Für jeden, der länger im Netz unterwegs ist, ergibt sich allerdings ein neuer, durchaus befremdlicher Blick auf die alten Notierprojekte. Während nämlich früher das Schreiben in Notizbücher noch ein befreiender dynamischer Akt war, weil es die Bewegung der Gedanken abbilden und damit gegen das Einfrieren durch die Druckschrift protestieren wollte, erweist es sich heute als geradezu greisenhafte Geste. Wer seine Notizen in Heftchen schreibt und später in Büchern druckt, bringt sie nämlich nicht in Bewegung. Man stellt sie still.

Durch den Vergleich mit der dynamischen Netzkultur, in der die Notizen tatsächlich in Bewegung geraten, lässt sich deshalb wie unter einem Mikroskop erkennen, was derzeit mit Blick auf das Urheberrecht und die neuen Bedingungen von Autorschaft so schrill verhandelt wird. Genau besehen folgt das Notieren auf Papier nämlich einem spezifischen Geiz, zu dem die Buchkultur die Autoren erzogen hat. Die wollen, was sie besitzen, nicht teilen. Sie wollen alles für sich behalten. Statt sich mit einem Schwarm zu bewegen und das eigene Vermögen in den Kreislauf einzuspeisen, füttern sie die eigene Eitelkeit. Erweitert wird im alten Notizbuch jenes alte Künstler-Ego, das ein großes Werk zum Ziel hat, in dem es sich unsterblich verkörpern und damit alle anderen übertrumpfen will. Für die Psychologie der Kreativität ist das äußerst interessant. Es stellt sich nämlich heraus, dass dieses Künstler-Ego nur dann bereit ist, etwas von sich weiterzugeben, wenn andere bereit sind, es dafür zu bezahlen und zu auratisieren. Die Pathosformel der alten Notierprojekte lautet dementsprechend: Selbst schreiben macht dick.

Eitelkeit ist nun Lebendigkeit

Diese Einstellung führt heute vor allem bei älteren Autoren zum Kitsch. Aber auch viele der jungen bleiben davon nicht verschont. Im Mittelpunkt steht bei ihnen die Fantasie vom Nachlass zu Lebzeiten. Da ist kein Strich, der im Notizbuch gemacht wird, ohne dass man ihn sich nicht schon in der Vitrine des Literaturmuseums in Marbach vorstellt. Schon träumt man die Germanisten um sich herum, die Wort für Wort die Handschrift entziffern, sie in den monomanischen Produktionszusammenhang stellen und mit Fußnoten versehen.

Im Netz findet man von diesen Fantasien nichts. Oder man findet sie als Witz, als Parodie auf alte Autoreninszenierungen. Das Notieren und Skizzieren wird stattdessen mit großer Leichtigkeit betrieben. Es regiert der Sinn für Flüchtigkeit. Er paart sich mit der Einsicht in die eigene Beliebigkeit, Bedeutungslosigkeit und Endlichkeit. Statt geizig nach dem eigenen großen Werk zu schauen, geht es um das Weitergeben und Teilen. Individualität stellt sich nicht über das her, was früher einmal Totalität hieß. Groß wird man dann, wenn man die Sachen hier und jetzt an andere weitergeben kann.

Aus der Perspektive der alten literarischen Kultur muss das bedrohlich erscheinen. Tatsächlich wird in den Netzen aufs Spiel gesetzt, was den Autor, seinen Text und seine Rezeption noch bis vor Kurzem ausgemacht hat. Doch wechselt man den Standpunkt, lässt sich erkennen: In den Netzen wird die alte Eitelkeit durch eine Lebendigkeit ersetzt, die der Literatur nur gut tun kann.

Das heißt nicht, dass die handschriftliche Notiz verschwindet. Aber sie wird neu aufgeladen. Sie kann hochgeladen werden. Sie wird beschleunigt. Und sie wird dabei in Umlaufbahnen gebracht, die von den großen alten Autorenfiguren mit ihren schwerwiegenden Werkfantasien unter den neuen Bedingungen wohl nicht mehr erreicht werden.