Eine Romanfigur kehrt zurück zum Nullpunkt – Seite 1

ZEIT ONLINE:  Frau Lenze, im Zentrum ihres neuen Buchs steht ein großes Unglück: Der Vater Ihrer Ich-Erzählerin Ariane kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Was bedeutet das für den Roman ?

Ulla Lenze: Ich habe mich für eine Figur interessiert, die an eine existenzielle Nullstelle gerät, und wollte sehen, wie viel Toleranz um sie herum herrscht.

ZEIT ONLINE: Ihre Figur geht sich dabei vollkommen selbst verloren. Dieser Verlust einer Vorstellung für das eigene Leben begann aber nicht erst mit dem Tod des Vaters.

Lenze: In der Tat ist Ariane sich schon zuvor selbst suspekt geworden. Sie arbeitet an einer Doktorarbeit und merkt, dass die Inhalte irgendwann weniger wichtig wurden als das karrieristische Denken. Sie wollte sich herausziehen aus diesen Kontexten, hat sich von ihrem Freund getrennt. Sie wollte eine Art Revision halten und sich selbst fragen: Wer bin ich eigentlich? Und in diese relative Nacktheit und Leere hinein ereignet sich dann diese Tragödie, dass der Vater mit dem Flugzeug abstürzt.

ZEIT ONLINE: Mit dem Tod des Vaters verändert sich auch etwas in den Beziehungen zwischen Ariane und ihrer Umwelt: sie kollabieren. Jegliche Kommunikation scheint zu misslingen.

Lenze: Arianes Hilfeschreie sind bereits so übersteuert, dass sie damit auch Menschen vergrault. Das passiert eben mit ihrem langjährigen Freund, der inzwischen eine neue Beziehung hat und sich ihr nur mehr begrenzt widmen kann. Ich fand die Frage interessant, inwieweit andere uns etwas schuldig sind. Inwieweit andere für uns verantwortlich sind und was man ihnen zumuten darf. Inwieweit müssen andere Grenzen setzen, sogar in unserem Interesse? Ich kann allerdings auch nur bis zu dieser Frage vordringen; eine gültige Antwort darauf gibt es nicht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie, wenn Sie mit einem Text beginnen, eine solche Fragestellung im Kopf, eine Metaebene des Textes sozusagen?

Lenze: Ich weiß, worauf ich zusteuern möchte und formuliere das auch in einem eigenen Dokument. Aber meistens verfehle ich dieses Ziel komplett. Es sind Krücken, die oft ganz woanders hinführen, im Grunde also unzuverlässig sind. Erst hinterher kann ich halbwegs erkennen, was das übergeordnete Thema war: etwa jenes Motiv der misslingenden Kommunikation. Auch Verlassenheit ist ein großes Thema, Verantwortung. Das sind Gedanken, die aber dann während des Schreibens so deutlich gar nicht im Raum standen.

ZEIT ONLINE: Es gibt sehr poetische Passagen in Ihrem Roman. Wie haben Sie die Figur und ihre Sprache entwickelt?

Lenze: Es gibt nicht eine Stimmung oder Atmosphäre, in die ich eine Situation hineinkopiere. Vielmehr hängt alles sehr dicht an der Wahrnehmung der Figur, in diesem Fall von Ariane. Und das ist auch das Besondere. Sie ist ja so entblößt. Sie ist von Kontexten befreit. Wenn sie durch die Straßen geht, dann nimmt sie plötzlich anders wahr. Dadurch entstehen diese poetischen Räume. Ob sie selbst in der Lage ist, diese ästhetisch zu genießen, bezweifle ich. Das ist auch das Kuriose am Schreiben, dass es einerseits diese Form bietet, die man selber als Schreibender und Lesender mit einem ästhetischen Wohlgefallen oder Genuss wahrnimmt. Und es gibt das, was erzählt wird und das ganz furchtbar und tragisch ist. Das ist eine interessante Spannung zwischen Form und Inhalt.

"Es kommt zu einer Freisetzung von Energie in diesem Traurigsein"

ZEIT ONLINE: Ihr Roman wirkt sehr konzentriert und präzise. War die Form von Anfang an da, oder hat sich diese Verdichtung im Schreibprozess ergeben?

Lenze: Das Buch ist durch mehrere Stadien gelaufen. Es hat auch einen autobiografischen Hintergrund. Auch ich habe meinen Vater durch einen Unfalltod verloren, und ich merkte, dass ich mich schreibend diesem Ereignis nähern möchte. Ich stand lange vor der Wahl, ob ich einen Bericht schreibe oder es fiktional behandele. Ich habe mich für die künstlerische Bearbeitung entschieden. Und das hat mich auch wieder in neue Konflikte gebracht.

ZEIT ONLINE:  In welche?

Lenze: Zunächst hatte ich den Eindruck, ich müsse dem wirklich Geschehenen treu sein. Und das gelang in den ersten Arbeitsphasen gar nicht. So entstanden eben immer wieder neue Anläufe, bis das Manuskript anfing zu leben, frei zu werden und ich das Schreiben in den Dienst des Textes stellen konnte. Ich merkte schließlich, dass es eine künstlerische Antwort auf dieses Ereignis ist und keine therapeutische: Es handelt sich um zwei ganz verschiedene Prozesse. Einmal um einen persönlichen Verarbeitungsprozess und zum anderen um einen literarischen Arbeitsprozess.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie Bedenken, diesen autobiografischen Gehalt zu offenbaren, oder Angst davor, danach gefragt zu werden?

Lenze: Die Frage hätte mich nicht überrascht. Und ich habe die Frage ja selber auch bei manchen Büchern. Man setzt sich nicht ohne Notwendigkeit mit solchen Themen auseinander, oder auch mit dieser Intensität.

ZEIT ONLINE: Bei Ariane spürt man diese Intensität sehr deutlich. Tatsächlich lässt sie die Zumutung des Todes gefährlich nahe an sich heran.

Lenze: Sie findet sich in einer besonderen Situation wieder. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Svenja, die fest im Leben steht, die Verantwortungen hat, Pflichten, die ein Kind hat, einen Ehemann, einen Beruf, ist Ariane auf gewisse Weise vogelfrei. Sie ist aus allen Zusammenhängen gefallen, und sie manövriert sich auch bewusst in dieses Durcheinander hinein. Ihr Leben kehrt gewissermaßen zurück auf Los.

ZEIT ONLINE: Ariane und Svenja verkörpern zwei extreme Formen, mit dem Verlust des Vaters umzugehen. Könnte man sagen, dass die eine sich ihrer Verzweiflung überantwortet, die andere zur Managerin dieses Todesfalles wird?

Lenze: Ja, es sind zwei ganz gegensätzliche Strategien. Beide sind an einem anderen Ende des Spektrums angesiedelt. Dass diese zwei Positionen entstehen, hat auch mit einer Dynamik zwischen den zwei Geschwistern zu tun. Das Interessante bei Ariane ist, dass diese existenzielle Nullstelle, an die sie gerät, auch etwas bei ihr freisetzt. So verzweifelt sie ist, lernt sie sich doch selber kennen. Sie wird aufsässig, teilweise kindlich regressiv. Es entwickeln sich ganz neue Charaktereigenschaften. Es kommt zu einer Freisetzung von Energie in diesem Traurigsein.

ZEIT ONLINE: Woraus besteht nun der kleine Rest des Todes?

Lenze: Der kleine Rest des Todes ist ja ein großer Rest, den es eigentlich nicht geben darf. Es geht dabei um ein Herunterspielen dieser Zumutung. Es geht um eine Gegenbewegung, um den ganzen Skandal dieses Unfalltodes des Vaters. Und es geht auch darum, die Zumutung an sich heran zu lassen. Genau das widerfährt Ariane, der Protagonistin des Romans, die sich ganz dem Schmerz des Verlassenseins ausliefert.