ZEIT ONLINE: Mr. Rasmussen, Sie haben die vergangenen 16 Jahre mit der Katalogisierung aller bekannten Ausgaben des First Folios verbracht. In diesem Band aus dem Jahr 1623, über den Sie zwei Bücher geschrieben haben, sind 36 Stücke von William Shakespeare im sogenannten Folio-Format zusammengefasst. Was macht dieses Buch für Sie besonders?

Eric Rasmussen: Die Hälfte von William Shakespeares Stücken wurde zu seinen Lebzeiten als billige Quarto-Paperback-Ausgabe (s. Infobox) veröffentlicht. 18 seiner Stücke wurden jedoch erst sieben Jahre nach seinem Tod zum ersten Mal gedruckt – als ledergebundener Foliant. Ohne dieses Buch hätten wir keinen Macbeth und keinen Julius Cäsar . Es ist unsere einzige Quelle für diese Texte.

ZEIT ONLINE: Zu Shakespeares Zeiten druckte man vor allem philosophische oder theologische Werke, geschichtliche Abhandlungen oder Bibeltexte. Welchen Stellenwert nahmen Theaterstücke ein?

Rasmussen: Im elisabethanischen Zeitalter betrachtete man Theaterstücke als Popkultur. Diese in Buchform herauszugeben war in etwa so, als würde heutzutage jemand die Dialoge aus TV-Serien verlegen und diese als Literatur anpreisen. Der Foliant war der erste Band, der ausschließlich Theaterstücken gewidmet war. Als Shakespeares Schauspielerkollegen John Heminges and Henry Condell das Buch in Auftrag gaben, war das ein Meilenstein in der Geschichte des Theaters. Dramatische Texte erhielten durch die Folio-Ausgabe einen Stellenwert, den man ihnen vorher nicht zugestanden hatte.

ZEIT ONLINE: In welchem Land befinden sich die meisten Exemplare?

Rasmussen: In den USA . Um die Jahrhundertwende entwickelte Henry Clay Folger, der Vorstand von Standard Oil, eine Art Folio-Besessenheit. Er begann, sie zu sammeln. 82 Exemplare stehen heute in der Folger-Shakespeare-Bibliothek in Washington . Das ist etwa ein Drittel der bekannten Ausgaben.

ZEIT ONLINE: Sie haben bereits viel Zeit in Ihre Forschung investiert. Wann hat Sie die Shakespeare-Leidenschaft zum ersten Mal gepackt?

Rasmussen: Meine Mutter war ein großer Shakespeare-Fan. Als ich zwei oder drei Jahre alt war, kaufte sie ein neues Auto, einen Pontiac, und nannte ihn Miranda, nach der Figur in Shakespeares Stück Der Sturm . Sie hat Miranda sogar einen Kuchen gebacken!

ZEIT ONLINE: Wäre es nicht eine typische Teenager-Reaktion gewesen, gegen die Shakespeare-Vorliebe Ihrer Mutter zu rebellieren?

Rasmussen: Ich hatte als junger Mann tatsächlich eine große Schwäche für das moderne Drama: für Beckett, Ionesco, Sartre. Als ich dann für einen Sommer zum Studium nach England ging, erschien mir die Entscheidung für Shakespeare jedoch unausweichlich.

ZEIT ONLINE: Was fasziniert Sie so an ihm?

Rasmussen: Er war seiner Zeit Lichtjahre voraus. Zu seiner Zeit wurde Frauen kein Eigentum zugestanden. Sie durften nicht zur Schule gehen und hatten kaum Möglichkeiten, sich gegen männliche Willkür zur Wehr zu setzen. Aber Shakespeare erfand für seine Stücke starke, gescheite weibliche Charaktere, die sich nicht unterdrücken lassen. Nehmen Sie Portia im Kaufmann von Venedig : Sie verkleidet sich als Rechtsanwalt und überzeugt mit ihrer Argumentation alle der anwesenden Männer. Oder nehmen Sie Maß für Maß . Es geht darin um sexuelle Belästigung. Die Frau wehrt sich, der Mann ist jedoch überzeugt, dass ihr ohnehin niemand glauben wird. Dieser Konflikt ist heute so aktuell wie vor 400 Jahren.

ZEIT ONLINE: Shakespeare war also ein Menschenfreund?

Rasmussen: Shakespeare war ein früher Feminist. Mir scheint, er wollte den Menschen sagen: Schaut mal, wie großartig Frauen sind – wir müssen ihnen eine Chance geben! Das Gleiche gilt für Minderheiten seiner Zeit: für Juden, für Schwarze. Er ließ sie in seinen Stücken zu Wort kommen, während andere auf sie spuckten.