Die Dekadenz ist zurück. Nicht im alltagssprachlichen Sinne von überflüssigem Luxus, sondern im literarischen: das Leiden an der Langeweile der Welt minus Verzweiflung, das seine Protagonisten in den Wahnsinn der Gleichgültigkeit treibt. Wenn man sich nicht mal mehr drüber aufregt, dass einen nichts mehr aufregt. Wenn man nicht mehr handeln kann. In diese retro-dekadente Situation geraten gleich zwei Protagonisten zweier neuer, formal sehr unterschiedlicher Romane. Beide Männer, ein Engländer und ein Russe, sind jung und namenlos und gelangweilt – einer von beiden wird sich sogar zu Tode langweilen.

Der Engländer stammt aus Lee Rourkes Roman Der Kanal ; er beschließt eines Morgens zu kündigen und sich stattdessen in einem mittelmäßigen Londoner Vorort an einen dreckigen Kanal zu setzen: "Langeweile ist machtvoll. Man sollte ihr nicht aus dem Weg gehen. Im Gegenteil: Ich finde, man sollte die Langeweile dankbar annehmen." Dann begegnet ihm eine geheimnisvolle Fremde, die sich auch auf die Bank setzt. Und wie das so ist mit geheimnisvollen Fremden: Sie wird sein Leben verändern.

So viel Glück ist dem russischen Studenten aus Dmitri Dergatchevs Roman Papirossy nicht vergönnt. Er erhält plötzlich Nachricht vom Tod seines kaum gekannten Vaters und zieht in dessen altes Zimmer in der grauen Arbeitersiedlung einer nicht benannten Sowjet-Stadt. Beide Männer fliehen vor dem Leben in die Kontemplation, das bekommt ihnen aber nicht gut.

"Ich breitete die Karte auf dem Tisch aus und studierte sie – sinnloses Papier, verfluchte Stadt: vollgestopft mit Postfilialen, Frauen, Trambahnen, Schweinen, Läden, Brücken und Viadukten, Torwegen und Kirchen." Und überall: Rauch. Rauch aus den Schloten der Fabriken, Rauch von Zigaretten (Marke: Papirossy), Lokomotivenrauch, Schornsteinqualm. Der namenlose russische Décadent lebt in einer Welt der Abgase. Rauch, das ist für ihn das Ergebnis von Arbeit oder Aktivität oder überhaupt von Lebensführung – und das will er ja nicht: das Leben führen.

In Rourkes Roman schwimmt der Abfall des Lebens

Sein Décadent-Pendant am Londoner Kanal hat sich indessen in die schöne Fremde verliebt und versucht, wenn schon nicht das Leben, dann doch ein Gespräch zu führen. Seine Versuche sind von beeindruckender Belanglosigkeit, die sein Autor Rourke ihn leider seitenweise unkommentiert in direkter Rede ausblubbern lässt. Nun hat die prototypisch schöne Fremde auch das prototypisch dunkle Geheimnis: Aus Langeweile hat sie mit ihrem Audi einen Mann überfahren. Und macht den Décadent zum Confidant, indem sie ihn mit Mitwisserschaft belastet.

Stilistisch betrachtet ist Der Kanal sehr reduziert, außer am katastrophischen Ende. Denn aus dem Fluss des Lebens, der alten Metapher, ist bei Rourke der Kanal des Lebens geworden, in dem ganz unmetaphorisch der Abfall des Lebens schwimmt. Am Ende landet die Fremde darin – einem sterbenden Schwan nachgehend. "Es regnete fürchterlich. Es goss, als würde die Erde es verlangen. Ich wollte, dass es aufhörte, aber ich wusste, dass das Wünschen nichts nützte. Die Wolken wurden noch dunkler, und der gesamte Kanal – besonders von unter der Brücke aus gesehen – nahm eine bedrohliche Färbung an; dunkel, böse und metallen, als sei er elektrisch aufgeladen. Bedrohlich." Und wieder kann der Erzähler nicht handeln, nicht eingreifen.