So viel Hoffnung war da am Anfang, so viel Erwartung: "Gary war so vielversprechend gewesen. Ein Doktorand, gut genug, um in Berkeley aufgenommen zu werden. Lange Haare hatte er damals, blond und lockig. Wenn sie an einer Locke zog, federte sie zurück. Sie fühlte sich mit ihm verbunden, fühlte sich gewollt, zugehörig." 30 Jahre ist das nun her. Was vom Aufbruchsgefühl übrig geblieben ist, ist niederschmetternd: In seinem Roman Die Unermesslichkeit zeigt sich David Vann als Spezialist für ausweglose Situationen.

Der Suhrkamp Verlag führte Vann, 1966 in Alaska geboren und heute in Kalifornien lebend, im vergangenen Jahr mit Im Schatten des Vaters in Deutschland ein; einer etwa 200 Seiten langen, höchst verstörenden Erzählung, die das Herzstück der Sammlung Legend of a Suicide bildet. In Im Schatten des Vaters versuchen ein Vater und sein dreizehnjähriger Sohn noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist, indem sie sich eine gemeinsame Auszeit in einer einsamen Blockhütte nehmen. Etwa in der Mitte des Buches jagt der Sohn sich eine Kugel in den Kopf.

Die Ausgangsposition des neuen Romans Die Unermesslichkeit ist zumindest vergleichbar: Gary und Irene, beide Mitte 50, haben beschlossen, ihrer Ehe noch eine letzte Chance zu geben. Wieder ist es die Weite von Alaska, wieder eine Insel, wieder eine Blockhütte. Allerdings muss die erst noch gebaut werden, bevor man in ihr den langen, dunklen Winter zu zweit verbringen kann, abgeschieden und bis zur Schneeschmelze ohne die Möglichkeit zur Rückkehr.

Und damit geht der ganze Schlamassel schon los. Das Teuflische an diesem beklemmenden Roman ist die Erzählperspektive: Als Leser hat man gegenüber den Figuren einen kleinen, aber entscheidenden Vorsprung, der sich nicht aus Wissen, eher aus einer Ahnung speist. Das Paar hat sich noch einen winzigen Illusionsrest aufgespart; hegt die wenn auch noch so unwahrscheinliche Hoffnung, es könnte alles gut werden.

Warnsignale gibt es genug

Die gesamte Idee ist von Beginn an ein einziger Irrsinn; ein Plan, der so schief in die Welt und das Eheleben von Gary und Irene hineingebaut ist, wie es die Hütte auf der Insel später auch sein wird. Eine Flucht eher als ein Neubeginn. Nur sperrt man sich im Normalfall nicht freiwillig gemeinsam auf einer Insel weg, wenn man eigentlich nicht mit-, sondern voreinander fliehen müsste. Sie hängen noch aneinander, Gary und Irene, in einem wütenden Trotz, in einer Uneinsichtigkeit gegenüber der Realität. Man kennt das von Erich Kästner . Da sitzen sie, rühren in ihren Tassen und können es nicht fassen (und können aber doch nicht voneinander lassen). Haben beide etwas aufgegeben damals, miteinander, füreinander, und fühlen sich nun beide als Versager, er Mediävist, sie Lehrerin im Vorruhestand, und hassen den anderen dafür.

Warnsignale, die ganze Sache abzublasen, gibt es genug: Ein monströser Schmerz setzt sich in Irenes Kopf fest; sämtliche Diagnoseversuche scheitern – es gibt nichts zu diagnostizieren, außer der Tatsache, dass es in einer grundfalschen Entscheidung kein Wohlfühlen mehr gibt. Die Bemühungen der beiden beim Hüttenbau zu verfolgen, ist eine beinahe schon schmerzliche Erfahrung. So dilettantisch stellen sie sich dabei an, so brutal gehen sie miteinander um, so deprimierend ist das gesamte Szenario und so ausweglos zugleich.