Schnautzhän, Entschnarcher, Lesefetischisten

Roger Willemsen sollte Wetten Dass...? moderieren. Während der diesjährigen Lit.Cologne musste er völlig unvorbereitet in der ausverkauften Kölner Oper mit Karl Lagerfeld über die klassische Moderne improvisieren, weil Elke Heidenreich als Lagerfelds Gesprächspartnerin abgesagt hatte. Die beiden brillierten und zeigten zweierlei. Erstens: Ein Literaturfestival kann E und U verbinden, dann ist es toll. Zweitens: Willemsen braucht jetzt neue Moderatorenaufgaben, Wetten Dass...? zum Beispiel oder den Europapokal, vielleicht Das Wort zum Sonntag . Er entschnarcht alles.

Zu Literaturfestivals gehen viele Leser nur, um sich die gleiche anforderungslose Prosa anzuhören, die sie sich auch zum Einschlafen geben, heißt es oft, eine Krimilesung hier, ein Frauenroman dort. Das anspruchsvolle Publikum bliebe solchen Events doch fern. Nun ist der Kölner an sich seit jeher niveaukompatibel, nach oben wie nach unten, außerdem versammelt er sich gern. Schon im zwölften Jahr kauft er die Lit.Cologne leer, dieses Mal rund 170 Veranstaltungen. Besonders liebt er, was allerdings nicht nachzuvollziehen ist, das sogenannte Literaturschiff, das eine Stunde lang den Rhein hoch und wieder runter fährt, mit Panoramahalt am Dom. Die ganze Stadt wird als Leseort genutzt, Kirchen ebenso wie Kneipen, und, natürlich, die großen Bühnen.

Dort findet sonst eher Dramatisches statt, das bei Literaturfestivals allerdings gern ausgeklammert wird. Weil die Prosa längst an die Stelle des Dramas getreten ist als erfolgreichstes Genre für alle Lebenslagen, für alle ästhetischen und ethischen Probleme. Deshalb kann sie nun problemlos seine Arenen einnehmen. Da in letzter Zeit immer alles Geschilderte durch den Autor beglaubigt und erlebt worden sein muss (siehe Helene Hegemann ), bietet so ein Literaturfestival die Gelegenheit, genau diese Forderung zu befriedigen: Der Autor liest selbst aus seinem Werk.

Das freilich fällt aus, wenn der Autor längst tot ist. Dann tritt erneut Roger Willemsen auf den Plan. Wiederum in der Oper präsentierte er eine Nacht der Virtuosen . Nur die ganz großen Wortkünstler vergangener Jahrhunderte wurden ausgegraben und von zwei Kölner Theaterschauspielern virtuos rezitiert. Zwischendurch erläuterte Willemsen in der ihm eigenen wasserfallartigen Syntax die Grundzüge des Barock. Die Bühne solle an diesem Abend zu ihrem Recht kommen – ist sie.

Abteckerische Zäpfleinlüller

Höhepunkte: ein protoelektronisch klingendes Somewhere Over The Rainbow , gespielt von Barbara Buchholz auf einem Theremin . Und: "Ihr meine Schlampampische gute Schlucker, kurtzweilige Stall und Tafelbrüder: ihr Schlaftrunckene wolbesoffene Kautzen und Schnautzhän, ihr Landkündige und Landschlindige Wein Verderber unnd Banckbuben: Ihr Schnargarkische Angsterträher, Kutterufstorcken, Birpausen, und meine Zeckvollzepfige Domini Winholdi von Holwin: Ertzvilfraß lappscheisige Scheißhaußfüller unnd Abteckerische Zäpfleinlüller!" Selbst Erzgermanisten hätten niemals zu hoffen gewagt, dass Johann Fischart, Wortspieler des 16. Jahrhunderts, auch heute noch ein Riesenpublikum von den lederbespannten Stühlen reißt.

Vorlesen bildet das Publikum. Ähnlich perfekt wie an jenem Oper-Abend gelang das Jörg Thadeusz und seinen vortragenden Schauspielern ( Hannelore Hoger und Richy Müller) während der Fetisch-Soirée Ich bin so wild nach deinem Gummihund . Im Tanzbrunnen – sonst das Stammhaus der Wise Guys und Bläck Fööss – hatten sich massenweise Schaulustige eingefunden. Immerhin konnte man sich vom Thema pornografische Textstellen versprechen. Das kam auch so, "seine Wonne war so übermächtig, dass er fast vom Bett rollte", "eine schön gestaltete Wade hat große Macht im Reich der Lüste". Es ging also um Fußfetische, um Schlafmützenfetische, um allerhand. Ohne es gewollt zu haben, bekam das Publikum eine Lehrstunde in Motivgeschichte, fröhlich untermalt von zwei tanzenden Boys in Ledermasken und engen Unterhemden. Als Höhepunkt darf Jörg Thadeusz' Powerpointpräsentation über die Fetischerklärung Sigmund Freuds gelten, gewissermaßen die herrliche Hochzeit von E und U. Auch er könnte Wetten Dass...? moderieren. Aber das macht ja nun Markus Lanz .

Schnautzhän, Entschnarcher, Lesefetischisten

Natürlich gab es bei der Lit.Cologne recht vieles zu sehen, das die Zuschauer nicht eben in den ästhetischen Zustand beamte, sondern mehr ins Dumpfunterkomplexe. Schiller hat dazu das Nötige gesagt. Wenn man ein Publikum bilden und unterhalten wolle, schrieb er 1791, dann müsse man es zu sich hochziehen, anstatt sich zu ihm hinabzubeugen. Jemand, der das tun könne, bringe "die gewagtesten Vernunftwahrheiten, in reizender und verdachtloser Hülle, lange vorher unter das Volk, ehe der Philosoph und Gesetzgeber sich erkühnen dürfen, sie in ihrem vollen Glanze heraufzuführen. Ehe sie ein Eigentum der Überzeugung geworden, hätten sie schon ihre stille Macht an den Herzen bewiesen, und ein ungeduldiges einstimmiges Verlangen würde sie endlich von selbst der Vernunft abfordern." So kann ein gutes Literaturfestival sein: Es kann Wahrheit in verdachtloser Hülle präsentieren – Ernst und Unterhaltung verbinden.