Der historische Kern der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt Tallinn mag nicht so Recht zu Jim Ashilevi und Katja Novitskova passen. Ashilevi gilt als einer der wichtigsten Nachwuchsschriftsteller Estlands, bekannt ist er in Deutschland vor allem für sein Stück Porzellanrauch , das von einem Schizophrenen handelt. Die estnische Medienkünstlerin Novitskova lebt hauptsächlich in Amsterdam und hat zuletzt den Post Internet Survival Guide herausgegeben, einen weltweit beachteten Band über Internet-Kunst.

ZEIT ONLINE: Mit einer Million Sprechern ist Estnisch eine fast vernachlässigenswerte Sprache. Was bedeutet es, Teil einer so marginalen Kultur zu sein?

Jim Ashilevi: Es ist schwer, auf Estnisch zu schreiben. Man verliert sich leicht im Englischen, das hier eine große Rolle spielt. Meine Sprache war anfangs regelrecht vom Englischen kontaminiert. Um auf Estnisch zu bestehen, muss man den Gedanken aufgeben, dass es die Anzahl der Sprecher ist, die über die Marginalität einer Sprache entscheidet. Was zählt, ist die Reinheit des Ausdrucks.

Katja Novitskova: Estnisch ist meine Zweitsprache, ich bin mit Russisch aufgewachsen. Estnisch habe ich erst während meines Studiums gelernt. Es blieb mir lange Zeit fremd, das war sicher auch ein Grund, weshalb ich wie viele russischstämmige Esten ins Ausland gezogen bin. Dort sind die Chancen für mich einfach besser. Erst jetzt, wo ich den Blick von außen habe, finde ich viele Dinge in Estland liebenswert, auch manche estnische Wörter.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Novitskova: "Kobe" ist so ein Wort. Wörtlich heißt es "weich", aber auf Estnisch bedeutet es, dass man etwas oder jemanden süß findet. Das klingt für mich nach Zuhause.

Ashilevi: Ich finde "Ma ei vitsi" ganz gut, was wörtlich heißt, sich keine Mühe zu geben, aber eigentlich meint, keinen Bock zu haben. Wir Esten benutzen diese Wendung ständig, vor allem, um sozialen Verpflichtungen aus dem Weg zu gehen.

ZEIT ONLINE: Das hört sich misanthropisch an.

Ashilevi: Ist es auch. Das Zusammenleben bereitet dem Esten Mühe, es geht eher darum, den Nachbarn so gut es geht zu vermeiden und in Ruhe auf seinem Stück Land zu arbeiten. So wird das schon in den Romanen Anton Hansen Tammsaares beschrieben, dem Klassiker der estnischen Literatur.

ZEIT ONLINE: Spielt diese estnische Mentalität eine Rolle in eurer Arbeit?

Ashilevi: Vielleicht was den introvertierten Charakter vieler meiner Figuren anbelangt. Obwohl mich kein Mensch auf der Straße für einen Esten halten würde, bin ich da völlig Estnisch.

Novitskova: Es gibt eher einen negativen Zusammenhang zwischen meiner Arbeit in der Internet-Kunst und meiner Identität als russischstämmige Estin. Ich bin in einem dieser großen sozialistischen Wohnblocks hier in Lasnamäe aufgewachsen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind diese Blocks zu vollkommenen Sinnwüsten geworden, sie blieben in der Planungsphase stecken. Zudem gab es für ihre zumeist russischen Bewohner keine kulturelle Heimat mehr im selbständigen Estland. Ich war froh, dass es das Internet gab.