Kürzlich haben in der "Fabrik", einem Kulturzentrum in Hamburg-Altona, 15 Leute ein neu erschienenes Buch vorgelesen, das vor mehr als 70 Jahren geschrieben wurde. Die Lesung fing am späten Nachmittag an und dauerte bis zum frühen Morgen. Der Saal war mit 200 Leuten gut gefüllt, nicht wenige blieben die ganze Nacht. Die meisten Vorleser hatten ungefähr eine Dreiviertelstunde. Es ging los mit dem irischen Botschafter in Deutschland, Dan Mulhall, der in seinem Kampf mit der deutschen Sprache ein weiteres Zeugnis für die Tapferkeit des irischen Volkes ablegte. Später kamen zum Beispiel Franziska Augstein, F. W. Bernstein, Pit Knorr und Hans Zippert an die Reihe, also Autoren, Künstler und Kolumnisten und Ähnliches, auch der Autor dieser Zeilen durfte sich als Rezitator versuchen.

Ein gewisses Problem bestand darin, dass dieses Buch, Der dritte Polizist von Flann O’Brien, eine Menge Fußnoten enthält. Die Fußnoten trug Harry Rowohlt vor. Meistens saß er ebenfalls auf dem Podium. Harry Rowohlt ist sehr wahrscheinlich der beste Vorleser, den es in Deutschland gibt, nein, alle kennt man ja nicht, zumindest gehört er in die Top Five. Man musste also vorlesen, und neben einem saß der beste Vorleser überhaupt, der von Zeit zu Zeit eine Probe seines Könnens gab. Das ist ungefähr so, als ob man mit Anna Netrebko im Duett singen soll.

Auch diesen Text müsste eigentlich Harry Rowohlt schreiben, denn die Popularität des irischen Dichters Flann O’Brien hängt stark mit seinem deutschen Übersetzer Rowohlt zusammen, der nicht nur übersetzt, sondern seit Jahren für ihn Werbung macht. In diesem Jahr wäre Flann O’Brien 100 geworden. Tatsächlich ist er relativ jung gestorben, 1966, mit Mitte 50, eine Folge von zu viel irischem Whiskey, unter anderem.

Flann O’Brien hat fünf Romane und ein – angeblich ziemlich schlechtes – Theaterstück verfasst. 26 Jahre lang schrieb er auch heute noch recht komische Kolumnen für die Irish Times , die wichtigste Zeitung des Landes. Leben konnte er nicht davon. Die Existenz des Autors wurde lange Zeit durch einen unbedeutenden Job in der irischen Ministerialbürokratie gesichert, aus dem er allerdings, auch dies eine Folge seines Alkoholismus, irgendwann herausgeworfen wurde.

James Joyce hat Flann O’Brien geschätzt und sehr gelobt, Joyce, sein viel berühmterer Landsmann, der aus ähnlichen Gründen – zu viel Whiskey – auch nicht viel älter geworden ist. Kann man an Lob scheitern? Kann Lob einen Autor kaputt machen?

Flann O’Brien, der vor zehn Jahren ein Geheimtipp unter Intellektuellen war, weil er, wie man sich erzählte, auf besonders anspruchsvolle Weise komisch ist, und der jetzt sogar populär wird, hieß bei seiner Geburt, am 5. Oktober 1911, Brian O’Nolan. Er war das dritte von zwölf Kindern, der Vater war Verwaltungsbeamter, sehr irisch und sehr katholisch. Zu Hause sprach man nur Gälisch. Englisch lernten die Kinder auf der Straße, gegen den Widerstand des Vaters. Erst mit zwölf Jahren durfte O’Brien eine Schule besuchen, weil eine mit der Unterrichtssprache Gälisch in der kleinen Stadt Strabane einfach nicht aufzutreiben war. Der Vater schickte ihn zähneknirschend auf eine englische. Das Kind holte schnell auf.

O’Brien hat dann fast sein gesamtes Leben in Dublin verbracht. Der einzige Auslandsaufenthalt, der verbürgt zu sein scheint, führte ihn nach Köln. Dort soll er einige Monate lang studiert haben, von 1933 bis 1934, Deutsch und Philosophie, außerdem studierte er gälische Literatur, möglicherweise auch englische. Die Quellen sind sich da nicht ganz einig. Das Studium hat er mit dem Doktortitel abgeschlossen, so viel steht fest.