Der Schriftsteller Joseph O'Neill wuchs als Ire auf.

ZEIT ONLINE: Herr O'Neill, man nennt Ihr Buch Niederland den bisher besten 9/11-Roman. Finden Sie das auch?

Joseph O'Neill: Das ist natürlich schmeichelhaft. Aber es ist nicht an mir, solche Dinge zu beurteilen.

ZEIT ONLINE: Man sagt, Sie hätten etwas Wesentliches über die Zeit nach dem Anschlag eingefangen.

O'Neill: Wirklich? Es gab für mich zwei wichtige Dinge am 11. September. Das eine war die Atmosphäre in New York in der Zeit danach. Das andere war das ganze Szenario um die Bush-Regierung und den Irak-Krieg. Letzteres ist ein explizites Thema der Diskussionen zwischen der Hauptfigur meines Buches, Hans Van den Broek, und seiner Frau Rachel. Erstaunlicherweise fragt mich nie jemand nach diesem zweiten Motiv, obwohl es mir eigentlich das Wichtigere ist. Ich kann es bis heute nicht fassen, warum man George Bush noch immer mit Samthandschuhen anfasst. Da herrscht große moralische Verwirrung. Man hält es für unangemessen, am Jahrestag des 11. September über Bushs Verbrechen zu reden. Man glaubt, man müsse sich auf die Opfer konzentrieren und könne deshalb nicht darüber sprechen, was in ihrem Namen geschehen ist.

ZEIT ONLINE: Also ist für Sie die wahre Tragödie nicht 9/11 selbst, sondern die Art, wie Bush Kapital daraus geschlagen hat?

O'Neill: Ich glaube, al-Qaida hatte nie geplant, die Türme zum Einsturz zu bringen. Davon waren sie selbst überrascht. Wir haben ja gesehen, dass sie seither auch nicht annähernd in der Lage waren, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen. Der 11. September war für die Opfer und ihre Angehörigen grauenhaft. Zur Tragödie für uns alle wurde er, weil wir involviert sind in das, was als nächstes geschah: Es wurden unsere Steuergelder dafür ausgegeben, Tausende von Menschen grundlos umzubringen.

ZEIT ONLINE: Wie schnell nach dem 11. September hatten Sie das Gefühl, ein Buch darüber schreiben zu können?

O'Neill: Ich hatte die Idee zu dem Buch schon lange vor dem 11. September. Nach dem Attentat habe ich mich erst einmal auf das Leben konzentriert, ich hatte nicht das Gefühl irgendetwas schreiben zu können. Ich konnte 9/11 nicht ignorieren, wusste aber auch nicht, wie ich es einordnen sollte. Das ist mir erst nach 2003 gelungen, nach der Irak-Invasion.

ZEIT ONLINE: Wie hat der 11. September sie persönlich getroffen und vielleicht auch verändert?

O'Neill: Es war das erste Mal, dass ich mein individuelles Gewissen in ein Verhältnis zur Geschichte bringen musste. Ich fühlte mich moralisch auf die Probe gestellt.