Jenseits von Brüssel

Wen die Gipfeltreffen der EU anöden, sollte in den klapprigen Kleinlaster steigen, mit dem Pawel und Wladek die Basare und Märkte Südosteuropas abklappern. Er landet in einer Union des Verfalls, in der sich selbst der Plunder der Wochenmärkte unter den Händen in Müll verwandelt. Andrzej Stasiuks Hinter der Blechwand treibt die Liebe zum Hässlichen, Randständigen und zur Peripherie. Eine süchtig machende Road-Novel, eine Reise in das Wasteland der Globalisierung, eine Hommage an die Welt jenseits von Brüssel. (Ingo Arend)

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Suhrkamp, Berlin 2011, 348 S., 22,90 Euro.


Mut zur Liebe

Seit mehreren Jahren widmet sich die israelische Soziologin Eva Illouz der Frage, wie und warum vor allem im 20. Jahrhundert Gefühle zunehmend ökonomisiert wurden. Ihr neustes Buch Warum Liebe weh tut ist eine Fortschreibung früherer Untersuchungen: In Die Errettung der modernen Seele und Gefühle in Zeiten des Kapitalismus argumentierte Illouz, dass der Mensch für sein Glück und Unglück selbst verantwortlich gemacht wird – gerade durch die Ökonomisierung und populärkultuerelle Pathologisierung von Gefühlen. Warum Liebe weh tut ist ein Plädoyer für Leidenschaft und Begehren – und eine Absage an die weitverbreiteten Klischees, laut denen Männer unfähig zu Bindungen und Frauen generell liebesfähiger seien. Illouz schreibt, dass "der Verlust der Leidenschaft und Gefühlsintensität ein kulturell gravierender Verlust ist". Deshalb: Mut zur Liebe! (Evelyn Runge)

Eva Illouz: Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung. Suhrkamp, Berlin 2011. 467 S., 24,90 Euro.


Das Leben in Synästhesie

Geben Sie diesem Buch zwei Stunden, und Sie werden das Gefühl haben, zwei Wochen mit ihm verbracht zu haben! Mit einem rasanten Zoom zieht uns David Mazzucchelli in seine Geschichte: Nachthimmel, dunkle Gewitterwolken, ein Blitz über New York, Feuer in der Designerwohnung von Asterios Polyp. Der namensgebende Held dieser Graphic Novel ist 50 Jahre alt, dozierender Architekt mitten in seiner Lebenskrise. Der Brand nimmt ihm allen Besitz – Zeit für einen Neuanfang. Asterios Polyp macht sich auf die Suche nach Sinn und Werten und findet sie schließlich in einer schmierigen Autoschrauberei in der Provinz. Soweit die Handlung im Groben.

In der Feinheit seiner Darstellung liegt allerdings die tatsächliche Kraft dieses Buchs. Mazzucchelli bittet die einander widerstrebenden Prinzipien der Welt in den Ring und zeichnet eine tiefgründige Charakterstudie anhand zeitloser Antagonismen: Es kämpfen der Technokrat gegen die Emotion, die Egozentrik gegen die Empathie, das Männliche gegen das Weibliche, Yin gegen Yang. Asterios Polyps Gegenspieler ist der Erzähler, sein bei der Geburt verstorbener Zwillingsbruder.

Wir lesen nicht nur, wie Polyps Weltbild gewachsen und zerbrochen ist und sich nun neu konstituiert. Wir begreifen es, in Farben, Formen, Schriften, Bildern. Synästhesie! Diese Graphic Novel ist – auch dank der feinen Übersetzung Thomas Pletzingers – von solch ungeheurer literarischer und kulturhistorischer Dichte, dass man sich gar nicht dran sattsehen mag. (Rabea Weihser)

David Mazzucchelli: Asterios Polyp, Eichborn, Berlin 2011, zehnfarbig, 344 S., 29,95 Euro.
 

Das Buch zur Krise

Ein Italiener schrieb das klügste Buch der Saison über die Krise. Christian Marazzi macht sich auf die Suche nach den finanziellen Verwerfungen des Kapitalismus. Seine Analyse ist bemerkenswert: Die aktuelle Krise sei keine Ausnahme, sondern die Norm. Die Ursache dafür sieht er in der Dominanz der Geldsphäre über die reale Wirtschaft. Er nutzt sein Buch auch gleich für einen Aufruf: Die Regeln, nach denen das Finanzsystem funktioniert, sollten kollektiv von unten neu definiert werden. (Uli Müller)

Christian Marazzi: Verbranntes Geld. Diaphanes, Zürich 2011, 137 S., 14,90 Euro.