Zu einem besseren Zeitpunkt hätte das Buch nicht kommen können. Joseph Anton , Salman Rushdies Schilderung seiner Jahre unter der Fatwa, die das Mullahregime in Teheran gegen ihn verhängt hat, ist in die Buchläden gelangt, ausgerechnet in den Tagen, in denen ein wütender Mob in Libyen und Ägypten Botschaften stürmt , Westler umbringt und Flaggen verbrennt. US-Medien, von Fox News bis Newsweek , beschwören die Wut der Islamisten, und Benjamin Netanjahu tingelt pünktlich zum Wahlkampf durch Amerika , um vor dem iranischen Atomprogramm zu warnen. In dieser Woche stellt Rushdie sein Buch in New York City vor; am gestrigen Dienstag las er im Haupthaus von Barnes & Noble am Union Square.

Eine Stunde vor der Lesung füllt sich die dritte Etage des Buchladens. Rushdie hat in New York, wo er seit zwölf Jahren wohnt, viele Fans. Mit ein paar Minuten Verspätung kommt er, entschuldigend lächelnd. " Jon Stewart hat mich aufgehalten" sagt er. Amerikas TV-Comedian hatte den Autor zu Gast . Zuvor hat er der New York Times ein Interview gegeben, in dem er sich gegen Kulturrelativismus gewandt hat. "Wir müssen den Sinn für richtig und falsch behalten", sagte er. Morgen liest er in der Public Library an der Fifth Avenue vor geschätzt 500 Leuten, und danach tritt er auf dem Festival des New Yorker auf. Gerade sind die ersten Besprechungen erschienen.

"Was habe ich bloß getan, um eine gute Rezension von Michiko Kakutani zu verdienen?" fragt Rushdie. Kakutani, die Literaturkritikerin der New York Times schrieb , das Buch, das nach mehreren enttäuschenden Romanen erscheine, erinnere an Rushdies "fruchtbare Begabung für Sprache und an sein Talent, die psychologischen Verwicklungen der Familie und der Identität zu erklären." Und: Der Roman sei ein erschütterndes, intensiv erfühltes und aufschlussreiches Dokument; ein autobiografischer Spiegel.

Den Titel wählte Rushdie nach seinem Pseudonym, zusammengesetzt aus Anton Chekhov und Joseph Conrad , zwei Dichtern, denen er sich nahe fühlt. Die Idee, ein Pseudonym zu wählen, habe die Londoner Polizei gehabt. Selbst sein Bankkonto sei auf diesen Namen eröffnet worden. Das Buch ist in der dritten Person geschrieben, damit es nicht so narzisstisch wirke. "Die meisten Leser finden das befremdlich, aber sie gewöhnen sich nach drei Seiten daran."

Bombenanschläge auf Buchläden

Dann endlich liest Rushdie, aber nicht aus der Zeit der Fatwa. Lieber erzählt er von seinen Eltern, vor allem von seinem Vater, ein Agnostiker, der ihn mit seiner Unerschrockenheit und Standfestigkeit geprägt habe, obwohl der anfangs gar nicht begeistert war, dass der Sohn Schriftsteller werden wollte. Rushdie, seinerseits, wollte als junger Mann "einen Ozean zwischen mich und meinen Vater bringen". Inzwischen aber denkt er, ohne seinen Vater hätte er die Satanischen Verse nie schreiben können. "Mein Vater hat mir von jenseits des Grabes die Flagge gegeben, unter der ich kämpfen würde."

Nun wendet sich Rushdie dem Leben unter der Fatwa zu, vor allem, was seine Freunde und Unterstützer mitgemacht haben; er bleibt dabei witzig und ironisch, als erzähle er tatsächlich über einen Dritten. Er erinnert daran, dass sein japanischer Übersetzer ermordet wurde, sein italienischer Übersetzer fast totgeschlagen, und dass sein norwegischer Verleger einen Anschlag mit einem Gewehr nur wie durch ein Wunder überlebt habe. "Ich habe niemals geglaubt, ich sei an der Vorderfront dieses Kampfes", sagt er. Ganz vorne auch seien die Buchläden gewesen. Es gab Bombenanschläge, nicht nur hier und in England, auch in Australien .

Noch heute bekomme er Briefe. Buchhändler schrieben ihm, dass jemand ihnen mit Gewalt gedroht habe, wenn das Buch nicht verschwinde. "Und die meisten stellen es dann, als Akt des Widerstandes, ins Schaufenster." Auch viele Verlagsmitarbeiter seien tapfer gewesen. Im Buch schildert er, wie erboste Moslems bei Lektorinnen anriefen und drohten, sie wüssten, in welche Schulen deren Kinder gehen. Etwas weniger gut kommt sein amerikanischer Verleger weg, Peter Mayer, der damals Penguin vorstand; Rushdie verdächtigt ihn, ihn anonym in der Presse verleumdet zu haben. Und Kiepenheuer & Witsch — wo die deutsche Ausgabe erscheinen sollte — sprang ganz ab (heute ist Rushdie bei der Bertelsmann-Tochter Random House).