Die Liste der Bewunderer Raymon Roussels ist lang. Aus Begeisterung für sein Theaterstück Der Stern auf der Stirn ließ sich Marcel Duchamps, wie auf dem berühmten Foto von Man Ray zu sehen ist, einen Stern ins Kopfhaar rasieren. André Breton meinte: "Roussel ist neben Lautréamont der größte Magnetiseur der Moderne". Aber auch jenseits der Surrealisten, die ihn als Erste entdeckten, lieben Autoren und Künstler die Literatur des 1877 geborenen französischen Autors. In der Gruppe OuLiPo (übersetzt: "Werkstatt für potentielle Literatur") ist es vor allem Georges Perec, der von Roussel beeinflusst ist. Julio Cortázar setzte ihm in Die Gewinner ein Denkmal, in dem er den Monolog einer seiner Figuren nach dem phonetischen Prinzip Roussels schrieb. Und in Rayuela geht das Konzept, die einzelnen Kapitel so zu gestalten, dass man sie in unterschiedlicher Reihenfolge lesen kann, auf Roussel zurück.

Ganz zentral für die Begeisterung vieler ist dabei Roussels Roman Locus Solus . 1913 im Original erschienen, war die deutsche Übersetzung von Cajetan Freund lange vergriffen. Der Journalist und Übersetzer Stefan Zweifel hat nun in einer schönen Ausgabe in der Anderen Bibliothek eine Überarbeitung der Übersetzung von 1968 vorgelegt. Dabei hat er die sprachlichen Feinheiten des Originals stärker herausgearbeitet. Außerdem fügte er dem Band bisher noch nicht veröffentlichte Vorarbeiten zu Locus Solus sowie einen ausführlichen Kommentar hinzu, der dem unkundigen Leser das Verständnis des Textes erleichtert.

Denn wenn auch immer wieder begeisterte Stimmen zu Locus Solus zu hören sind, einfach zu lesen ist der Roman nicht. Wäre Roussels Buch ein Film , so würde er von der heutigen Filmkritik wohl als "nur für Cineasten" abgetan werden. Aber oft sind es ja gerade diese Filme, die im Gegensatz zum süffigen Mainstream – wenn auch mit höherem Rezeptionsaufwand verbunden – ein besonders tiefes Kunsterlebnis vermitteln. Oder mit einem anderen Vergleich: Einen besonders guten Wein wird man erst durch einige Übung als solchen erkennen. Locus Solus bedarf ohne Zweifel einer solchen Übung.

Dabei ist die äußere Handlung nicht das Problem. Sie lässt sich relativ leicht zusammenfassen: Ein Ich-Erzähler schildert, wie er mit einer Gruppe Interessierter von dem als genial geschilderten Wissenschaftler Canterel durch seinen weitläufigen Park mit dem Namen Locus Solus geführt wird. Der Universalgelehrte hat dort Skulpturen und phantastische Experimentieranordnungen aufgestellt, die die Gruppe hintereinander abläuft. Die Erklärungen und Geschichten zu diesen Monumenten und Maschinen sind es dann, die den Text schwierig machen.

Die erste Geschichte zu einer kleinen Skulptur ist dabei wegen des magisch-ethnologischen Inhalts noch relativ gut nachvollziehbar. Die aus dem afrikanischen Timbuktu stammende Figur stellt einen ganz aus Erde geformten Jungen dar, dem eine Pflanze aus der Handfläche wächst. Es ist ein Fetisch, der Förderal genannt wird und einende Kräfte haben soll. Seine Geschichte ist mit Ibn Batutta verbunden, dem berühmten arabischen Reisenden aus dem 14. Jahrhundert, sowie dem Forscher und Reisenden Echnoz. Echnoz hatte die Figur auf einer seiner Expeditionen erworben und nach seinem Tod seinem Freund Canterel vermacht.