Auf der einen Seite also glauben Juden, die Israel kritisieren, womöglich, dass sie keine Juden mehr sein können, wenn Israel für das Judentum steht. Auf der anderen Seite setzen auch jene, die jeden Israelkritiker niederzuringen versuchen, Judentum und Israel gleich, was zu dem Schluss führt, dass der Kritiker antisemitisch oder, falls jüdisch, voller Selbsthass sein muss. Mein wissenschaftliches und öffentliches Bestreben ist es immer gewesen, diese Fessel abzustreifen.

Meiner Ansicht nach gibt es starke jüdische Traditionen, sogar frühe zionistische Traditionen, in denen Wege eröffnet werden, um sich allen Formen von Gewalt, einschließlich der staatlichen, zu widersetzen. Es ist von größter Bedeutung, dass diese Traditionen für unsere Zeit gewürdigt und wiederbelebt werden – sie stehen für die Werte der Diaspora, die Kämpfe um soziale Gerechtigkeit und den immer bedeutsameren jüdischen Wert, "die Welt zu reparieren" (Tikkun).

Mir ist klar, dass die Wogen der Erregung, die in diesen Fragen so leicht hochschlagen, es sehr schwer machen, miteinander zu reden und einander zuzuhören. Ein paar Worte werden aus dem Zusammenhang gerissen, ihre Bedeutung wird verdreht, und dann etikettiert man ein Individuum oder brandmarkt es sogar. Das geht vielen so, die Israel kritisieren – man brandmarkt sie als Antisemiten oder gar als Helfershelfer der Nazis; eine Form der Anschuldigung, die dazu dienen soll, die beständigsten und giftigsten Formen von Stigmatisierung und Dämonisierung zu zementieren. Man nimmt den Kritiker ins Visier, indem man seine Worte aus dem Zusammenhang reißt und ihre Bedeutung auf den Kopf stellt. Man erklärt seine Auffassungen ohne Rücksicht auf deren Inhalt für nichtig.

Für all jene unter uns, deren Vorfahren europäische, im Nazivölkermord umgekommene Juden waren (die Familie meiner Großmutter wurde in einem kleinen Dorf südlich von Budapest ausgelöscht), ist es die schmerzlichste Beleidigung und Verletzung, der Komplizenschaft mit dem Judenhass oder des jüdischen Selbsthasses bezichtigt zu werden. Und es ist nur umso schwerer, den Schmerz einer solchen Anschuldigung auszuhalten, wenn man zu bekräftigen versucht, was am Judentum von höchstem Wert für das Nachdenken über die zeitgenössische Ethik ist – einschließlich des ethischen Verhältnisses zu jenen, denen Grund und Boden und das Recht auf Selbstbestimmung vorenthalten werden, zu jenen, die versuchen, die Erinnerung an ihre Unterdrückung lebendig zu erhalten, zu jenen, die ein Leben zu leben versuchen, das es wert ist und sein muss, betrauert zu werden.

Ich behaupte, dass sich all diese Werte von bedeutenden jüdischen Quellen ableiten, was nicht heißen soll, dass sie sich nur von diesen Quellen ableiten. Angesichts meines geschichtlichen Hintergrunds ist es mir als Jüdin wichtig, mich gegen Ungerechtigkeiten auszusprechen und alle Formen von Rassismus zu bekämpfen. Das macht mich nicht zu einer jüdischen Selbsthasserin. Es macht mich zu jemandem, der ein Judentum bejahen möchte, das sich nicht mit staatlicher Gewalt, sondern mit dem Kampf um soziale Gerechtigkeit auf breiter Basis identifiziert.

Ich akzeptiere nicht alle Gruppierungen der globalen Linken

Meine Bemerkungen zu Hamas und Hisbollah wurden aus dem Zusammenhang gerissen, um meine bekannten und weiterhin bestehenden Auffassungen aufs Übelste zu verzerren. Ich war immer für gewaltfreies politisches Handeln, ein Grundsatz, der meine Ansichten durchgängig charakterisiert. Vor einigen Jahren wurde ich während eines akademischen Vortrags aus dem Publikum heraus gefragt, ob Hamas und Hisbollah meiner Ansicht nach Teil der "globalen Linken" seien, worauf ich mit zwei Anmerkungen antwortete. Mein erster Punkt war rein deskriptiv: Die genannten politischen Organisationen verstünden sich als antiimperialistisch, und Antiimperialismus sei ein Merkmal der globalen Linken, sodass man sie vor diesem Hintergrund als Teil der globalen Linken beschreiben könnte. Mein zweiter Punkt war kritischer Natur: Wie bei jeder linken Gruppierung müsse man sich entscheiden, ob man für oder gegen diese Gruppe sei, und man müsse ihre Positionen kritisch überprüfen. Ich akzeptiere oder befürworte nicht alle Gruppierungen der globalen Linken. Tatsächlich folgten diese Bemerkungen einem Vortrag, in dem ich die Bedeutung des öffentlichen Trauerns und der politischen Praktiken des gewaltfreien Handelns hervorgehoben hatte, ein Prinzip, das ich in drei meiner jüngsten Bücher verteidige: Gefährdetes Leben, Raster des Krieges sowie Parting Ways. Zu meinen Ansichten über Gewaltfreiheit wurde ich von Guernica und anderen Onlinemagazinen interviewt, und die entsprechenden Ausführungen sind leicht zu finden, wenn man wissen will, wie ich in diesen Fragen denke.

Tatsächlich mokieren sich gelegentlich Vertreter der Linken über mich, die Formen des gewaltsamen Widerstands befürworten und der Meinung sind, ich verstünde diese Praktiken schlicht nicht. Es stimmt: Ich billige die Praxis des gewaltsamen Widerstands genauso wenig, wie ich staatliche Gewalt billige, billigen kann oder je gebilligt habe. Diese Position macht mich vielleicht eher naiv als gefährlich, aber es ist meine Position. Folglich ist es mir immer absurd erschienen, dass meine Bemerkungen so aufgefasst wurden, als wollte ich Hamas oder Hisbollah unterstützen oder billigen! Ich habe zu keiner der beiden Organisationen je Stellung bezogen, so wie ich auch nie eine beliebige Organisation unterstützt habe, nur weil man sie der globalen Linken zurechnen kann – ich bin keine Anhängerin aller Gruppierungen, die gegenwärtig die globale Linke ausmachen. Festzustellen, dass jene Organisationen Teil der Linken sind, heißt nicht, zu sagen, dass sie ein Teil der Linken sein sollten oder dass ich sie in irgendeiner Weise befürworte oder unterstütze.

Zwei weitere Punkte: Ich unterstütze die Kampagne "Boycott, Divestment and Sanctions" in einer sehr bestimmten Weise. Manche ihrer Erscheinungsformen lehne ich ab, andere befürworte ich. Ich bin gegen Investitionen in Unternehmen, die militärisches Gerät ausschließlich zu dem Zweck herstellen, Häuser zu zerstören. Ebenso lehne ich Vorträge an israelischen Institutionen ab, die sich nicht eindeutig gegen die Besetzung aussprechen. Hingegen akzeptiere ich nicht die Zielsetzung, einzelne Personen aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit zu diskriminieren, und ich werde auch weiterhin enge und kooperative Beziehungen zu zahlreichen israelischen Wissenschaftlern unterhalten. Ein Grund, warum ich BDS befürworte, Hamas und Hisbollah aber nicht befürworten kann, besteht darin, dass BDS die größte gewaltfreie zivile politische Bewegung ist, die sich für die Gleichheit und die Selbstbestimmungsrechte der Palästinenser einsetzt.

Meine Auffassung ist, dass Juden und Palästinenser einen Weg finden müssen, unter gleichen Bedingungen zusammenzuleben. Wie so viele andere sehne auch ich mich nach einem wirklich demokratischen Gemeinwesen in jenem Flecken Erde, und ich befürworte die Grundsätze der Selbstbestimmung und des Zusammenlebens für beide Völker, ja für alle Völker. Und ich wünsche mir, zusammen mit einer wachsenden Zahl von Juden und Nichtjuden, dass die Besetzung ein Ende findet, dass Gewalttätigkeiten jeder Art eingestellt werden und dass die wesentlichen politischen Rechte aller Völker in der Region durch eine neue politische Struktur garantiert werden.

Zwei letzte Bemerkungen: Die Gruppe, die den Aufruf gegen mich sponsert, nennt sich Scholars for Peace in the Middle East, was man bestenfalls als einen irreführenden Namen bezeichnen kann. Auf ihrer Website behauptet die Gruppe, der "Islam" sei eine "von Natur aus antisemetische [sic!] Religion". Es handelt sich nicht, wie die Jerusalem Post schrieb, um einen bedeutenden Zusammenschluss jüdischer Gelehrter in Deutschland, sondern um eine internationale Organisation mit Sitz in Australien und Kalifornien – eine rechte Gruppierung, die somit Teil einer innerjüdischen Auseinandersetzung ist. Ihr früheres Vorstandsmitglied Gerald Steinberg ist bekannt dafür, Menschenrechtsorganisationen in Israel ebenso zu attackieren wie Amnesty International und Human Rights Watch. Deren Bereitschaft, auch israelische Menschenrechtsverletzungen zu thematisieren, qualifiziert sie offensichtlich ebenfalls für das Etikett "antisemitisch".

Zu guter Letzt: Ich bin kein Werkzeug irgendeiner NGO. Ich sitze im Beirat der Jewish Voice for Peace, gehöre der Kehillah-Synagoge im kalifornischen Oakland an und bin Vorstandsmitglied der Faculty for Israeli-Palestinian Peace in the US sowie des Dschenin-Theaters in Palästina. Meine politischen Ansichten sind nicht auf den Nahen Osten oder den Staat Israel beschränkt, sondern gelten einer beträchtlichen Reihe von Themen. So habe ich über Gewalt und Ungerechtigkeit in anderen Teilen der Welt geschrieben und mich dabei vor allem auf Kriege konzentriert, die die Vereinigten Staaten führen. Auch habe ich über die Gewalt geschrieben, die transsexuellen Menschen in der Türkei zugefügt wird, über psychiatrische Gewalt, Folter in Guantánamo sowie über Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten in den USA, um nur einige Themen zu nennen. Und ich habe gegen den Antisemitismus in Deutschland sowie gegen die Rassendiskriminierung in den Vereinigten Staaten angeschrieben.

Aus dem Englischen von Michael Adrian