Der Ermittler ist echt, die Tatorte sind echt und die Opfer und die Mörder sind es auch. Außer den Namen ist hier nichts erfunden: Axel Petermann schreibt keine Krimis, er schreibt seinen Alltag auf.

Petermann ist Tatortanalytiker der Bremer Polizei beziehungsweise Profiler, wie hierzulande jeder sagt, seit Das Schweigen der Lämmer im Kino und im Fernsehen lief. Doch wer sich auf Basis solcher Filme eine Vorstellung derjenigen gebildet hat, die die Psyche von Mördern zu beschreiben versuchen, der sollte Petermann lesen. Denn glamourös ist an diesem Beruf nichts. Und irgendwem hinterherrennen muss ein Tatortanalytiker auch nicht, sondern viele Berichte lesen und Studien. Ein Profiler sieht von einem Fall vor allem die Akte, die Kollegen darüber angelegt haben und die Asservate, die sie sicherstellten. Ein Profiler verbringt seine Zeit vor allem am Schreibtisch.

Petermanns Buch handelt auch nicht von spannenden Begebenheiten. Es erzählt von spannenden Beobachtungen und Gedanken. Der größte Teil besteht aus detaillierten Beschreibungen von Tatorten und Gegenständen: "Der BH weist fünf Beschädigungen auf: vorne drei Stichdefekte in den Körbchen und eine 15 Millimeter lange aufgerissene Naht in der BH-Mitte, wo die beiden Körbchen zusammengenäht sind." Solche Sätze gibt es in diesem Buch viele. Immer wieder werden Details beschrieben, aufgezählt, erläutert. Das ist nicht langweilig, das ist gründlich, auf die Einzelheiten kommt es schließlich an. Die Sprache ist dabei analytisch, fast wissenschaftlich, korrekt. Hauptsachbearbeiter, Spermienleger, Tatortgeschehen – solche Begriffe sind Teil von Petermanns Alltag und auch Teil seines Buches. Manchmal wirkt das ein wenig zu korrekt, wenn er in eine Wohnung nicht einfach hineingeht, sondern sie "aufsucht".

Abgehoben wirkt das nicht, Petermann erklärt viel. Selbst Ausdrücke, die gebräuchlich sind, werden erläutert, Gouvernante beispielsweise. Immer mal wieder gibt es Stellen, an denen er zu übersetzen vergisst, an denen eine "deviante Präferenz" oder ein "Trigger" so stehen bleiben. Weil der Analytiker letztlich dominiert, nicht der Erzähler. Das hat Vorteile. Schritt für Schritt nähert sich so der Leser zusammen mit Petermann der Tat und folgt ihm auf dem Weg zur Lösung. Was lag wo, was sagen die Zeugen, was die Kollegen, die die Ermittlung führen, was die Forensiker? Zuerst einen Überblick gewinnen, erst dann den Tatort aufsuchen, sammeln, prüfen, ermitteln.

Der Rest sind Petermanns Gedanken dazu, seine Vermutungen, seine vorsichtigen Schlussfolgerungen. Er will dabei keine Sensation, sondern erklären, was er tut. Er will seine Arbeit und was ihm bei dieser begegnet begreifbar machen. Möglichst ohne Emotionen, genauso nüchtern und sachlich, wie eine polizeiliche Ermittlung nun einmal ist. Allerdings auch ohne Spannungsbögen.

Diese Sachlichkeit schützt: Petermann und auch den Leser. In dem Buch gibt es keine imaginierten Beschreibungen des Todeskampfes und der Grausamkeiten. Petermann selbst berichtet, dass er versucht, sich so etwas nicht vorzustellen. Nur dann könne man als Ermittler mit dem Tod umgehen ohne verrückt zu werden, wenn man die Menschen als "kriminalistisches Untersuchungsobjekt" betrachte.

Es ist nicht der Schreibstil, der diese Art Bücher so faszinierend macht. Es ist die Tatsache, dass sie echt sind. Petermann will verstehen, warum jemand mordet. Er will verstehen, warum Menschen Böses tun. Und wer will das nicht. Schließlich ist es ein Teil von uns. Oder, wie Petermann es formuliert: "Das Töten ist dem Menschen immanent."