ZEIT ONLINE: Frau Tomalin, über Charles Dickens sind schon einige Biografien geschrieben worden. Warum brauchen wir eine neue?

Claire Tomalin: Ich habe bereits vor zwanzig Jahren ein Buch über ihn geschrieben, und es gab für mich noch Einiges zu sagen, was bisher niemand gesagt hat. Eine Figur, die mich damals faszinierte, war Dickens Freund John Forster. Er war die einzige Person, der Dickens immer vertraut hat. Dickens hat ihm einmal in einem Brief geschrieben: Unsere Freundschaft wird so lange währen, bis uns der Tod uns scheidet.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie recherchiert?

Tomalin: Ich habe mich auf Dickens Briefe konzentriert. Sie geben ein wunderbares Bild von England wieder, auch von Frankreich und Paris in den Jahren von 1830 bis 1870. Auch in Amerika , Italien und der Schweiz schrieb er Briefe, vor allem an Forster.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie darin gefunden?

Tomalin: Viele wissen nicht, was für ein Republikaner Dickens war. Wie sehr er Frankreich geliebt hat. Er wird immer als durch und durch englisch gesehen. Tatsächlich erzählte er seinem Sohn Henry, er hätte Franzose sein sollen. Er bewunderte die Franzosen; er fand sie weniger heuchlerisch als die Briten. Ihm gefiel es, dass sie Republikaner waren. Er mochte das Essen und den Wein dort und die Art, wie die Franzosen ihr Leben genossen.

ZEIT ONLINE: Dickens war im Herzen Kontinentaleuropäer?

Tomalin: Ja! Ich bin mir sicher, dass er ebenso viel durch Deutschland gereist wäre, wenn er länger gelebt hätte. Und natürlich lernte er Französisch, so lange, bis er in Frankreich ins Theater gehen und sich unterhalten konnte.

ZEIT ONLINE: Warum tauchen seine Auslandsreisen kaum in seinen Romanen auf?

Tomalin:London war sein Thema. Aber in Wirklichkeit hasste er die Stadt. Er fand sie schmutzig und düster, und selbst wenn er in den schönsten Häusern lebte, konnte er es kaum erwarten, London zu verlassen. Er ging spazieren und reiten, machte Ausflüge nach Richmond und Greenwich: alles nur, um der Stadt zu entkommen. Er war sehr, sehr ruhelos.

ZEIT ONLINE: Warum haben wir so ein eindimensionales Bild von ihm?

Tomalin: Seine Tochter Katey sagte einst, sie wünschte sich, dass man sich ihren Vater nicht als drolligen Gentleman vorstellen würde, mit einem Weihnachtspudding in der einen Hand und einem Glas Grog in der anderen. Tatsächlich schrieb er seine Weihnachtsgeschichte während einer Weltwirtschaftskrise, als die Menschen gehungert und gefroren haben. Er wollte die Art, wie die Menschen dachten, ändern, war aber kein Politiker, sondern ein poetischer Mensch.

ZEIT ONLINE: Warum wurde er überhaupt Schriftsteller?

Tomalin: Er war in Kindertagen schon ein außergewöhnlicher Junge. Die Schule musste er unterbrechen, um in einer Schuhpoliturfabrik zu arbeiten. Mit 15 verließ er sie ganz. Neun Jahre später war er mit den Pickwick Papers berühmt geworden. Er lernte Steno und gelangte so in die Zeitungswelt; er verfasste seine brillanten Skizzen von London. Er wollte unbedingt erfolgreich werden und wusste, dass er dazu fähig war. Er nannte sich the unimitable , den Nicht-Imitierbaren. Zeitweise schrieb er mehrere Bücher gleichzeitig und ging 12 bis 15 Meilen am Tag spazieren.