Auf Du mit dem Gurkensüppchen

In unserer beschleunigten Öffentlichkeit sind Prominentenbiografien nicht ohne Risiko. Wenn sie erscheinen, ist der Porträtierte womöglich des Dopings überführt oder in einen Plagiatsskandal verwickelt. Oder er sitzt wieder auf der Oppositionsbank, und auch das reichte aus, um statt auf der Bestsellerliste in der verzweifelt beschrifteten Kiste vor der Tür zu landen, Buchrücken an Buchrücken mit irgendwas von Oliver Kahn und 77 Hirserezepte mit Pfiff . So grausam es klingt: Welchen Marktwert hätte heute die gedruckte Karriere von Ulla Schmidt?

In dieser Hinsicht hat Philipp Rösler Glück. Er ist Vize-Kanzler und mit der Kanzlerin stellte er jetzt seine Biografie vor, was formal als Werkbeglaubigung durchgehen kann: So wie er darin beschrieben wird, soll man ihn sich trotz Schuldenkrise und desaströser Umfrageergebnisse vorstellen. Sozusagen das offizielle Buch zum Wirtschaftsminister. Im Untertitel jedenfalls steht: Glaube. Heimat. FDP . Autor der 153 Seiten ist Michael Bröcker, Parlamentsredakteur der Rheinischen Post , der Rösler seit Jahren begleitet.

Nun ist Rösler der zweite Minister zu Merkels Amtszeiten, dessen junge Jahre mehr oder weniger literarisch bearbeitet werden. Karl-Theodor zu Guttenberg bekam eine weihevoll orgelnde Hagiografie , die er nicht autorisierte, aber auch nicht ablehnte. Statt Adel, Klavierstunden und Schlossbestaunung bewegt sich Röslers Geschichte allerdings in einem erdnäheren Koordinatensystem, Findelkind, Medizinstudium und Bückeburg, mit dem er zielgerade in die FDP steuerte. Natürlich geht's auch hin und wieder um Politik, aber es soll keine Interpretationshilfe zur liberalen Krise sein. Es geht hier weniger um Inhalte, sondern um mitfühlenden Realismus.

Wen Michael Bröcker aus Röslers Umfeld aufspürt, ist beachtlich: Vom Mathelehrer Hockemeier bis Mitschülerin Steffi, von Pfarrer Funke über Segelfluglehrer Zahn und Stabsarzt Tilsen bis zu liberalen Parteifreunden. Fast auf jeder Seite ein neuer Name, der vermeintlich Erhellendes zu sagen weiß. Doch in Hannover und Berlin, Ham- und Bückeburg herrscht sonderbare Einigkeit: Rösler sei verantwortungsvoll, aufmerksam, intelligent, ehrgeizig, vernünftig, reifer als die anderen und dabei immer gut gelaunt.

Wie kommt's? Verantwortung und Gehorsam gab's in der Bundeswehrkantine beim auf "Augenhöhe" erziehenden Vater. Intelligenz und gute Laune vom lieben Gott (der auch öfter vorkommt) und die Vernunft, zumindest pubertäre Trinkerei betreffend, liege in den Genen, beziehungsweise dem Enzym, das Asiaten " zum Alkoholabbau fehlt ". Der Rest hat sich irgendwie ergeben. Rösler erscheint in den Erzählungen seiner Freunde und Mentoren gewissermaßen als sympathischer Lebenslaufbursche, der schließlich zum Abitur 1992 in die FDP eintritt, die bald "Frag Doch Philipp" heißt. Vier Jahre später: Vorsitzender der Jungliberalen, im Quality Hotel in Peine, "direkt an der Autobahn 2". Möllemann-Gegner, Politiktalent, et cetera pp. Das ist ja ungefähr bekannt.

Wie so vieles auf dem mittlerweile auf etlichen Dritten Seiten rauf und runter erzählten "ungewöhnlichen Lebensweg", der letzthin, 2009, in die Ministerien Gesundheit und Wirtschaft führt. Allerhand hat Bröcker abseits davon gesammelt und zitiert, erinnern und sagen lassen und das Material in einem Porträt verdichtet, das darauf verzichtet, Nötiges und Unnötiges zu unterscheiden.

Man erfährt: Rösler beendet Telefonate mit seiner Frau Wiebke (Interview im Anhang) mit zwei Luftküsschen, Telefonmarke iPhone. Das Auto aber Peugeot, wegen unlösbarer Zwillingskinderwagenplatzprobleme bei der "Hausmarke niedersächsischer Spitzenpolitiker". Weit weg stehende Mülltonnen hinterm Röslerschen Haus, stechuhrgenaue Zählung von Tandemsegelflügen, hernach Alleinflug im "30.000 Euro teuren Leichtmetallflugzeug" und das Hochzeitsmenü aus "geeistem Gurkensüppchen, Hühnerbrust" plus mitternächtlicher Bauchtänzerin; man kann absolut nicht sagen, der Biograf hätte nicht gründlich recherchiert.

Die Bestsellerliste ist ihm sicher

Und so erzählt noch ein Schuldirektor ein respektvolles Anekdötchen und fliegt die nächste Zeile deutscher Parlamentsprosa in das schwarze Loch, das auch am Ende dieser Aufsteigerballade noch immer gähnt: "Was bewegt eigentlich Philipp Rösler?" Fern des Bekannten, der weidlich beschriebenen Fraktionsdebatten und Bierzeltreden. Trotz aller Details (die bestimmt kommende Röslerporträts alimentieren werden): Richtig nah kommt das Buch seinem Protagonisten selten. Inhaltlich bleibt es eine dokumentarische Fleißarbeit.

Schlimmstenfalls sogar zu einem heimlichen Leitmotiv geschäumt: "Die kulturelle Anpassungsfähigkeit vom katholischen Glauben über das politische Engagement bis zur Sprache und Musik (er hört gerne Herbert Grönemeyer und Udo Jürgens), hat Rösler perfektioniert."

Die offensichtlich auch dank österreichischer Schlagermusik gelungene Integration wird sogleich zum ständigen Refrain: "Philipp Rösler sieht sich als Deutscher." – "So sehr Philipp Rösler sich als Deutscher fühlt …" – "Philipp Rösler entwickelt ein deutsches, niedersächsisches Heimatgefühl." – "So sehr sich Philipp Rösler als Deutscher sieht." – "Der berühmte Vietnamese, der so deutsch wurde …" – "Vom fremden Aussehen abgesehen, ist Rösler ein Bilderbuch-Deutscher." Oder programmatisch: "Rösler versteht sich auch als Integrationsvorbild, der Zuwanderer an ihr Engagement erinnert." – Oder im Kolportagestil: "Fremd fühlt sich der schmächtige Junge mit den braunen Mandelaugen und dem schwarzen Haar nicht."

Der Ton verrutscht leider nicht nur da ins Ärgerliche. Neben den Mandelaugen, den selbstredend "hitzigen Debatten" im Bundestag, "schwül-heißen Sommern" und "aufwühlenden Reportagen", die irgendwo zu lesen sind, liest man etwa aus "Südvietnam. Weihnachten, 1972": Wie "im Anblick der Niederlage und unter massivem Druck der eigenen Bevölkerung" die "USA den schrittweisen Rückzug aus dem fernen Land" anordnen und der "Konflikt ein letztes Mal sein brutales, grausames Gesicht zeigt." Wer hier bereits Martin Sheen im Hubschrauber heranknattern hört, freut sich wenig später über Formulierungen, die auch Robert Gernhardt gefallen hätten: "Als Humorist ist Rösler ein richtig guter Arzt."

So oder so, ob Humoristenarzt, Euro-Krise oder zwei Prozent mit menschlichem Antlitz: Die Bestsellerliste ist ihm sicher.