Der Alexander Fest, sagte hinterher jemand, der habe schon beim Eintritt in den Kaisersaal des Frankfurter Römers ein Siegerlächeln auf dem Gesicht gehabt. Hat der Rowohlt-Verleger also schon gewusst, dass sein Autor Eugen Ruge eine Stunde später mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet werden würde ? Nein, ausgeschlossen, die Jury hält dicht. Wo käme man hin, wenn es zuginge wie beim Nobelpreis, wo plötzlich kurz vor Torschluss die Wettquoten für Tomas Tranströmer sprunghaft in die Höhe schossen?

Eugen Ruge also, ein Debütant. Das ist keine Überraschung und dann doch. Um das zu erklären, muss man ein wenig in die Feinmechanik von Juryarbeit vordringen. Da wäre beispielsweise die von allen Seiten geschätzte und hoch gelobte Sibylle Lewitscharoff und ihr Roman Blumenberg . Beide haben nun in den vergangenen Monaten so viel Ruhm und Ehre eingeheimst, zuletzt den mit 30.000 Euro dotierten Raabe-Preis , dass man wohl durchaus im Rahmen einer Abstimmung auf die Idee kommen konnte, das sei nun auch mal genug.

Und dann gab es da in diesem Jahr in der Jury ein Element, das von Beginn an für gewisse Turbulenzen sorgte. Dieses Element trug den Namen Christine Westermann. Sie tritt in der Sendung Zimmer frei gemeinsam mit dem Entertainer Götz Alsmann auf, gibt im WDR Büchertipps und wurde, so darf man vermuten, von der Akademie des Deutschen Buchpreises in die Jury berufen, um dafür zu sorgen, dass die Unterhaltungskomponente nicht zu kurz kommt.

Christine Westermann war es dann auch, die sinngemäß sagte, sie könne sich nicht vorstellen, dass in diesem Jahr noch ein besserer Roman als der von Zsuzsa Bánk erscheinen würde, weswegen sich eben jener Roman dann auch prompt noch nicht einmal auf der Buchpreis-Longlist wiederfand. Westermann riss den alten Graben zwischen U- und E-Literatur wieder auf. In einem Radiointerview vor wenigen Wochen sagte sie: Die Shortlist sei eine Mogelpackung, denn was sich darauf befände, sei hohe Literatur und mühsam zu lesen – mit Ausnahme von Eugen Ruge. Damit, so klang der allgemeine Tenor unter den Kritikerkollegen, hätte auch der sich erledigt. So kann man irren. Für Juryschelte besteht kein Grund; die hat ja bereits Frau Westermann unternommen.

Roman von Eugen Ruge - Radischs Lesetipp: "In Zeiten des abnehmenden Lichts" Ein kompaktes Stück deutscher Geschichte: Eugen Ruge erzählt in seinem autobiografischen Roman vom Leben einer intellektuellen Familie in der DDR.

Die Entscheidung für Ruges Debütroman In Zeiten des abnehmenden Lichts ist solide, aber auch wenig spektakulär. Wie wunderbar hätte man sich Jan Brandts 1.000-Seiten-Debüt Gegen die Welt als Buchpreisträger vorstellen können. Oder auch Marlene Streeruwitz’ nicht eben bequemes, aber aufpeitschendes Buch Die Schmerzmacherin . "Wir haben", so formulierte es Maike Albath, die Sprecherin der Jury, am Abend der Preisverleihung elegant, "hart miteinander gerungen, und das nicht nur einmal."

Christine Westermann war erst gar nicht erschienen; angeblich, weil eine neue Folge von Zimmer frei aufgezeichnet werden musste. Da hätte es ganz bestimmt keinen anderen Termin gegeben. Die Tendenzen, die Maike Albath in der Buchproduktion dieses Herbstes ausmachte, schlugen sich auch in der Shortlist wieder: Mit Eugen Ruge und Angelika Klüssendorf waren zwei Bücher nominiert, die sich, wenn auch auf denkbar unterschiedliche Weise, mit der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit auseinandersetzen. Und Michael Buselmeier und Jan Brandt folgen "der Neigung, die Heimat literarisch zu durchdringen." Nicht nur auf der Ostseite scheint es, gibt es Aufarbeitungsbedarf.

Eugen Ruges erster Satz auf dem Podium jedenfalls lautete: "Jetzt habe ich ein Problem." Denn eigentlich fände er Aberglauben lächerlich und idiotisch, außer bei sich selbst. Deswegen habe er sich keine Dankesrede überlegt. Ruge dankte seiner Frau und seiner Freundin und fügte hinzu, praktischerweise sei das ein und dieselbe Person. Dann ging es hinaus in die Römerhallen, zum Feiern und großen Hallo-Sagen zum Messebeginn. Mit der Entscheidung lässt sich gut leben. Auch wenn Frau Westermann vorher festgestellt hatte, dass die Jury eine Schieflage habe: "Da müssen Buchhändler rein und ganz normale Menschen." Ob sie damit sich selbst meinte? Und sind Literaturkritiker keine Menschen?