Wenn Peter Kurzeck zu sprechen beginnt, steht die Welt still. Gebannt hört man diesem kleinen Mann mit dem dünnen Oberlippenbart und den etwas zu langen Haaren zu. Wenn er ins Reden, ins Erinnern kommt, lässt er sich kaum aufhalten. Der Kosmos, der daraus entspringt, ist in ihm, jederzeit abrufbar, in all seiner Fülle.

Wer das bislang nicht geglaubt hat, weil er es nicht glauben konnte, wird nun eines Besseren belehrt: Unerwartet Marseille ist eine Hör-CD, die in ihrer Entstehungsgeschichte abweicht von den bislang mit Peter Kurzeck aufgenommenen Produktionen. Zwar waren auch die frei eingesprochen; keine Autorenlesungen im klassischen Sinn also, sondern innerhalb eines bestimmten Themenkreises mäandernde Erinnerungsströme. Doch waren sie durch Studioarbeit und Schnitt unmerkbar geglättet, sodass die Illusion eines Echtzeitmitschnitts entstand.

Bei Unerwartet Marseille nun ist dies tatsächlich der Fall. Die beiden CDs sind das Produkt eines Live-Experiments, das der Literaturwissenschaftler Jörg Döring von der Universität Siegen im Rahmen eines Seminars unternahm. Döring lud Kurzeck ein, ließ ihn reden und ein Aufnahmegerät mitlaufen. Keine technische Optimierung, lediglich deutlich hörbare Schnitte, Gelächter oder Räuspern im Raum. Manchmal muss der Autor auch zwischendurch ein Stück von dem Kuchen essen, den die Studierenden ihm gebacken haben; dann läuft das Band einfach weiter.

 
Diese Aufnahmetechnik zeitigt zwei Resultate: erstens eine schwankende Tonqualität, die verzeihlich ist. Zweitens die verblüffende Erkenntnis, dass sich ansonsten nicht allzu viel unterscheidet von den vorangegangenen Hör-CDs. Die Erkenntnis: Kurzeck ist ein Genie. Der Mann redet tatsächlich wie gedruckt. Und zwar genau so, wie es in seinen Büchern, zuletzt im grandiosen, mehr als 1.000 Seiten umfassenden Vorabend , gedruckt ist. Es ist die Verfertigung von Literatur beim Sprechen.

Der Schriftsteller Peter Kurzeck © Erika Schmied

Ein Thema war ihm für dieses Experiment nicht vorgegeben. Also fing er an, von seinen Reisejahren zu erzählen, aus der Zeit von 1965 bis in die frühen Siebziger, einer Epoche, wie er sagt, in der man gespürt habe, dass die Welt eine bessere wurde und man selbst daran Anteil hatte. Der Kurzeck-Ton ist unverwechselbar, melodiös, die Stimme sanft und schmeichelnd; am Satzende hebt er sie stets ein wenig, als stelle er eine Frage. Der Tonfall geht in den Kopf und von dort nicht mehr weg, nie mehr. Wer davon infiziert ist, läuft zukünftig durch die Welt und denkt und sieht in und mit Kurzeck.

Unerwartet Marseille ist aus mehreren Gründen hochinteressant und berührend: Es geht nicht oder kaum um Staufenberg , den Kurzeck’schen Kindheitsort in Oberhessen, der als Ausgangspunkt all seines Schreibens gelten muss, sondern es geht hinaus in die Ferne. Und so dicht Kurzeck auch immer bei sich selbst bleibt, bei seinen eigenen Erlebnissen, man erfährt trotzdem eine Menge über die Zeit, über die Gesellschaft, über die Arbeitsverhältnisse der frühen Bundesrepublik und nicht zuletzt über die Schriftstellerwerdung des Peter Kurzeck.