Dass die Frau nicht das einzige unterdrückte Geschlecht ist, darüber kann man sich schon seit einer Weile informieren, wenn es einen interessiert. Die strikt getrennten Rollen und Ideale der Vergangenheit haben nicht nur die Frauen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ausgeschlossen, sondern auch die Männer vom Familienleben ferngehalten und sie zu Soldaten und Arbeitern gemacht, die, um anerkannt zu werden, mit ihrer Lebensqualität oder gleich mit ihrem Leben bezahlten.

Während der Feminismus seit Langem gegen die Benachteiligungen der Frauen kämpft, viel erreicht hat und mittlerweile gesellschaftlich etabliert ist, haben die Männer ihre Rolle weitgehend ignoriert. Viele haben die Forderungen der Frauen zwar formal anerkannt, aber nie eigene Forderungen und moderne Rollenbilder für sich selbst formuliert. Mit einem Bein stecken sie in den alten Rollen fest, mit dem anderen fassen sie nur mühsam Tritt im modernen Alltag.

Das Ergebnis ist die "Krise der Männlichkeit". Zu ihren Symptomen in Deutschland gehört eine deutlich kürzere Lebenserwartung der Männer, eine Selbstmordrate, die dreimal so hoch ist wie die von Frauen, und regelmäßige Klagen von älteren Vätern, die zu wenig Zeit mit den eigenen Kindern verbracht haben.

Der Autor wirbt für Mitgefühl

Als Reaktion auf diesen Zustand hat der Berliner Schriftsteller Ralf Bönt  Das entehrte Geschlecht geschrieben, ein "notwendiges Manifest für den Mann", wie es im Untertitel heißt. Im Kern des Buches stehen drei Forderungen: "1. Das Recht auf ein karrierefreies Leben. Der Mann muss auch jenseits einer beruflichen Stellung respektiert werden. 2. Das Recht auf Krankheit jenseits der Vorwürfe von Hypochondrie und Fühllosigkeit. 3. Das Recht auf eine geehrte Sexualität jenseits von Ablehnung, Diffamierung, Kapitalisierung und Kriminalisierung."

Bönt fordert die Männer nicht auf, weich zu werden, und er wirbt auch nicht "für mehr Gefühl" , wie es andernorts zu lesen ist. Schon eher wirbt er für mehr Mitgefühl. Aber auch das ist noch nicht ganz richtig; denn Bönt macht lediglich klar, dass der Mann als Wesen genauso komplex und menschlich ist wie die Frau, und dass es deshalb keinen Grund gibt, Männern mit weniger Wertschätzung, Rücksicht und Akzeptanz zu begegnen als Frauen.

Weil das, auch wenn es selbstverständlich klingen mag, kein gesellschaftlicher Konsens ist, beschreibt Bönt die Facetten negativer und banalisierter Männerbilder in der Öffentlichkeit und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Privatleben. Er schildert fassungslos, wie ein Freund auf dem Spielplatz auf Initiative der umstehenden Mütter von der Polizei kontrolliert wird, weil er seiner Tochter die Strumpfhose richtet. Er inspiziert den männlichen Körper und die Sexualität mit der Genauigkeit des Naturwissenschaftlers (als welcher er gearbeitet hat, bevor er Schriftsteller wurde) und stellt klar, dass der Penis keine Waffe ist. Und er beschreibt, wie man sich "auch in gebildeten Kreisen" den Abend gründlich verdirbt, wenn man darauf hinweist, dass im Vietnamkrieg 58.193 Amerikaner getötet wurden, davon aber nur acht Frauen.

Die Errungenschaften der Frauenbewegung stellt Bönt nie in Frage; vielmehr drückt er immer wieder seinen Respekt für sie aus. Bloß fordert er eben als Ergänzung mehr Achtung für den Mann. Was vielleicht am meisten beeindruckt an diesem Buch, ist sein Ton: Auch wenn er über Verletzungen und intensive Empfindungen schreibt, verfällt er nie ins Gejammer. Stattdessen zeichnet sich sein Stil gerade durch seine Ehrlichkeit, seine Direktheit und seine Konsequenz aus.

Feminismus kritisiert Bönt nur, wenn er zu Hass wird

Dieser Ton dürfte Bönts größte Stärke sein. Denn längst nicht alle Fakten, die er präsentiert, sind neu. Die unterschiedlichen Lebenserwartungen und Suizidraten, die Missachtung der eigenen Gesundheit als Zeichen von Männlichkeit, das Image des Mannes als Übeltäter und ständige Bedrohung, das haben auch andere schon beschrieben. Im deutschsprachigen Raum müsste man mindestens Walter Hollstein nennen, der die aktuelle Lage des Mannes in mehreren Büchern sehr ausführlich beschrieben hat. Aber Hollstein hat nicht diesen Ton. Sein Tonfall ist verbitterter, oft leicht apokalyptisch. Bönt schreibt selbstbewusster, pointierter und entwaffnend persönlich.

Er schildert, wie er sich nach der Geburt seines ersten Sohnes das Recht auf väterliche Erziehung erkämpft und sich vom passiven Nebensteher zum aktiven Vater entwickelt hat. Und er erzählt von seiner chronischen Krankheit, wie er mit zitternden Händen am Schreibtisch saß und als Hypochonder belächelt wurde – bis er eine "idiotische Fehldiagnose richtigstellen" und "verklemmte Halswirbel und ein Schwermetall als Ursache ausmachen konnte".

Den Feminismus kritisiert Bönt nur dort, wo er über die Gleichberechtigung hinausgeht und den Mann als ständigen Täter porträtiert (und damit paradoxerweise gleichzeitig die Frau im Opferstatus zementiert). Dabei rechnet er vor allem mit Alice Schwarzer und ihrer Schwanz-Ab-Ideologie ab: "Schwarzer ist der Franz Josef Strauß des Feminismus, der notwendig gewesene Macho der Frauenbewegung"; aber: "Der Hass hat das Problem der Geschlechter, statt es zu lösen, verschärft."

Genauso ärgert sich Bönt aber auch über "die Reduzierung des Mannes auf das Aktive und Starke, die ein Verbot der Passivität und der Schwäche ist". Für Debatten wie die aktuelle um den vermeintlichen Kraftmangel junger Männer ( "Schmerzensmänner" ) hat er deshalb wenig übrig. Als Physiker liefert er mit der "Hysterese" jedoch eine schöne Erklärung für die Hitze solcher Diskussionen: "Der Grund ist derselbe wie beim hellen Fleck im Auge nach dem Abschalten der Lampe. Die Neuronen müssen sich erst neu organisieren, sie müssen sich abregen. (…) Was im Fall des Lichtflecks im Hirn innerhalb einer Minute vonstatten geht, ist im Falle der Justierung einer gesellschaftlichen Größe keine Kleinigkeit."

Bönt entwirft einen Mann der Zukunft, einen selbstbewussten, aufgeklärten Partner, den es braucht, um die Gleichberechtigung zu vollenden. Dieser Mann ist allerdings nicht einfach weich, sondern vor allem ehrlich zu sich selbst und konsequent – und deshalb letztlich auch erfüllt. Ralf Bönt hat einen Ton gefunden, der es dem Mann erlaubt, die Anforderungen der Moderne zu erfüllen, ohne sich verstecken zu müssen. Mögen die Männer sein Buch lesen. Und die Frauen auch.