , Die Grünen Hügel Afrikas , In einem anderen Land oder Inseln im Strom bewahren die Geschichten des lebenshungrigen Einzelgängers. Der es liebte, "draußen auf Booten zu sein, in Sätteln zu sitzen, zu beobachten, wie Schnee kommt, zu beobachten, wie er verschwindet, Regen auf einem Zelt zu hören, zu wissen, wo ich finden kann, was ich will." Der opulente, soeben in der Zürcher Edition Olms erschienene und von der Hemingway-Enkelin Mariel Hemingway herausgegebene Band Ernest Hemingway in Bildern und Dokumenten zeichnet das Leben des Schriftstellers in zum Teil bisher noch nicht gesehen Fotografien und Dokumenten nach.

Und blättert man den gut 200 Seiten starken Bildband durch, erschließt sich einem der Geist jenes Mannes, der das Skilaufen in Vorarlberg und das Forellenfischen im Schwarzwald ebenso liebte wie die Stierkämpfe in Spanien oder das Leben im Paris der Gertrude Stein –  mit James Joyce, Ezra Pound und all den anderen, die in den frühen Zwanzigern zur sogenannten "Lost Generation" zählten. Vor allem legt der Band Hemingways Wurzeln frei. Indem er in privaten Bildern seine frühsten Initiationen zeigt: Da sehen wir den jungen Schlacks, wie er, durchs aufgeschossene Gras hindurch fotografiert, in einer Wiese liegt und schreibt, sehen ihn beim Fischen mit dem Vater und bei ersten Schießübungen.