Zum ersten Mal habe ich es im Jahr 1986 beobachtet, damals, als im fernen, heißen Mexiko Diego Maradona der argentinischen Nationalmannschaft den Weltmeistertitel holte und die sowjetische Nationalmannschaft ein Wahnsinnsspiel hinlegte und nur wegen haarsträubender Schiedsrichterfehler im Achtelfinale ausschied, was dann im Herbst durch einen Sieg über die Franzosen im "Parc de Princes" kompensiert wurde. In meiner ziemlich selektiven Erinnerung ist 1986 das Jahr des allgegenwärtigen, allumfassenden Fußballs, des totalniy futbol.

Jeder interessierte sich für Fußball. Jeder sprach darüber. Jeder kannte die Namen der Spieler (so wie in der Ukraine heute jeder die Namen der Politiker kennt). Wir sowjetischen Jungpioniere verließen den Bolzplatz erst,wenn es dunkel wurde und der Ball in der Dämmerung verschwamm. Fußball war unser erstes Gesellschaftsmodell, unsere erste Weltanschauung, eine ziemlich sympathische dazu. Er verband und inspirierte, machte selbstsicher und unabhängig. Später hat sich das alles verflüchtigt. Wir wurden erwachsen und mussten einsehen, dass Fußballregeln außerhalb des Spielfeldes keine Gültigkeit haben. Leider! Und dass deine Freunde außerhalb des Stadions nicht immer an deiner Seite spielen. Das Leben änderte sich. Das Land, dessen Pioniere wir nicht allzu lange hatten sein können, ging unter. Und mit ihm der sowjetische Fußball. Der Fußball der unabhängigen Ukraine jedoch befand sich erst im Aufbau, wie die neue Ukraine selbst.

Zum zweiten Mal hatten wir dieses Gefühl der allumfassenden Euphorie im Sommer 2006, während der WM in Deutschland. Unsere Mannschaft, die Nationalmannschaft der Ukraine, nahm zum ersten Mal an einer Weltmeisterschaft teil. Mehr noch, ganz unerwartet erreichte sie das Viertelfinale, wo sie von Italien, dem künftigen Weltmeister, gestoppt wurde. Mit der Nachricht, dass wir nach Deutschland fahren würden, begann die Euphorie. Wieder wurde das ganze Land fußballkrank. Wir, die letzten Sowjet-Pioniere, dankten dem Schicksal für die Gelegenheit, dies alles noch erleben zu dürfen. Denn die ganze Zeit über, in all den Jahren hatten wir uns an die Siege der Achtziger erinnert, die Siege unserer Vereine – Dynamo Kiew, Schachtar Donezk, Dnipro Dnipropetrowsk, Metalist Charkiw.

"Totalniy Futbol - Eine polnisch-ukrainsche Fußballreise", herausgegeben von Serhij Zhadan. Suhrkamp, Berlin 2012, 242 Seiten, 18 Euro.

Und anders als andere hatten wir nie daran gezweifelt, dass die guten alten siegreichen Zeiten irgendwann wiederkehren würden. Wir waren die letzte Generation der Fußball-Romantiker und mussten deshalb mehr als andere leiden. Im Juni 2006 fühlten wir eine seltsame innere Erhebung, ohne Hintergedanken oder faden Beigeschmack, wie sie nur die Liebe zum Fußball schenken kann. Zum ersten Mal seit der orangen Revolution, die für die einen Offenbarung, für die anderen Katastrophe und Kollaps bedeutet hatte, machte das postrevolutionäre Land die Erfahrung von Einheit und Zusammenhalt. Und nach jedem Sieg von Blochins Mannschaft feierten von Luhansk bis Lemberg die Menschenmassen auf den Straßen. Ein solches Aufflackern von Patriotismus und gegenseitigem Verständnis scheint uns nur der Fußball zu bescheren. Der Fußball ersetzt in diesem Land offenbar sehr erfolgreich die nationale Idee. Ohne dass man sagen könnte, ob das nun gut oder schlecht ist.

Die Euphorie verebbte schnell

Die Nachricht, dass die EM 2012 in Polen und der Ukraine stattfinden würde, hat uns im April 2007 gerade noch auf jener postrevolutionären post-WM-Welle erreicht. Wie gut das alles passt, dachten wir, wie sich alles so vollkommen unerwartet, aber wunderbar fügt! Wir hatten wirklich Anlass zur Freude: Ganz offensichtlich wurden wir Zeuge historischer Ereignisse, wie sie in unserer Zeit erstaunlich gehäuft auftraten. Mehr noch, uns fiel es zu, diese historischen Ereignisse mit Leben zu füllen. Die Euphorie verebbte jedoch sehr schnell.

Je tiefer die Ukraine in politische und wirtschaftliche Turbulenzen geriet, je brutaler und deprimierender die Realität des gesellschaftlichen Lebens wurde, desto kühler standen die Bürger des Landes zur EM. Hinzu kam, dass die Vorbereitungen unter den für die Ukraine typischen Schwierigkeiten getroffen wurden – Probleme mit den Städten, Probleme mit den Stadien, Probleme mit den Polen, Probleme mit der UEFA, Probleme mit der Wirtschaftskrise und vor allem Probleme mit der Staatsmacht, die sich so unerbittlich veränderte. Und zwar zum Schlimmeren. Obwohl wir doch geglaubt hatten, schlimmer könne es gar nicht kommen.

Heute, wo bis zur EM immer weniger Zeit bleibt, wo alle Stadien eröffnet sind und die neuen ukrainischen Machthaber siegestrunken von der erfolgreich abgeschlossenen Vorbereitung auf das Turnier berichten, wo den EM-Gegnern (und von denen gab es auf der Welle der Proteste gar nicht wenige) keinerlei Hoffnung mehr bleibt, dass man der Ukraine dieses verdammte Turnier doch noch wieder wegnehmen könnte, um die Politiker für Korruption und Autoritarismus zu bestrafen, selbst heute also kann man konstatieren, dass seltsamerweise der Fußball auch weiterhin fast das Einzige ist, das in diesem seltsamen Land, wo man sich noch nicht einmal über die eigenen Probleme, Wünsche und Stereotypen im klaren ist, alle miteinander vereint.