Man tritt der Menschheit nicht zu nahe, wenn man sagt, dass einige Leute die Panflöten in Fußgängerzonen vermissen. Nicht musikalisch, sondern als überschaubare öffentliche Geräuschquelle, die leicht zu umgehen war. Jetzt, da jeder unentwegt selbst für die alltägliche akustische Berieselung sorgen kann, ist das komplizierter. Nicht nur Ladenketten treiben die permanente Beschallung vom Wühltisch der Achtziger und Neunziger voran. Auch bis in die U-Bahn verfolgt uns das Tüdelü der Handys, in Billigfliegern erschweren uns vollgejingelte Durchsagen die Flucht. Orte stiller Abkehr bot uns manchmal nur die Literatur. Lärmgeschützte Reservate inneren Rückzugs, einzig hin und wieder erfüllt von tiefen, nicht wahr, mit Bildung beschwerten Seufzern. Ungefähr so: Haaaachja.

Nun muss man wissen, dass der Weltenlauf selbst vor dem Buch nicht haltmacht. Auch bestehende Lektüreverhältnisse sind in modernen Zeiten gewissen Veränderungen unterworfen, und man muss nicht sonderlich wertkonservativ gestimmt sein, um sie zuweilen seltsam zu finden. Die sogenannte Leserevolution schreitet nämlich voran, mehr und mehr Menschen greifen zum E-Book. Bisher wurden nur dessen logistische (Mehr Bücher im Urlaub!) oder innenarchitektonische (Mehr Platz zu Hause!) Vorzüge gerühmt. Nun bemühen sich Entwickler um die akustische Dimension: Die Firma Booktrack bietet zu ausgewählten Romanen die passenden Klänge . In ihrer Selbstauskunft schwärmt sie von einem neuen Kapitel in der Evolution des Erzählens, von neuer Lesetiefe, von der nächsten Stufe der Unterhaltung, was in etwa bedeutet: Zu Jay McInernays New-York-Roman Bright Lights, Big City läuft eine House-Tonspur. Zu Herman Melvilles Moby Dick das tiefe Rauschen des Ozeans.

Mittelverwegen wäre jetzt die Frage, welche neue Eventkomponente das der Suggestionskraft folgender Zeilen hinzufügt: "Die lange Dünung der allmächtigen See, das hohle Rauschen der hochwogenden Wellen, wenn sie sich an den acht Dollborden entlangwälzten, riesigen Kugeln auf einer Kegelbahn gleich; das kurze quälende Verharren des Bootes, wenn es für einen Wimpernschlag auf dem Messergrat der scharfen Wogen schwebte, die es beinahe zu zerteilen drohte; das jähe tiefe Abtauchen in die wässrigen Täler und Senken."

Nichts. Außer: Tsssssssch, Tsssssssch.

Aber da auch wir uns um die Verbesserung der Lesetiefe sorgen, wollen wir, bevor diese Glosse zum versöhnlich-kritischen Schlussteil übergeht, uns der Gewalt dieser Erfindung nicht kategorisch verschließen. Deshalb bitten wir darum, dieses Lied anzuklicken, um ein optimales Leseerlebnis des letzten Absatzes zu gewährleisten. (Lassen Sie sich vom falschen Mozart nicht irritieren.)


Kommt ganz gut, oder? Und vielleicht in ein paar Jahren, wenn wirklich jedes Bücherregal aus den Haushalten verschwunden ist, haben wir uns ja längst an Musik in Büchern gewöhnt. Allerdings: Wie wäre es mit neuen literarischen Projekten von Musikern und Autoren gemeinsam, anstatt das alte irgendwie medial aufzumöbeln? Soundtrack hin oder her, auf wirklich neue Formen literarischer Textproduktion hat das E-Book leider noch immer bemerkenswert wenig Einfluss. Und solange sich der technische Innovationsdruck in nicht mehr entlädt als in solchen Sperenzchen, bleibt es nicht mehr als ein (R)evolutiönchen des Erzählens. Solange üben wir analog: Luft einziehen, Lippen auseinander, Zähne zusammen. Tsssssssch, Tsssssssch. Mit Glück fühlen wir sogar, wie die Brandung sprüht.