Mitleiden, Mitfreuen
Eine Frau auf dem Cover, die ihren Kopf mit geschlossenen Augen in eine Hand stützt – was für ein Quatsch. Da hat der Berlin Verlag zwar ein attraktives, nicht aber ein stimmiges Bild für Zeruya Shalevs jüngsten Roman gewählt. Wie sehr macht hingegen die Originalfassung auf einen Blick deutlich, worum es geht: um Familie. Shalev selbst ist darauf zu sehen, als Kind mit ihrem Bruder, gemalt von der Mutter, einer Künstlerin. Und so wird auch etwas zweites sofort deutlich: Für den Rest des Lebens hat viel mehr und viel deutlicher als Shalevs frühere Bestseller etwas mit ihr persönlich zu tun. Das Sterben ihrer Mutter, die Adoption ihres Kindes – beides hat Shalevs Schreiben der Geschichte über drei Generationen einer so sehr israelischen Familie beeinflusst und begleitet. Es ist eine Geschichte über die Kräfte, die Familie so stark und gleichzeitig so unerträglich machen können. Zum Mitleiden, Mitfreuen, Mitfühlen. (Domenika Ahlrichs)

Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Berlin Verlag, Berlin 2012, 500 Seiten, 22,90 Euro.

Achtzehn Schluck Salzwasser
Zwischen einem beiläufigen Tod und einem Wunder liegt manchmal nur ein Streifen Sand. In seinem Erstling Die Inseln, auf denen ich strande beschreibt der Übersetzer und Autor Lucien Deprijck achtzehn Inseln, die für ihn, den dort Gestrandeten, sehr unterschiedliche Arten der Rettung bedeuten. Das Wetter wechselt mit den beschriebenen Jahreszeiten. Er bekommt Gesellschaft von Robben oder drängt sich mit Schiffspassagieren auf einem rutschigen Felsen. Er verreckt elend, überlebt dürftig, ist beim Auftauchen peinlich berührt und lässt seinen Glauben von einer Begegnung im Wald in Frage stellen. Wie ein greiser Seemann seine Geschichten immer aufs Neue spinnt und für sein Publikum variiert, breitet Deprijck die Vielfalt seines Themas vor dem Leser aus. So bleibt das wiederholte Stranden bis zur letzte Seite spannend – besonders, wenn man das Buch während einer Kreuzfahrt liest. (Jessica Braun)

Lucien Deprijck, Die Inseln, auf denen ich strande. Mit Illustrationen von Christian Schneider. Mareverlag 2012, 192 Seiten, 28 Euro.

Kommissar liest Krimi
In der Krimireihe mit dem sizilianischen Commissario Montalbano gab es Bände, bei deren Lektüre ich etwas gelangweilt dachte, es wäre nicht schade, wenn Andrea Camilleri die Serie beendete. Gut, dass er meinen Wunsch nicht erhört hat. Dann hätte ich Das Ritual der Rache nicht kennengelernt, den wohl unterhaltsamsten Montalbano-Krimi. Camilleri ist nicht nur gelungen, eine raffinierte Mordgeschichte auszuklügeln, in der – bei ihm eher selten – die Mafia eine Rolle spielt. Der Roman glänzt mit amüsanten Dialogen, skurrilen Figuren und dem ungewöhnlichen Einfall, dass Montalbano eine Idee zur Lösung des Falls beim Lesen eines Camilleri-Romans bekommt. Ein kurzweiliger Ausflug nach Sizilien. (Matthias Breitinger)

Andrea Camilleri: Das Ritual der Rache. Commissario Montalbano vermisst einen guten Freund. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn, Bastei Lübbe, München 2012, 288 Seiten, 19,99 Euro.

Buchtipps von Martin Brinkmann, Carmen Eller, Philipp Goll und Tina Groll

Ein Scheißkerl
Adalbert Stifters Erzählung Nachkommenschaften (1864) ist eine äußerst rätselhafte Angelegenheit. Ein Text über den Wahnsinn, der Wirklichkeit künstlerisch entsprechen zu wollen. Weder Literatur noch bildende Kunst können sie abbilden, diese Wirklichkeit, an der die Helden der Geschichte (in einer zweiten Wirklichkeit gefangen) sich abmühen. Es ist natürlich die Geschichte einer Depression, die da erzählt wird. Das Ende glaubt keiner: Die tätige Liebe, zu einer Art Prinzessin, versteht sich, erlöst von der neurotischen Kunst-Plackerei. Dieser alberne Traum ist wohl selbst die nächste Neurose. Die späten Erzählungen von Stifter, die in diesem Band gesammelt erscheinen, verändern das Stifter-Bild. Man versteht gar nicht mehr, was etwa Heimito von Doderer gegen den "Scheißkerl" hatte, sind doch seine Themen Wahrnehmung und Beschreibung, Überdruss und Wahn. Für den Sommer genau das Richtige! (Martin Brinkmann)

Adalbert Stifter: Nachkommenschaften. Späte Erzählungen. Hrsg. und mit einem Nachwort von Karl Wagner, Jung und Jung 2012, 368 Seiten, 24 Euro

Leichnam zu versteigern
Fünf Dollar soll sie kosten, inklusive Tiefkühlsarg. Als Lenins Leiche bei eBay auftaucht, schlägt ein bulgarischer Expat in Arkansas sofort zu. Dem stalinistischen Großvater zuliebe, der am Grab seiner Ehefrau Lenins Werke rezitiert. Miroslav Penkovs Debüt Wenn Giraffen fliegen lebt von fantastischen Knalleffekten. In acht tragikomischen Geschichten erzählt er von Einbrüchen in Gotteshäusern, amerikanischen Albträumen und der Jagd auf Flusskrebse. Vor allem aber von Bulgarien, das der Autor für einen Neustart in den USA mit 18 Jahren verlassen hat. Brechen Sie nun auf in Penkovs literarische Welt! Dort warten unvergessliche Protagonisten – vom liebeskranken Greis bis zum glücklosen Jungen mit absolutem Gedächtnis, der von einem Kirchturm pinkelt. (Carmen Eller)

Miroslav Penkov: Wenn Giraffen fliegen. Blessing, München 2012, 320 Seiten, 19,95 Euro.

Zu Pferd durch den Deutschen Herbst
Wer heute über Tiere schreibt, schreibt kaum über sie, schreibt über etwas anderes. Als Metapher spießt man sie auf, sind sie Vehikel für eine Kritik am Menschen und seiner Nabelschau. Das wäre nur halb so wild, verschwände nicht das Tier. In Helmut Höges Büchern aus der Reihe Kleiner Brehm ist das anders. Wie dem Tierforscher Alfred Brehm geht es auch Höge um das tierliche Individuum. Wir treffen also auf ein Pferd, das ebenso neurotisch ist wie Höge selbst, der 1977 mit ihm durchs Innere der BRD wandert. Und während das Pferd immer abgeklärter wird, sich nicht mal mehr vor Autos fürchtet, tut es unser Tagebuchschreiber immer öfter: Es ist Deutscher Herbst, Höge mit langen Haaren potenzieller Terrorist. Diese dunkle Geschichte aus dem Herzen der BRD erfahren wir en passant – von einem, der statt auf dem Pferd zu reiten, nebenhergeht. (Philipp Goll)

Helmut Höges Reihe Kleiner Brehm erscheint im Verlag Peter Engstler. Preis pro Band 10 Euro.

Hanseatische Waffenlobby
Ein Mann läuft auf die A1 bei Bremen und stirbt. Kurz darauf explodiert morgens in einem Bremer Stadtpark eine Bombe. Dann wird in der Nähe eines Kindergartens eine entschärfte Landmine entdeckt – zusammen mit der Nachricht der Bombenleger. Sie drohen mit weiteren Anschlägen. Wie hängt das zusammen? Stecken etwa afghanische Terroristen dahinter und was hat das Ganze mit den schmutzigen Geschäften der deutschen Waffenlobby zu tun? Die beiden Ermittler Navideh Petersen und Frank Steenhoff bekommen in dem Bremer Krimi Schattenschmerz einiges zu tun. Zumal der Fall, in dem es um das Geschäft mit Landminen geht, eine überraschende Wendung bekommt. Der Kriminalroman ist das dritte Buch der Bremer Journalistin Rose Gerdts und zeichnet sich durch genaue Recherche, spannende Erzählweise und viele liebevolle Beschreibungen der Hansestadt aus. (Tina Groll)

Rose Gerdts: Schattenschmerz. Rowohlt, Reinbek 2011, 320 Seiten, 8,99 Euro.

Buchtipps von Peter Henning, Anja Hirsch und David Hugendick

Gegen alle Vernunft
Dieser Roman ist nichts für zart besaitete Seelen. Ein Buch, das in der eisig-schönen Natur Alaskas, auf Caribou Island, den ehelichen Stellungskrieg seiner beiden Protagonisten Irene und Gary mit geradezu lustvoller Akribie inszeniert. Gary versucht sich als Bezwinger der Natur, in dem eine Hütte für sich und seine Frau zu erbauen sucht. Gegen alle Vernunft zwingt er Irene bei Regen und klirrender Kälte dazu, ihm beim Bau der Hütte zu helfen. Dabei treibt der Exorzist Vann das Gefühlsdrama zwischen Gary und Irene solange auf die Spitze, bis Irene in ihrer Verzweiflung das wiederholt, was sie als Kind miterleben musste: den Suizid ihrer Mutter. So kulminiert seine mit kristalliner Härte und Klarheit erzählte Geschichte in einem Finale, das das Ende einer Familie markiert, die als solche nie wirklich funktionierte. Grandios! (Peter Henning)

David Vann: Die Unermesslichkeit. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Roman. Suhrkamp, Berlin 2012.  351 Seiten, 22.95 Euro.

Abdriften am Strand
Das Meer ist sonderbar. Mal liegt es ruhig und zahm. Anderntags stoßen biestige Wellen heraus mit Schaumkronen wie "kleine, böse Gesichter"; Kaventsmänner, die sich "keinen Rat mit sich selbst" wissen. Allein wegen dieser Ansichten ist Toine Heijmans kleines, feines Debüt Irrfahrt ideal am Strand – jedoch kein Urlaubsidyll, sondern ein dichter, spannender Roman übers Abdriften. Ein Mann nimmt uns mit auf die Nordsee. Für die letzte Etappe hat er seine siebenjährige Tochter mit auf dem Boot, doch plötzlich ist sie nicht mehr da. Und so wird Irrfahrt zum Angstbuch. Daneben erzählt es klug und ehrlich vom Vatersein, während alle Sicherheiten langsam entgleiten. (Anja Hirsch)

Toine Heijmans: Irrfahrt. Roman. Aus dem Niederländischen von Ilja Braun. Illustrationen von Jenna Arts. Arche Literatur Verlag, Zürich 2012. 192 Seiten, 18 Euro.

Denken als Schutz
Im Jahr 2005, drei Jahre vor seinem Tod, hielt der Schriftsteller David Foster Wallace eine Rede am Kenyon College. Abschlussreden sind gewöhnlich eins der ärgerlichsten Rituale des akademischen Betriebs. Meistens erzählen sie den Absolventen, dass sie in die Zukunft hineinjubeln sollen, die ihnen nun unbedingt offen stehe. Freundlich gesagt lebt dieses Genre von der Utopie. Anders Das hier ist Wasser. Foster Wallace gemahnt an die Bewusstwerdung über die eigenen Gedanken, warnt vor den Standardeinstellungen des Geistes und einer Ich-bezogenen Weltanschauung. Eine Botschaft wie ein Gegenentwurf zur berühmten Abschlussrede von Steve Jobs. Während diese Erfolgshunger und Verrücktheit zur Tugend erklärte, beschwört Foster Wallace das Denken überhaupt als einzigen Schutz, um in der Welt nicht den Verstand zu verlieren. Hierin läge auch die größte Freiheit. Sie erfordere Aufmerksamkeit, Offenheit und Empathie, mit denen auch diese 61 klugen Seiten geschrieben sind. In den Regenpausen dieses Sommers können sie daran erinnern, wie einfach es ist, Moral zu predigen. Moral zu stiften aber umso schwieriger. (David Hugendick)

David Foster Wallace: Das hier ist Wasser / This Is Water. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 61 Seiten, 4,99 Euro.

Buchtipps von Wenke Husmann, Fokke Joel, Katharina Kühn und Stefan Mesch

Am Beispiel des Kindergeburtstags
Karl Ove Knausgårds Lieben ist der zweite (und wieder sehr dicke) Roman eines sechsbändigen, autobiografischen Projekts. Im norwegischen Original heißt es Min Kamp und in der Tat begreift der ungewöhnliche Schriftsteller sein Leben als Kampf. Präzise beschreibt er Szenen aus seinem Alltag mit Frau und drei Kindern. Scheinbar emotionslos beobachtet er beispielsweise einen Kindergeburtstag: die Gesten der Gastgeberin, die Blicke der beiwohnenden Eltern, die Tochter in ihrem Versuch, die eigene Schüchternheit zu überwinden. Knausgård schweift in inneren Monologen weit vom Geschehen ab und beschäftigt sich dabei mit den Grundlagen unseres Denkens. Warum sehen wir die Dinge, wie wir sie sehen? Warum behandeln wir unsere Kinder, unsere Partner und Freunde so, wie wir es tun? Vor allem stellt er die wichtige Frage, ob es tatsächlich nur eine einzige richtige Form für unser Handeln gibt. Er entlarvt festgefahrene Vorstellungen, stellt sie in jahrhundertealte Denktraditionen, bezieht sich dabei auf Schriftsteller wie Philosophen, liest Dostojewski und vergleicht dessen Nihilismus mit dem Tolstois. Ein überaus kluges Buch, das uns mit seinen treffenden und wahren Alltagsbeobachtungen ins Vertrauen lockt – nur um unser Denken jäh in eine völlig neue Richtung zu schubsen. (Wenke Husmann)

Karl Ove Knausgård, Lieben, Aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand Verlag, München 2012, 763 Seiten, 24,99 Euro.

Empathie und Mitgefühl
Was hat ein verrosteter Bugatti auf dem Grund des Genfer Sees mit den Aufzeichnungen Rembrandt Bugattis zu tun, dem Bruder des legendären Autobauers, der sich im Ersten Weltkrieg das Leben nahm? Und wie passt der sinnlose Mord an einem jungen Tessiner dazu? In Dea Lohers Roman Bugatti taucht auf geht es um Empathie: das Mitgefühl mit den Verletzten im Lazarett bei Rembrandt Bugatti, das Fehlen jeden Gefühls bei den drei Männern in Ascona, die einen Menschen zu Tode treten und die Erschütterung eines Mannes, der das Opfer nur vom Sehen kannte. Der einen alten Bugatti als "etwas gutartig Schönes, dessen Kraft einen Teil der Gewalttat überstrahlen könnte", aus dem Genfer See hebt. Ein Buch über das, was unsere Zivilisation zusammenhält und was sie zerstört. Ein Buch, das einem nicht aus dem Kopf geht. (Fokke Joel)

Dea Loher: Bugatti taucht auf, Wallstein Verlag, Göttingen 2012, 208 Seiten, 19,90 Euro.

Körperkonto
Für den Wellness-Urlaub ist Philipp Schönthalers Nach oben ist das Leben offen wohl nicht. In seinem Debüt quälen sich die Figuren freiwillig durch Gefühlstagebücher, Atemübungen und Muskeltraining, um Hochleistungen zu erreichen: In den Bergen, in der Tiefsee oder im Büro: "der körper ist wie ein bankkonto: nur wer einzahlt kann auch abheben", ist die Philosophie und alle scheinen, zuzustimmen. In elf Erzählungen provoziert Schönthaler mit Detailgenauigkeit und eigensinnigen Protagonisten. Gleichzeitig berühren seine Figuren, denn im allgegenwärtigen Optimierungswahn verlieren sie zunehmend die Orientierung und damit sich selbst. So ist das Buch doch für den Wellness-Urlauber gedacht, damit sich dieser bewusst macht, warum er den Trip überhaupt gebucht hat. (Katharina Kühn)

Philipp Schönthaler: Nach oben ist das Leben offen. Erzählungen. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2012, 201 Seiten, 19,90 Euro.

Eine Frau, eine Farm und der Tod
Stille Wiesen. Karge Dörfer. Ein Grüppchen Gänse und ein Fuchs, der nachts um die Ställe schleicht: Der Umweg, dritter Roman des niederländischen Gärtners, Schlittschuhlehrers und Erzählers Gerbrand Bakker, zeigt Kitsch- und Sehnsuchtsräume von Landlust-Lesern... in atemloser, neuer Perspektive. Ohne Warnung, Abschied und Begründung flieht eine Frau von Amsterdam nach Caernafon (Wales) und wartet auf den Winter. Ein neuer Alltag, ohne Zwänge? Freiheit? Oder dumpfe Isolation? In Schärfe und Bildkraft, die schaudern lassen, zeichnet Bakker einen Rückzug, ein Haus und eine drastische, faszinierende Entscheidung. Ein Kammerspiel? Ein Thriller? Beides! (Stefan Mesch)

Gerbrand Bakker: Der Umweg. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp, Berlin 2012, 230 Seiten, 19,95 Euro.

Buchtipps von Yascha Mounk, Uli Müller und Ulrich Rüdenauer

Unverhoffter Optimismus
Die aufgehübschte Leere der amerikanischen Vorstädte hat John Cheever als Erster bloßgestellt. Seine Kurzgeschichten über die Suburbs bleiben unübertroffen. Doch Cheever hat auch einen anderen Boom-Wohnort zuerst beschrieben: das Gefängnis. 1977, gerade als in den USA eine riesige Inhaftierungswelle anlief, schrieb er eine großartige Erzählung über den Mörder Ekeziel Farragut und die Insassen des maroden Gefängnisses Falconer. Willkommen in Falconer beginnt entsprechend finster und vermittelt doch einen unverhofften Optimismus über menschliche Anmut und Wandlungsfähigkeit. Der Roman, gerade in einer neuen Übersetzung von Thomas Gunkel erschienen, ist eine vielleicht untypische, aber überraschend freudenvolle Sommerlektüre. (Yascha Mounk)

John Cheever: Willkommen in Falconer. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, DuMont, Köln 2012, 223 Seiten, 19,99 Euro.

Zum Selbstdenken
Ohne Utopie in den Köpfen gibt es keine alternativen Lebensentwürfe in der Realität. Davon ist Simone Weil überzeugt. Die französische Philosophin umreißt ein alternatives Gesellschaftsmodell, in dem sich die Menschen so wenig wie möglich selbst gemachte Fesseln auferlegen. Unfreiheit bedingen neben der kapitalistischen Produktionsweise vor allem Machtstrukturen. Sie drängen Menschen in Über- und Unterordnungsverhältnisse und zementierte Knechtschaft. Aus dieser Analyse entwickelt Weil ihren Freiheitsbegriff. Freiheit ist für sie nicht die "Möglichkeit, alles, was man will, ohne Anstrengung zu erreichen". Wirkliche Freiheit bestimme sich aus dem Verhältnis von Denken und Handeln. So lange Menschen ihr Handeln selbst bestimmen, könnten sie zwar unglücklich sein, aber – anders als in Unfreiheit – nicht erniedrigt. In einer freien Gesellschaft träfen Individuen aufeinander, die nicht stumpfsinnig den Schalter einer Maschine umlegen, sondern gemeinsam mit anderen denkenden Menschen an der Lösung eines Problems arbeiten. Weils Essay aus dem Jahr 1934 hat nichts von seiner Aktualität verloren. Ein Buch für Leute, die ihre Lust am Selberdenken auffrischen wollen. (Uli Müller)

Simone Weil: Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung. Diaphanes, Zürich 2012, 128 Seiten, 14,90 Euro.

Dunkelheit und Sehnsucht
Wenn die Sonne am Strand besonders grell leuchtet, sollte man sich mit den Vorzügen der Dunkelheit ein wenig in den Schatten zurückziehen: Ror Wolfs "Horrorroman" ist nicht nur eine meisterliche, sprachspielerische Hommage an den Schauer-, Kriminal- und Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts, eine Reise durch groteske Albtraumszenarien, sondern zudem noch ein Bilderbuch mit prächtig fantasiebefeuernden Collagen des Autors. Wer glaubte, der Surrealismus habe sich längst überlebt, hat sich gehörig getäuscht. Aber Ferien haben auch mit der Sehnsucht nach einem anderen Leben zu tun, nach anderen Rhythmen, nach einer Verlangsamung der Zeit, nach sich selbst. Das schönste Buch über die wehmütige Suche nach einem verehrten Menschen, aber vielmehr vielleicht nach dem eigenen Ich, hat im letzten Jahr Marc Fischer geschrieben: Hobalala ist die literarische Reportage einer Spurensuche in Rio de Janeiro, der Versuch, dem mythischen Sänger Joao Gilberto nahezukommen. Dieser wunderschöne, als Sachbuch getarnte Roman sollte einen diesen Sommer an jeden Urlaubsort begleiten. (Ulrich Rüdenauer)

Ror Wolf: Die Vorzüge der Dunkelheit. Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen. Horrorroman. Schöffling & Co. Frankfurt am Main 2012. 271 Seiten, 24,95 Euro.
Marc Fischer: Hobalala. Auf der Suche nach Joao Gilberto. Suhrkamp. Berlin 2012. 200 Seiten, 8,99 Euro.

Buchtipps von Evelyn Runge, Parvin Sadigh und Frank Schäfer

Jeden Tag Revolution
"Was ist nur aus der guten alten Revolution geworden?", fragt David Graeber, Professor für Ethnologie, Anarchist und Occupy-Wall-Street-Bewegter. Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus heißt die Sammlung seiner Essays, entstanden 2004 bis 2010. Aus den traurigen Post-9/11-Jahren destilliert Graeber dennoch positive Details – indem er den mittelfristigen Sieg der Anarchisten erklärt, etwa bei der allgemeinen Orientierung in Richtung Naturschutz und der Schwächung von IWF und Weltbank. Die langfristigen Ziele seien noch offen: "den Staat zerschlagen und den Kapitalismus zerstören". Auch wer von Anarchismus nichts hält, findet in Graebers Essays wichtige Themen: Wie gehen wir mit Zeit und Arbeit um? Wie kann eine Post-Wachstumsgesellschaft aussehen? Wie wollen wir leben? Die Revolution geht weiter, jeden Tag. (Evelyn Runge)

David Graeber: Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus. Pantheon 2012, 192 Seiten, 12,99 Euro

Musikbranche mal lustig
Nach gut zwei Dritteln Lektüre muss man etwa 70 Seiten lang das Buch quer halten und in Form von Powerpoint-Präsentationen weiterlesen. Denn in diesem Kapitel sortiert ein Mädchen ihre Gefühle und Beobachtungen in Grafiken und Stichpunkten. Klingt anstrengend? Ist aber so stark, dass man jubeln möchte. Worum gehts? Wenn das so einfach zu sagen wäre. Immerhin haben alle Figuren eine Verbindung zur Musikbranche. Da sind erfolglose Rockmusiker, ein Produzent, seine kleptomane Assistentin, deren Eltern und Kinder. Es gibt keine Abrechnung, kein Ziel, keinen sich endlich erschließenden gemeinsamen Sinn. Egan schreibt auch nicht chronologisch. Die Episoden spielen irgendwann zwischen 1970 und etwa 2020. Eine irrwitzige Konstruktion also. Klingt immer noch anstrengend? Ist es aber nicht. Sondern hinreißend, extrem komisch oder herzzerreißend traurig. Also genau richtig, um am Strand die Zeit zu vergessen. (Parvin Sadigh)

Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt. Aus dem Englischen von Heide Zeltmann. Schöffling&Co, Frankfurt am Main 2012, 392 Seiten, 22,95 Euro.

Universale Dilettanten
Zweimal fühlt sich der Erzähler bei einer aufjaulenden Polizeisirene (schließlich lesen wir hier einen Krimi) an einen "Karnevalstusch" erinnert: "Täätäää, Täätäää, Tääätäää". Eine schöne, sprechende Chiffre für das, was Frank Schulz hier mit dem Sujet anstellt. Ob er sich wie in der Vergangenheit den Schelmenroman, die Idylle oder jetzt den Kriminalroman anverwandelt, heraus kommt sowieso immer ein grandios komischer, gleichzeitig sentimentalischer, sprachgewandter, zutiefst humaner Schulz-Roman. Längst ein eigenes Genre. Und mit dem glücklichen Universal-Dilettanten Onno Viets und seinem Kreis hat er der deutschen Literatur wieder ein paar Charaktere geschenkt, mit denen man schlicht gern befreundet wäre. Kann man eigentlich etwas Besseres über einen Roman sagen? (Frank Schäfer)

Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Galiani, Berlin 2012. 368 Seiten, 19,99 Euro.

Buchtipps von Christoph Schröder, Christian Spiller, Insa Wilke und Daniel Wüllner

Weltreise in der Eifel
Mit dem Sprechen hat Rosarius Delamot erst spät angefangen, mit dem Wachsen auch. In seinem Heimatort Kall in der Eifel war er stets der Außenseiter. Nun ist er Ende 60 und nach einem Schlaganfall in ein Altenheim eingewiesen worden. Dort erzählt er seine Lebensgeschichte der Pflegerin Annie, in der er Peeh, die Liebe seines Lebens wiederzuerkennen glaubt. Norbert Scheuer, der ebenso wie sein Held kaum je über die Eifel hinausgekommen ist, wie er selbst behauptet, hat einen ungemein zärtlichen Blick für Details. Sein vermeintlich zurückgebliebener Held ist in Wahrheit ein Wahrnehmungs- und Erinnerungsgenie; einer, der mindestens so viele Abenteuer erlebt hat wie ein Weltreisender. Und so, wie Scheuer davon erzählt, ist es prächtig. (Christoph Schröder)

Norbert Scheuer: Peehs Liebe. Roman. Verlag C.H. Beck, München 2012, 224 Seiten, 17,95 Euro.

Kein Afrikakitsch
Für wen es in den Ferien wieder nur für das Übliche reicht, kann sich durch die korrekte Wahl der Lektüre wenigstens etwas weite Welt in die Lanzarote-Bettenburg holen. Gut klappt das stets mit Helge Timmerberg, dem 60-jährigen Reisehippie, der so ziemlich jedes Land dieser Erde kennt, samt Nationaldroge und anschließenden Bewusstseinszustand. Obwohl "überreist", begab sich der Schriftsteller erstmals nach Afrika, seiner neuen Freundin Lisa wegen, die sich in einer Lodge am krokodil- und moskitoverseuchten Malawisee verdingt. Timmerberg bietet wohltuend wenig Afrikakitsch und viel rotzige Beobachtungen ("Manieren sind in Afrika Quatsch"). Er erliegt zunächst dem Voodoo einer jungen senegalesischen Hexe und fast auch noch der Malaria in der Serengeti. Das zumindest kann auf den Kanaren nicht passieren. (Christian Spiller)

Helge Timmerberg: African Queen. Rowohlt Berlin, Berlin 2012, 304 Seiten, 19,95 Euro.

Strindberg!
Wer wünscht sich nicht manchmal den Ausbruch? Endlich dem Traum vom Leben gegen jede Vernunft folgen! Das macht Arvid Falk, tragisch-komischer Held und angehender Schriftsteller in August Strindbergs wichtigstem Roman Das Rote Zimmer, mit dem die Moderne in Schwedens Literatur einzog. Renate Bleibtreu hat diesen klassischen Künstlerroman neu übersetzt: gewitzt, poetisch, mit einem Hauch Melancholie und ideal für lange Sommernächte, in denen man endlich wieder in einem Buch versinken darf. Wer mehr das Absurde und Abwegige, Notate und Aphorismen liebt, wird ebenfalls bei Strindberg, neu vermittelt durch Bleibtreu, fündig: Die Notizen eines Zweiflers öffnen ebenfalls in bibliophiler Ausgabe das Panoptikum eines besessenen Denkers und Poeten, eines unersättlich Wissbegierigen. (Insa Wilke)

August Strindberg: Das Rote Zimmer. Aus dem Schwedischen übersetzt von Renate Bleibtreu. Nachwort von Peter Henning, Manesse Verlag Zürich 2012, 576 Seiten, 24,95 Euro.
August Strindberg: Notizen eines Zweiflers. Schriften aus dem Nachlass. Herausgegeben und übersetzt von Renate Bleibtreu, Berenberg Berlin 2012, 319 Seiten, 25 Euro.

Goliath findet einen Kiesel
Das biblische Grundkonstrukt bleibt, wie es ist: David besiegt sein gigantisches Gegenüber mit einer einfachen Steinschleuder: daran will Tom Gauld mit seinem Comic Goliath nicht rütteln. Statt das Gleichnis monoton herunterzubeten, gewährt der Schotte Einblicke in den Alltag des ewigen Antagonisten: Goliath erledigt die Buchführung der Truppe, Goliath trinkt einen Schluck Wasser, Goliath findet einen Kiesel. Ganz egal, wie sehr unser Unterbewusstsein auch versucht, den Riesen in die Rolle des Bösen zu drängen, Gauld lässt es einfach nicht zu. Eine Bilderfolge mit dem richtigen Gespür für Timing, einfache Dialoge, aber auch Momente der Stille lassen den ungeheuerlichen Riesen zu einem sensiblen Wesen werden. (Daniel Wüllner)

Tom Gauld: Goliath. Drawn and Quarterly, Montreal 2012, 96 Seiten, 15 Euro.