Weltreise in der Eifel
Mit dem Sprechen hat Rosarius Delamot erst spät angefangen, mit dem Wachsen auch. In seinem Heimatort Kall in der Eifel war er stets der Außenseiter. Nun ist er Ende 60 und nach einem Schlaganfall in ein Altenheim eingewiesen worden. Dort erzählt er seine Lebensgeschichte der Pflegerin Annie, in der er Peeh, die Liebe seines Lebens wiederzuerkennen glaubt. Norbert Scheuer, der ebenso wie sein Held kaum je über die Eifel hinausgekommen ist, wie er selbst behauptet, hat einen ungemein zärtlichen Blick für Details. Sein vermeintlich zurückgebliebener Held ist in Wahrheit ein Wahrnehmungs- und Erinnerungsgenie; einer, der mindestens so viele Abenteuer erlebt hat wie ein Weltreisender. Und so, wie Scheuer davon erzählt, ist es prächtig. (Christoph Schröder)

Norbert Scheuer: Peehs Liebe. Roman. Verlag C.H. Beck, München 2012, 224 Seiten, 17,95 Euro.

Kein Afrikakitsch
Für wen es in den Ferien wieder nur für das Übliche reicht, kann sich durch die korrekte Wahl der Lektüre wenigstens etwas weite Welt in die Lanzarote-Bettenburg holen. Gut klappt das stets mit Helge Timmerberg, dem 60-jährigen Reisehippie, der so ziemlich jedes Land dieser Erde kennt, samt Nationaldroge und anschließenden Bewusstseinszustand. Obwohl "überreist", begab sich der Schriftsteller erstmals nach Afrika, seiner neuen Freundin Lisa wegen, die sich in einer Lodge am krokodil- und moskitoverseuchten Malawisee verdingt. Timmerberg bietet wohltuend wenig Afrikakitsch und viel rotzige Beobachtungen ("Manieren sind in Afrika Quatsch"). Er erliegt zunächst dem Voodoo einer jungen senegalesischen Hexe und fast auch noch der Malaria in der Serengeti. Das zumindest kann auf den Kanaren nicht passieren. (Christian Spiller)

Helge Timmerberg: African Queen. Rowohlt Berlin, Berlin 2012, 304 Seiten, 19,95 Euro.

Strindberg!
Wer wünscht sich nicht manchmal den Ausbruch? Endlich dem Traum vom Leben gegen jede Vernunft folgen! Das macht Arvid Falk, tragisch-komischer Held und angehender Schriftsteller in August Strindbergs wichtigstem Roman Das Rote Zimmer, mit dem die Moderne in Schwedens Literatur einzog. Renate Bleibtreu hat diesen klassischen Künstlerroman neu übersetzt: gewitzt, poetisch, mit einem Hauch Melancholie und ideal für lange Sommernächte, in denen man endlich wieder in einem Buch versinken darf. Wer mehr das Absurde und Abwegige, Notate und Aphorismen liebt, wird ebenfalls bei Strindberg, neu vermittelt durch Bleibtreu, fündig: Die Notizen eines Zweiflers öffnen ebenfalls in bibliophiler Ausgabe das Panoptikum eines besessenen Denkers und Poeten, eines unersättlich Wissbegierigen. (Insa Wilke)

August Strindberg: Das Rote Zimmer. Aus dem Schwedischen übersetzt von Renate Bleibtreu. Nachwort von Peter Henning, Manesse Verlag Zürich 2012, 576 Seiten, 24,95 Euro.
August Strindberg: Notizen eines Zweiflers. Schriften aus dem Nachlass. Herausgegeben und übersetzt von Renate Bleibtreu, Berenberg Berlin 2012, 319 Seiten, 25 Euro.

Goliath findet einen Kiesel
Das biblische Grundkonstrukt bleibt, wie es ist: David besiegt sein gigantisches Gegenüber mit einer einfachen Steinschleuder: daran will Tom Gauld mit seinem Comic Goliath nicht rütteln. Statt das Gleichnis monoton herunterzubeten, gewährt der Schotte Einblicke in den Alltag des ewigen Antagonisten: Goliath erledigt die Buchführung der Truppe, Goliath trinkt einen Schluck Wasser, Goliath findet einen Kiesel. Ganz egal, wie sehr unser Unterbewusstsein auch versucht, den Riesen in die Rolle des Bösen zu drängen, Gauld lässt es einfach nicht zu. Eine Bilderfolge mit dem richtigen Gespür für Timing, einfache Dialoge, aber auch Momente der Stille lassen den ungeheuerlichen Riesen zu einem sensiblen Wesen werden. (Daniel Wüllner)

Tom Gauld: Goliath. Drawn and Quarterly, Montreal 2012, 96 Seiten, 15 Euro.