Männlich bebartet und vor Fantasie nur so strotzend sitzen sie in einer monochromen Schreibstube und zeichnen. Nur ab und zu schaut einer auf, betrachtet die Fortschritte des Nebenmannes und gibt sich wieder schweigend seiner Arbeit hin. Die Szenerie aus Olivier Schrauwens neuem Comic Der Mann, der seinen Bart wachsen liess mutet kafkaesk an. Verstärkt wird das beklemmende Gefühl, als einer der Männer herausgenommen und seinem Haupthaar der Prozess gemacht wird: "Ihr Haar gehört zum Typ F."

Übersetzt bedeutet das: "Du hast verrücktes Haar." Der so Verurteilte nimmt wieder Platz und muss mit ansehen, wie sein langhaariger Kollege an einer "phreno-trichologischen Analyse" zeichnet. Statt den Geschehnissen in der Zeichenstube zu folgen, gewährt Schrauwen dem Leser Einblick in die Zeichenstudie. Kleine Männlein walten demnach unter der Kopfhaut des Verrückten, betrinken und prügeln sich und sind so für seinen konfusen Haarwuchs verantwortlich. Als hätte auch der verrückte Mann die grafischen Erläuterungen seines Kollegen mitgelesen, führt er nun seinerseits die gezeichnete Kommunikation fort. Er skizziert ein Selbstbildnis und versieht es mit der Aufforderung "Lass doch meine Haare in Ruhe!". Während die Männer noch über "Haartypen" diskutieren, wuchert es an anderer Stelle schon weiter.

Der Belgier Olivier Schrauwen hat sein aktuelles Buch bewusst gegen den Trend gebürstet. Er erzeugt einen Kontrast zu den zeitgenössischen Graphic Novels, die sich nur allzu gern an die Augen der Leser anschmiegen. Minutiös austariert erzählt die eine aus dem Leben eines Architekten , stilvoll umschwungen entführt die andere in den fernen Orient . Die ansprechenden Darstellungen laden zur Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Sujets ein. Mit seiner zweiten deutschen Publikation versucht Schrauwen erst gar nicht zu gefallen.

Weder bereiten die sechs Geschichten des Buchs ein aktuelles oder biografisches Thema auf, noch ermuntert die Darstellung zum Zuschauen. Der Belgier zelebriert die Rohheit der frühen Bildergeschichten eines Wilhelm Busch . In der ersten Geschichte tritt zwar ein Affe auf, der an Buschs Fipps erinnert, doch räumt ihm Schrauwen keinen Platz für seine Lehren in Reimform ein. Der Affe in Congo Chromo wird kurzerhand erschossen und gegrillt. Das unbändige Tier, das in den Urwald einbricht, ist in dieser Geschichte der Mensch, die vermeintliche Krone der Schöpfung. Schrauwen benötigt nur wenig Text, um unserer Zivilisation die Maske herunterzureißen und sie mit ihrer eigenen Fratze im Spiegel zu konfrontieren.

Auch grafisch knüpft Schrauwen an die Frühphase des Comics an. Wie bereits in seinem Debüt Mein Junge verweist er auf die Arbeiten von Winsor McCay ( Little Nemo in Slumberland und Dreams of the Rarebit Fiend ). Der Urvater der Tricktechnik ( Gertie the Dinosaur ) ist vor allem durch seine subversiven Traumreisen bekannt geworden, in denen er seine jugendlichen Helden mit allerlei grotesken Figuren konfrontiert hat. Grafisch experimentierte McCay mit verschiedenen Bildformaten: Wuchsen dem kleinen Nemo stelzenförmige Beine, erstreckte McCay die Panels über die ganze Höhe der Zeitungsseite. Auch Schrauwen passt seine Darstellung der thematischen Ebene an. Seine Experimente beziehen sich dabei nicht so sehr aufs Seitenlayout, sondern stützen sich auf einen naiv-kindlich wirkenden Art-brut-Stil und die verwendete Farbpalette – trist erscheinender Siebdruck und vergilbte Ockertöne werden quietschgrellen Farben gegenübergestellt.

Olivier Schrauwen zeigt auf der einen Seite die Rohheit unserer Gesellschaft und lässt auf der anderen Seite immer noch genug Raum in dieser Welt für die Träumer und Geschichtenerzähler. Den Spagat zwischen Realität und Traum thematisiert er am besten und beißend in Der Imaginist : Ein strahlender Protagonist empfängt seine Geliebte im rubinroten Palast und träumt sich mit ihr durch den Abend. Die ausschweifenden Farben und das opulente Ambiente stellen dabei den Gegenpol zur düsteren Zeichenstube dar. Doch unaufhörlich drängt die braune, triste Realität in die Traumwelt hinein.

Obgleich Schrauwens Arbeiten zu narrativ für einen Impressionisten und gleichzeitig zu symbolhaft für einen Realisten sind: Mit seinen ungehobelten Geschichten hat er einen Weg gefunden, die Tradition des Geschichtenerzählens wiederzubeleben.