Die deutschen EU-Mitarbeiter sind genauso angetrunken wie ich. Es nieselt auf das Vorzelt der Bar Pullman, hier in Brüssel, am Place du Luxembourg, im Herzen Europas. Ein Journalist soll einmal gesagt haben, dass sich das politische Leben in Brüssel wie die Endlosschleife eines Erasmus-Studienjahres anfühlt.

Meine Begleiter, der ziemlich ironische Marco* (42) und die warmherzige Marie* (37) (*Namen geändert) von der Europäischen Volkspartei (EVP), bestätigen das. Sie sind beide geschieden, ihre Kinder werden bald eingeschult, sie arbeiten schon seit einigen Jahren in Brüssel. "Da will man nicht mehr unbedingt jeden Donnerstag vor der Pullman-Bar herumstehen", sagt Marco und lacht.

Man begrüßt sich wie in einer Studentenstadt, nur mit erwachsenen Gesichtern und mit leger übergeworfenen Jacketts. Ich bin hier so hineingeraten, hatte im Niedersachsenhaus Auszüge aus meinem Buch Schimmernder Dunst über CobyCounty vorgelesen und mich dann bei Salzletten und Weißwein zu einem Abend im EU-Nightlife motivieren lassen. Es gefällt mir relativ gut. Offenbar genieße ich es, als fremdes Gesicht zwischen Heizstrahlern zu stehen, mit einem Plastikbecher Bier in der Hand.

Marie erzählt, dass man den Europagedanken im Nachtleben relativ bald fallen lässt. Nach zwei Jahren Brüssel zögen sich die meisten in ihre nationalen Gruppen zurück: "Schau, da sind die Spanier. Dort die Briten. Dort ein paar andere Deutsche." Alle trinken relativ hastig und alle reden sehr, sehr viel. 

Durchaus scheint Networking stattzufinden. Selbst ich werde an-genetworked von einem jungen hessischen Juristen, der erst seit Kurzem für eine NGO arbeitet. "Aber ich schreibe doch nur Prosa über mich selbst", sage ich, um mich nicht vereinnahmen zu lassen. Der Jurist wirkt etwas übermotiviert und fragt, ob ich mich als Europäer empfinde, und dann zitiere ich aus meinem ersten Roman, zum allerersten Mal überhaupt. Dort sagt die Nebenfigur Anvar Tornheim: "Ich möchte in sämtlichen europäischen Metropolen krankenversichert sein."