Vor zwei Wochen schaltete die Leipziger Buchmesse eine ganze Seite im Feuilleton der ZEIT, um ihren Buchpreis zu bewerben, "den ersten Höhepunkt des Literaturjahres 2012", wie es oben stand. Alle 15 Bücher in den drei Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung sollten ihren Auftritt bekommen. Und deren Cover mitsamt dazugehörigen Jubelsprüchen aus der Literaturkritik waren fein säuberlich in jeweils einzelnen Kästen aufgereiht. Für einen Titel in der Kategorie Übersetzung und für Sherko Fatahs in der Belletristik nominierten Roman Ein weißes Land aber hatte es ganz unten auf der Anzeige nicht mehr recht gereicht: Da gab es kein Cover und auch keinen Jubelspruch, nur die Nennung in einem ansonsten leeren Kästchen.

Das hatte was Schlampiges. Als würde die Messe selbst nicht an ihr Produkt glauben. Als wüsste sie, dass aus ihrem Preis kein Erfolgsmodell mehr wie der Deutsche Buchpreis in Frankfurt wird. Das hat seine Gründe. In Leipzig werden eben auch Sachbücher und Übersetzungen ausgezeichnet. Was aller Ehren wert ist, das Ganze aber etwas unüberschaubar macht, um nicht zu sagen: undurchschaubar. Saul Friedländer und Rüdiger Safranski wurden in Leipzig ausgezeichnet, die Übersetzungen von monumentalen Werken wie Roberto Bolanos 2666 waren nominiert oder gewannen, wie die von David Foster Wallace' Unendlicher Spaß 2009 oder die von Tolstois Krieg und Frieden 2011.

Trotzdem galt seltsamerweise immer die größte Gespanntheit und Aufmerksamkeit und der anschließend größte Jubel der gerade im Vergleich zu oben genannten Werken etwas schwachbrüstigen Belletristik, deren Gewinner in den letzten drei, vier Jahren Mühe hatten, auch zu Bestsellern zu werden.

Ähnlich verhält es sich dieses Jahr: Péter Nádas und William H. Gass bei den Übersetzungen, Großwerke!, Manfred Geiers Buch über das ultimative europäische Projekt, die Aufklärung, Winfried Schoellers Döblin-Biografie, Carolin Emckes Buch über das Entdecken des Begehrens, Lothar Müllers Geschichte des Papiers (ja, genau, nie war es mehr in Gefahr, nie war es so wertvoll wie heute!). Und dann eine auf den ersten Blick erratisch anmutende Auswahl in der Belletristik, bei der nur Wolfgang Herrndorf mit Sand und Thomas von Steinaeckers Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen zwingend erscheinen.

Wohl noch nie war es so leicht, vier, fünf andere Titel oder gewichtige Autoren oder Autorinnen zu nennen, die eigentlich hätten nominiert werden müssen. Schon lange war kein Frühjahr in der deutschsprachigen Literatur mehr so gut und kreativ, so vielfältig und aussagekräftig wie dieses, von Christian Krachts Imperium über Andreas Maiers Das Haus bis zu Bernd Cailloux’ Gutgeschriebene Verluste , von Felicitas Hoppes Anti-Autobiografie Hoppe über Annette Pehnts Generationenroman Chronik der Nähe bis zu Ulla Lenzes Trauerbuch Der kleine Rest des Todes . Ja, Buchpreisjury, was war mit denen? Nein, klar, gingen eben nur fünf.

Sehr merkwürdig ist es dann, wenn in der Süddeutschen Zeitung der Kritiker Burkhard Müller die aktuelle deutschsprachige Gegenwartsliteratur in ihrer Gesamtheit missmutig abwatscht. Er wirft ihr vor, nur Coming-Of-Age-, Familien- oder historische Romane zu produzieren und der "authentischen Erinnerung" zu viel Raum zu geben. Zur gelingenden Erfindung aber sei sie nicht fähig, schreibt Müller, und wenn, habe diese Prosa höchstens die Neigung zum hochgradig Unwahrscheinlichen und zeige nicht selten einen Zug der Angeberei.

Man will Müller nun gar nicht groß mit Namen kommen – er selbst nennt keine, nur drei britische Autoren als leuchtende Gegenbeispiele. Man will ihn also gar nicht fragen, ob er schon einmal Leif Randt gelesen hat, einen Zaimoglu-Roman, einen Steinaecker-Roman, Herrndorfs Sand . Zumindest spricht rein gar nichts gegen Coming-Of-Age- oder Familienromane, wenn sie kunstvoll erzählt sind, wie es Eugen Ruge getan hat, wenn sie eben nicht nur eine Familiengeschichte chronologisch von A nach B erzählen. Oder wenn Annette Pehnt drei Frauengenerationen ineinander blendet, Lebenslinien sichtbar macht und zeigt, wie emotionale Muster sich vererben.