Jenseits von Brüssel

Wen die Gipfeltreffen der EU anöden, sollte in den klapprigen Kleinlaster steigen, mit dem Pawel und Wladek die Basare und Märkte Südosteuropas abklappern. Er landet in einer Union des Verfalls, in der sich selbst der Plunder der Wochenmärkte unter den Händen in Müll verwandelt. Andrzej Stasiuks Hinter der Blechwand treibt die Liebe zum Hässlichen, Randständigen und zur Peripherie. Eine süchtig machende Road-Novel, eine Reise in das Wasteland der Globalisierung, eine Hommage an die Welt jenseits von Brüssel. (Ingo Arend)

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Suhrkamp, Berlin 2011, 348 S., 22,90 Euro.


Mut zur Liebe

Seit mehreren Jahren widmet sich die israelische Soziologin Eva Illouz der Frage, wie und warum vor allem im 20. Jahrhundert Gefühle zunehmend ökonomisiert wurden. Ihr neustes Buch Warum Liebe weh tut ist eine Fortschreibung früherer Untersuchungen: In Die Errettung der modernen Seele und Gefühle in Zeiten des Kapitalismus argumentierte Illouz, dass der Mensch für sein Glück und Unglück selbst verantwortlich gemacht wird – gerade durch die Ökonomisierung und populärkultuerelle Pathologisierung von Gefühlen. Warum Liebe weh tut ist ein Plädoyer für Leidenschaft und Begehren – und eine Absage an die weitverbreiteten Klischees, laut denen Männer unfähig zu Bindungen und Frauen generell liebesfähiger seien. Illouz schreibt, dass "der Verlust der Leidenschaft und Gefühlsintensität ein kulturell gravierender Verlust ist". Deshalb: Mut zur Liebe! (Evelyn Runge)

Eva Illouz: Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung. Suhrkamp, Berlin 2011. 467 S., 24,90 Euro.


Das Leben in Synästhesie

Geben Sie diesem Buch zwei Stunden, und Sie werden das Gefühl haben, zwei Wochen mit ihm verbracht zu haben! Mit einem rasanten Zoom zieht uns David Mazzucchelli in seine Geschichte: Nachthimmel, dunkle Gewitterwolken, ein Blitz über New York, Feuer in der Designerwohnung von Asterios Polyp. Der namensgebende Held dieser Graphic Novel ist 50 Jahre alt, dozierender Architekt mitten in seiner Lebenskrise. Der Brand nimmt ihm allen Besitz – Zeit für einen Neuanfang. Asterios Polyp macht sich auf die Suche nach Sinn und Werten und findet sie schließlich in einer schmierigen Autoschrauberei in der Provinz. Soweit die Handlung im Groben.

In der Feinheit seiner Darstellung liegt allerdings die tatsächliche Kraft dieses Buchs. Mazzucchelli bittet die einander widerstrebenden Prinzipien der Welt in den Ring und zeichnet eine tiefgründige Charakterstudie anhand zeitloser Antagonismen: Es kämpfen der Technokrat gegen die Emotion, die Egozentrik gegen die Empathie, das Männliche gegen das Weibliche, Yin gegen Yang. Asterios Polyps Gegenspieler ist der Erzähler, sein bei der Geburt verstorbener Zwillingsbruder.

Wir lesen nicht nur, wie Polyps Weltbild gewachsen und zerbrochen ist und sich nun neu konstituiert. Wir begreifen es, in Farben, Formen, Schriften, Bildern. Synästhesie! Diese Graphic Novel ist – auch dank der feinen Übersetzung Thomas Pletzingers – von solch ungeheurer literarischer und kulturhistorischer Dichte, dass man sich gar nicht dran sattsehen mag. (Rabea Weihser)

David Mazzucchelli: Asterios Polyp, Eichborn, Berlin 2011, zehnfarbig, 344 S., 29,95 Euro.
 

Das Buch zur Krise

Ein Italiener schrieb das klügste Buch der Saison über die Krise. Christian Marazzi macht sich auf die Suche nach den finanziellen Verwerfungen des Kapitalismus. Seine Analyse ist bemerkenswert: Die aktuelle Krise sei keine Ausnahme, sondern die Norm. Die Ursache dafür sieht er in der Dominanz der Geldsphäre über die reale Wirtschaft. Er nutzt sein Buch auch gleich für einen Aufruf: Die Regeln, nach denen das Finanzsystem funktioniert, sollten kollektiv von unten neu definiert werden. (Uli Müller)

Christian Marazzi: Verbranntes Geld. Diaphanes, Zürich 2011, 137 S., 14,90 Euro. 

Buchtipps von Anne Haeming, David Hugendick, Markus Horeld, Christoph Schröder und Jessica Braun

Überraschend isländisch

Man kann nicht dankbar genug sein, dass Island in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse war – es wäre ein Jammer, auf die deutsche Übersetzung von Versöhnung und Groll von Einar Kárason verzichten zu müssen. Denn diesem multiperspektivisch angelegten Roman gelingt es auf derart überraschende Weise, über isländische Clan-Kriege aus dem 13. Jahrhundert zu schreiben, dass man Seite um Seite begeisterter wird. Nichts klingt nach spätem Mittelalter, sondern unfassbar heutig: etwa wenn der Anführer Gissur süffisant über hasenfüßige Feinde lästert, die im schlechten Wetter stecken bleiben, oder wenn sein Widersacher Eyjólfur in seinen manisch-depressiven Schüben versinkt, monatelang sein Bett nicht verlässt und dessen Frau nur noch genervt mit den Augen rollt. Launig, selbstkritisch und letztlich auch frustrierend traurig: Nach diesem Buch möchte man am liebsten alle Sagen von Kárason nacherzählt bekommen. (Anne Haeming)

Einar Kárason: Versöhnung und Groll. Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson, BTB, Berlin 2011, 190 S., 18,99 Euro.


Elegant Flanieren

An Berlinromanen besteht kein Mangel. An guten schon. Albrecht Selges Romandebüt Wach ist einer, womöglich der beste, der in den vergangenen Jahren geschrieben wurde. Hier geht's nicht um notorisch Clubselige oder Feierbesoffene, sondern um August Kreutzer, den Manager eines Erlebnis-Einkaufszentrums. Nachts zieht er durch die Straßen, er schaut in Treppenhäuser, betrachtet Hausfassaden, blickt in die Eingeweide einer Stadt, die so wenig schlafen kann wie er selbst. Überall begegnet ihm die Vergänglichkeit in dieser höchst elegant erzählten Flaneursgeschichte, die, wie einige andere Beispiele aus diesem Jahr (Leif Randt, Jan Brandt), doch als Beweis gelten kann, dass es um die junge deutsche Gegenwartsliteratur nicht so schlecht steht, wie manche Kritiker behaupten. (David Hugendick)

Albrecht Selge: Wach. Rowohlt Berlin, Berlin 2011, 256 S., 19,95 Euro.


Dokumente des Irrsinns

Kein Mensch, der nach dem 11. September 2001 in die Hände der CIA geriet, musste fürchten, er sei fortan völliger Willkür ausgeliefert. Alles war schön geregelt. Zum Beispiel die Befragung von "besonders wichtigen Gefangenen". Mit 5 Grad kaltem Wasser darf der CIA-Interviewer den Gefangenen nur maximal 20 Minuten lang bespritzen (oder 60 Minuten bei 15 Grad). Das Wasser muss trinkbar sein und eine Matte zwischen dem Gefangenen "und dem Fußboden liegen, um das Auskühlen des Körpers möglichst gering zu halten." Beim Waterboarding soll das Wasser salzig sein, "damit die Gefahr eines durch Wasserkonsum bedingten Sodiumverlustes im Blut verringert wird". Und in einen dunklen Raum darf man maximal 18 Stunden (großer Container) beziehungsweise zwei Stunden (kleiner Container) eingesperrt werden. Pro Tag. Bernd Greiners 9/11 ist voll von solchen Dokumenten des Irrsinns. Und irrsinnig ist ja auch, was mit der amerikanischen Demokratie passiert ist. Die Folter erlaubt, der Kongress entmachtet, die Verfassung gebrochen, der Präsident ein Papst, weil unfehlbar und auf höherer Mission. Wie das alles geschehen konnte, wie eine starke Demokratie ihre Gewaltenteilung aufgab, wie Bushs Clique die "imperiale Präsidentschaft", die schon unter Nixon aufkeimte, zur Blüte brachte, all dies hat Greiner packend aufgeschrieben. (Markus Horeld)

Bernd Greiner: 9/11. Der Tag, die Angst und die Folgen. C.H. Beck, München 2011, 279 S., 19,95 Euro.


Moderne Taugenichtse

Seit 2007 erzählt der Schauspieler Joachim Meyerhoff auf der Bühne des Wiener Burgtheaters einem wachsenden Publikum sein Leben. Einen Teil davon hat er nun aufgeschrieben: Den einjährigen Aufenthalt, den er als Jugendlicher in einer Kleinstadt in Wyoming absolviert hat. Mit unbefangenem, staunenden Blick, einer subtilen Komik und in ironischer Distanz betrachtet Meyerhoff den modernen Taugenichts, der er war. Ein Sehnsuchtsmensch, der auf den skurrilen Alltag der amerikanischen Provinz in den Achtzigern prallt. Das muss weitergeschrieben werden, unbedingt! (Christoph Schröder)

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch. Teil 1: Amerika. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 320 S., 18,95 Euro.


Für Angeber!


Ein kompakter Überblick über die abendländische Kulturgeschichte in Buchform (ab der Renaissance – die Antike ist echt nicht mehr zeitgemäß): Kafka war jung und er brauchte das Geld ist nur wenig größer als ein Blackberry und genauso effizient. Es liefert auf 174 Seiten die nötigen Thesen, um selbst nach einem fünfstündigen Sales-Meeting noch "die nächste Feuilletonistenparty zu crashen". In bewährter Case-Study-Methode bietet es Analysen großer Meisterwerke ("Rembrandt mit Ramschstatus") und verdichtet komplexe Sachverhalte ("Wohltemperiertes Zeitmanagement nach Johann Sebastian Bach") zu geschmeidigen Leitsätzen. Es ist DAS Buch, mit dem Sie jedem Vorgesetzten zeigen können, dass Sie nicht nur seine Art zu denken schätzen, sondern selbst auch ganz ordentlich was auf dem Kasten haben. (Jessica Braun)

Konstantin Richter: Kafka war jung und er brauchte das Geld: Eine rasante Kulturgeschichte für Vielbeschäftigte. Kein & Aber 2011, 160 S., 14,90 Euro.

Buchtipps von Ulrich Rüdenauer, Fokke Joel, Alexandra Endres und Ruben Donsbach

Über den modernen Menschen

Ein Klassiker: Italo Svevos Roman über den Zauderer Zeno kommt zum 150. Geburtstag des Autors in der nochmals überarbeiteten Neuübersetzung von Barbara Kleiner und mit einem erhellenden Nachwort von Maike Albath auf den Markt – eines der lustigsten, traurigsten Bücher über die Widersprüche und Ängste des modernen Menschen im zwanzigsten Jahrhundert. Unbedingt wiederlesen! (Ulrich Rüdenauer)

Italo Svevo: Zenos Gewissen. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Manesse Verlag. Zürich 2011. 800 S., 24,95 Euro.


Gentrifizierung auf Indisch

Mit seinem zweiten Roman ist Aravind Adiga ein spannendes Buch gelungen. Letzter Mann im Turm erzählt die Geschichte eines Hauses in der indischen Millionenstadt Mumbai. Ein Investor will das Haus kaufen, abreißen und stattdessen Luxusappartements errichten. Dazu braucht er die Zustimmung aller Bewohner, die gleichzeitig Eigentümer des Hauses sind. Er bietet viel Geld, aber einer will bleiben und blockiert den Verkauf. Gentrifizierung auf Indisch sozusagen. Und, wie bei Adiga gewohnt, von allen Seiten erzählt, mit allen Konsequenzen. (Fokke Joel)

Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm. Aus dem Englischen von Susann Urban und Ilja Trojanow. C.H. Beck, München 2011, 515 S., 19,95 Euro.


Die Welt wird nicht friedlicher

In Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, schreibt endlich einmal ein Kulturwissenschaftler über die Folgen des Klimawandels. Harald Welzer hat starke Argumente: Jede Gesellschaft ist anfällig für Gewalt, sagt er, auch die modernen Demokratien. Wer Völkermorde, wie sie in Ruanda, im ehemaligen Jugoslawien oder in Nazi-Deutschland geschehen sind, als Ausnahmefälle abtut, macht einen großen Fehler. Welzer weiß, worüber er schreibt. Er hat lange erforscht, wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden können. Seine zentrale These: Der Klimawandel wird die Knappheit an Nahrung, Wasser und Land gerade in den ärmsten Regionen der Welt verstärken – und so neue gewaltsame Auseinandersetzungen heraufbeschwören. Die Welt der Zukunft wird nicht friedlicher. Keine schlechte Lektüre für Weihnachten. (Alexandra Endres)

Harald Welzer: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2010, 335 S., 9,95 Euro.


Sowjetische Dornröschenschlösser

Mit welch wunderbarer Hybris die Moderne jene irrationalen Formen hervorgebracht hat, die unserer zeitgenössischen Architektur so sehr fehlen, zeigt der Bildband CCCP - Cosmic Communist Constructions Photographed des Fotografen Frédéric Chaubin. Er habe sich bei der "Suche nach Extravaganz" in die ehemaligen Sowjet-Republiken aufmachen wollen, um "eine Geschichte zu skizzieren, die nie niedergeschrieben wurde", sagt Chaubin. Was er fand und im Bild festhielt sind – meist gigantische – Utopien eines Fortschritts, der nie eintreten sollte. Er fand etwa die "Akademie der Wissenschaften" in Moskau, die vielmehr an einen klingonischen Sternenkreuzer als an ein Gebäude erinnert. Oder das Erholungsheim "Druschba" von Igor Wasilewski in Jalta, das einem Bienenstock ähnelt und im Bau von der CIA für eine Raketenabschussbasis gehalten wurde. In den Räumen, die Chaubin erkundet, gibt es Ornamente, die an schmelzende Sonnen erinnern. Steinerne Fresken überwuchern die Wände. Man möchte nicht in jedem dieser Dornröschen-Schlösser leben. Doch sie anzuschauen zu können, das ist ganz großartig! (Ruben Donsbach)

Frédéric Chaubin: Cosmic Communist Constructions photographed. Taschen Verlag 2011, 308 S., 39,99 Euro.

Buchtipps von Martin Brinkmann, Daniel Wüllner, Frank Schäfer und Daniel Erk

Aus den Lagern Ostsibiriens

Warlam Schalamow zählt zu den Autoren, die man gelesen haben muss. Die Erfahrung, die die Lektüre seiner Erzählungen aus Kolyma bereitet, ist niederschmetternd. Das also tut der Mensch dem Menschen an. Dazu ist er fähig. Und auch zu einer Berichterstattung darüber ist er fähig, die nicht empörend und anklagend, sondern frei und poetisch ist. Bei Schalamow, der fast zwanzig Jahre seines Lebens in Lagern in der ostsibirischen Kolyma-Region verbrachte, erscheint diese Negativerfahrung als etwas Gottgegebenes, das niemanden besser oder stärker macht. Mit Die Auferweckung der Lärche liegen seit Herbst diesen Jahres jetzt die sechs Zyklen der Erzählungen erstmals vollständig auf Deutsch vor. (Martin Brinkmann)

Warlam Schalamow: Die Auferweckung der Lärche. Erzählungen aus Kolyma 4. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold, hrsg. und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein. Matthes & Seitz, Berlin 2011, 664 S., 29,90 Euro


Die unwichtigen wichtigen Fragen des Alltags

Will man sich auch im hohen Alter seinen Humor und seine Neugier bewahren, empfiehlt sich die Lektüre von Stopptanz, einer Sammlung der besten Webcomics von Leo Leowald. Auf anarchistische Weise findet das autobiografische Schnabel-Ich des Comiczeichners Antworten auf die unwichtigsten Fragen des Alltags. Seine gewollt kruden Zeichnungen sorgen auf nur vier Bildern für mehr Unterhaltung als die seitenlangen Verbalausschweifungen einschlägiger Kolumnisten, gerade weil nicht alles erläutert wird. (Daniel Wüllner)

Leo Leowald: Stopptanz. Reprodukt, Berlin 2011, 192 S., 18 Euro


Durch Raum und Zeit

Jeder neue Absatz beginnt mit "Ich erinnere mich", aber diese serielle Phrase überliest man bald, weil sie immer nur die Lunte ist für das so entzündete Erinnerungsfeuerwerk. Brainards "Gedächtnismaschine" (Siri Hustvedt) katapultiert ihn mühelos durch Raum und Zeit, von einer frühkindlichen Tagträumerei hin zu einem noch ganz frischen Erlebnis in der New Yorker Schwulenszene der frühen Siebzigerjahre – und wieder retour. Das Banale steht hier neben dem Epiphanischen, und im Idealfall fällt beides zusammen. (Frank Schäfer)

Joe Brainard: Ich erinnere mich. Mit einem Vorwort von Paul Auster. Aus dem Englischen von Uta Goridis. Walde + Graf, Zürich 2011. 208 S. 14,95 Euro.


Angenehm langweilig

Wim Enderssons Leben ist perfekt und angenehm langweilig. In CobyCounty, seiner irgendwo zwischen Berlin-Neukölln, Miami und Ibiza zu verortenden Heimat, scheint fast ausnahmslos die Sonne, die Touristen sind freundliche Freiberufler und Armut ist weithin unbekannt. Carla, die Freundin, ist hübsch und zart und schlau und Wesley, der beste Freund seit früher Jugend, ist Wim durch tausend Rituale eng verbunden. Und überhaupt gibt es wenig Grund zu Sorge und Zweifel. Leif Randts zweiter Roman, Schimmernder Dunst über Coby County, ist ein schlaues, feines und aufmerksames Buch, das seine vehemente Gesellschafts- und Konsumkritik geschickt hinter lakonischer Sprache und einem äußerst manierierten Ich-Erzähler verbirgt. Seit Christian Krachts Faserland hat es kein so trübes, wahres Buch über das Aufwachsen in den oberen Schichten gegeben. Und endlich einmal ein junger Autor, der sich nicht in eitlem Subjektivismus, in müden Hasstiraden oder in kaum verhohlenem Autobiografischen ergeht. (Daniel Erk)

Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County. Berlin Verlag, Berlin 2011. 191 S., 18,90 Euro.

Buchtipps von Fabio Ghelli, Insa Wilke, Wenke Husmann und Tina Groll

Stillleben Amerikas

New York, einsame Utopisten, gespenstische, neblige Landschaften und eine verkrampfte Sexualität: Alles, was sich ein Paul Auster Fan wünschen kann, ist auch im jüngsten Sunset Park vorhanden. Anders als in anderen Romanen ist aber diesmal Austers Schreibstil vom Druck der Zeit beeinflusst. Als ob er Amerika im Übergang vom Wohlhaben zur Misere fotografieren wollte. Es ist wohl kein Zufall, dass der Roman mit einem Stillleben vom frisch geräumten Haus einer insolventen Familie beginnt. Wie schon in anderen Werken Austers gibt es auch hier einen Filmklassiker, der der Geschichte eine klaren Unterton gibt. In diesem Fall ist es The Best Years of Our Lives, die perfekte Inszenierung der Widerstandsfähigkeit der Amerikanern im Notzustand. (Fabio Ghelli)

Paul Auster: Sunset Park. Faber & Faber, London 2011, 309 S., 6,40 Euro.


Ideale Parallel-Lektüre

Manche Bücher erscheinen zu früh und werden deswegen spät empfohlen: Ines Geipel hat schon 2010 die ideale Parallel-Lektüre für die Familienromane dieses Herbstes geschrieben. Unter dem etwas irreführenden Titel Seelenriss. Depression und Leistungsdruck erzählt sie in sechs Vignetten am Beispiel bekannter und unbekannter Einzelschicksale, wie sich Geschichte in deutsche Familienleben eingeschrieben hat. Ein kluges, verstörendes Buch, das den Leser in Bann schlägt und verändert in die Welt entlässt. (Insa Wilke)

Ines Geipel: Seelenriss: Depression und Leistungsdruck. Klett Cotta, Stuttgart 2010, 238 S., 18,95 Euro.


Unanständige Haustiere

Die Katze des Rabbiners ist ein echtes Biest. Sie weiß, dass ihr Herrchen stets den freien Willen des anderen zu respektieren hat. Also auch den ihren – selbst wenn sie über seinen Schreibtisch tobt. Schnurrend erinnert sie den armen Rabbi daran, dass er auch in diesem Fall seine Hand nicht gegen sie erheben kann, denn: "Ist die menschliche Hand nicht ein zu wunderbares Werkzeug Gottes, als dass man damit ein anderes Wesen Gottes schlagen dürfte?" Die Katze des Rabbiners ist eine Tier gewordene Hommage an den jüdischen Humor und die jüdische Diskurskunst. Der Franzose Joann Sfar, der selbst aus einer jüdischen Familie stammt, hat sie bereits im Jahr 2001 gezeichnet. Dieses Jahr nun, lange nachdem sein Comic in Frankreich ein Bestseller geworden war, hat er seine Geschichte von der siebenmalklugen Katze des Rabbiners verfilmt. Sie wird 2012 wohl auch in Deutschland in die Kinos kommen. Bis dahin sei das Buch empfohlen und für neue Katzenfreunde die vier Folgebände. Versprochen: Anständiger wird die Katze darin nicht. (Wenke Husmann)

Joann Sfar: Die Katze des Rabbiners. Avant-Verlag. 48 S., 14,95 Euro.


Passend zu Weihnachten

Der Autor nennt sich "Einzlkind" und hat sich eine neue Kaffeemaschine gekauft. Außerdem hat er ganz überraschend den Erfolgsroman Harold geschrieben. Harold ist ein gemütlicher Depressiver, dessen einzige Freude darin besteht, sich wie sein Namesvetter aus dem Film Harold & Maude einmal im Monat umzubringen. Am liebsten hängt sich Harold im Hausflur auf. Mit seinem Job als Fleischverkäufer im Supermarkt verliert er eines Tages aber auch den Spaß an seinen Suiziden. Zum Glück zieht da eine neue Nachbarin ein, alleinerziehende Mutter mit elfjährigem Sohn: Melvin, hochbegabt. Das Kind hat zwei Klassen übersprungen, 1.238 Bücher in seinem Kopf – wie es sagt – "gespeichert" und kennt alle Beethoven-Sonaten auswendig. Außerdem ist es vom Sportunterricht befreit. Und plötzlich muss Harold für Melvin Babysitter spielen. Mit Sprachwitz erzählt der Autor liebevoll diese Begegnung. Ein wundervolles Buch, dessen Botschaft gut in die Weihnachtszeit passt: Niemand ist allein. (Tina Groll)

Harold. Heyne 2011, 224 S., 8,99 Euro.

Buchtipps von Michael Schlieben, Stefan Mesch und Zacharias Zacharakis

Noch ein Buch zur Krise

Das Buch wartet seit 2005 im Regal, eine Empfehlung noch aus Studi-Tagen. Nun, zur Krise, durfte es raus. Schließlich geht es in den Redaktionskonferenzen täglich um Rezession, Inflation und Deflation. Und dieses Buch schafft es, die sperrigen Fachbegriffe lebendig zu machen. Eingängig und lustig werden die wirtschaftlichen Grundprinzipien erklärt. Man erfährt, dass John Keynes ein Dandy war, Karl Marx nicht mit Geld umgehen konnte und Adam Smith vor lauter Zerstreutheit in Gruben zu plumpsen pflegte. Man liest von der verheerenden Schenkökonomie vieler Indianerstämme, vom Trauma der Großen Depression und von den Tücken des Ochsenpflugs im Mittelalter. Als das Buch verfasst wurde, gab es Lehmann Brothers und das autonome Griechenland noch. Die Krise war fern. Dennoch versteht man sie nach der Lektüre etwas besser. (Michael Schlieben)

Robert Heilbroner, Lester Thurow: Wirtschaft – Das sollte man wissen. Aus dem Englischen von Jan W. Haas. Campus 2004, 331 S., 24,90 Euro.


Mehr Herz als Salinger

Drei Außenseiter, ein toter Mitschüler, ein Jahr auf einer High School im tristen Pittsburgh, 1991: Stephen Chboskys Jugendroman The Perks of Being a Wallflower erzählt entspannt und ohne falsche Dramatik vom Erwachsenwerden der Grunge- und Mixtape-Generation. Veröffentlicht im Jahr 2000 als vielleicht lieber morgen, doch schon seit Jahren vergriffen. So entschied sich Heyne in diesem Jahr für eine neue Übersetzung: Das also ist mein Leben folgt einer Gruppe hungriger, verletzter Teenager, auf Kollisionskurs mit der Welt. Mehr Herz als Der Fänger im Roggen, mehr Hirn als Virgin Suicides und 2012 im Kino. Ein Kultroman – ohne schmachtende Vampire. (Stefan Mesch)

Stephen Chbosky: Das also ist mein Leben. Aus dem Englischen von Oliver Plaschka. Heyne 2011, 288 S., 12,99 Euro. 


Fundiert zum Gründungsmythos

Viel ist vom Sozialismus in Vietnam nicht mehr übrig, der Geist des Staatsgründers und Revolutionärs Ho Chi Minh lebt trotzdem weiter. Reisenden erklärt sich dies und das Land mit der Biografie des deutschen Historikers Martin Großheim etwas leichter. Aus Hos Kindheit unter französischer Kolonialherrschaft, der Ausbildung zum kommunistischen Kader in Paris und Moskau, dem Freiheitskampf und später dem Krieg gegen Amerika fügt Großheim unterhaltsam, fundiert und analytisch den Gründungsmythos einer Nation zusammen. Die knapp 200 Seiten lange Lektüre ersetzt nicht den Reiseführer, lässt aber besser verstehen, warum die Vietnamesen ihren Onkel Ho immer noch als Volkshelden verehren. (Zacharias Zacharakis)

Martin Großheim: Ho Chi Minh. Der geheimnisvolle Revolutionär. CH. Beck, München 2011, 190 S., 12,95 Euro