ZEIT ONLINE: Herr Kahle, als Archivar und Sammler vergessener Bücher, Texte und Webseiten arbeiten Sie seit 16 Jahren für die Utopie eines universalen Zugangs zum Weltwissen. Warum?

Brewster Kahle: Wir haben heute die Chance, alle Kultur und alle Forschung der Welt der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Websites sind dafür nur ein erster Schritt. Das Internet ist viel zu dünn geknüpft.

ZEIT ONLINE: Seit 1996 speichert Ihr Internet Archive überholte, veraltete und mittlerweile gelöschte Versionen von Websites.

Kahle: Unsere Kinder werden nur aus jenem Wissen lernen können, das sie auch in die Finger kriegen. Alles, was nicht oder nicht mehr im Netz steht, fällt durch die Maschen. Viele unserer wichtigsten und besten Leistungen sind aber weiterhin in physischen Bibliotheken gefangen – oder hinter Bezahlschranken. Wir brauchen Zugang zu allen Büchern, aller Musik, allen Videos, allen Websites und aller Software.

ZEIT ONLINE: Konzernen wie Disney gelang es, Schutzfristen für geistige Leistungen immer weiter zu verlängern, verschärfen und auszuweiten: In der EU gilt der Song Happy Birthday to you ab 2016 als gemeinfrei. Wie klingt das für Sie?

Kahle: So beherrschen und unterdrücken Konzerne einen Großteil aller kulturellen Äußerungen. Im 18. Jahrhundert, unter Benjamin Franklin , galt ein 14 Jahre langes Copyright für alle, die eine Kopie ihres Werks in der Library of Congress hinterlegten. Bei Bedarf war eine Verlängerung um 14 weitere Jahre möglich. Jeder durfte das Werk übersetzen und diese Übersetzung verkaufen. Dieses Modell funktionierte fast 200 Jahre.

ZEIT ONLINE: Trotzdem behaupten Sie, das Urheberrecht beschädige die kulturelle Vielfalt.

Kahle: Was passiert uns, als Kultur, wenn das Netz ein von Rechteinhabern kontrolliertes System wird, so abgeschlossen wie Online-Spiele oder Smartphone-Apps? Apples Macintosh begann als Allzweck-PC. Die neusten Apple-Rechner dagegen sollen funktionieren wie ein iPhone: geschlossene Gärten. Natürlich muss man Urheber für ihre Arbeit entlohnen! Und tatsächlich gibt es eine Menge Geld. Doch dieses Geld wird an den falschen Stellen investiert. Wir brauchen Zugang zu allem Wissen! Wir müssen Archive anlegen und sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen! Wir müssen Kultur verfügbar machen, damit sie gefunden werden und beim Schaffen neuer Kultur helfen kann: Wir brauchen Hilfe aus jedem Teil unserer Gesellschaft. Schüler, Eltern, Lehrer, Anwälte, Politiker, Philanthropen und Geschäftsleute, Verlage, Verkäufer, Bibliotheken und Autoren. Wir sind die Open Generation !