Alltägliche Sprachkritik gelangt leider selten über Rechthaberei hinaus. Die Häme, mit der diese volkssportgewordene Disziplin gemeinhin betrieben wird, ähnelt dem notorischen Kichern in deutschen Zügen, wenn sich der Schaffner von den internationalen Fahrgästen verabschiedet. Meist geht es um den schnellen Witz über Leute, denen man eigentlich nicht fern ist: Der normale ABC-Heckenschütze belehrt seine Mitmenschen über einen abenteuerlichen Plural oder einen falschen Genitiv oft selbst in einer Sprache, in der es auch nicht unfallfrei zugeht.

Die ernsthafte Sprachkritik indessen hat eine andere Funktion. Sie dient statt der komödiantischen bestenfalls einer aufklärerischen Absicht. Sie fragt nach den Motiven und dem Kern einer leichtfertig gebrauchten Wendung. Sie ist, oft im saloppen Sinn, auch Ideologiekritik. Wenige können das. Noch weniger können es so, dass daraus ein Lustgewinn entsteht. Das ist hohe Kunst, derzeit nachzulesen in den grandiosen Sprachglossen des Satirikers Wiglaf Droste. In der Sammlung Sprichst du noch oder kommunizierst du schon? stehen Blödigkeiten neben Grobheiten, der Wortmüll der lichtdurchfluteten Arbeitswelt neben dem plusquamperfekten Berliner Dialekt und anderen Zumutungen, die Menschen so selbstverständlich von sich geben. In seinen Betrachtungen unserer Sprachflatulenzen entwickelt der Autor kurze, treffsichere Sitten- und Mentalitätsporträts.

Droste ist ein beneidenswerter Stilist. Und es liegt an seinem verwunderten Spott, seiner Beobachtungsgabe und dem Hang zum Absurden, weshalb das Buch anderen humoristisch gemeinten Grammatikstunden überlegen ist, die es bisweilen auf Bestsellerlisten schaffen. Hier wird nicht nur geschulmeistert, hier wird entlarvt: " Zeitnah ist modisches Flau- und Flappdeutsch, unpräzise und schlapp, gleichzeitig aber auch angeberisch, als spräche man in Gamaschen und höbe sich ab vom Pöbel, der es so profan und verschwitzt eilig hat..." Seine Glossen sollte man jedem Manager, jedem Politiker, jedem Journalisten auf den Nachttisch legen – natürlich auch sich selbst. Dort fängt das Elend ja meist an, bei manchen sind es die "Vorfelder", die vor allem liegen. Andere sagen "auf gut deutsch", was nicht nur bedeute, dass gleich "in Fraktur gesprochen" werde, sondern auch etwas "analbraunes" folge.

Nicht selten gerät Drostes Sprachkritik zur Sprechkritik. Über das "Ömmm", seltsamerweise der Lieblingslaut der Leute, die "beruflich mit Sprache zu tun haben", kann er sich elegant erregen. Oder über den "Knirschmenschen", der mit Beißschiene zum Schlafen verdammt ist: "Esch bedarf der Kontschentratschion, damit dasch Wort Knirschschiene nischt twischen den Tschähnen schteckenbleibt." Eine Spreschherauschforderung. Bei allem schneidenden Witz: Wiglaf Droste ist ein Sprachliebhaber. Wenn er in die Tiefen des Duden taucht, kommt er erfreut mit der "Bratpfanne" wieder heraus. Ein herrliches Wort! "Die Bratpfanne zeigt sich hilfreich bei der Kulturleistung, das Rohe zu überwinden." Genau wie dieses Buch.