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Auch wenn in den letzten Jahren in Zeitschriften und Büchern die Sehnsucht nach einem Rückzug ins Ländliche propagiert wird, gerät der Heimeligkeitsimpuls leicht unter den Verdacht des Provinzialismus. Adornos Diktum von der "Idiotie des Landlebens" wirkt nach. Der wurzellose Ort der Moderne, die Großstadt , war immer schon ein Versprechen; in der Provinz harrt man aus und klammert sich an Traditionen.

Die deutschsprachige Literatur hat die Opposition von Stadt und Provinz ebenfalls gerne aufgemacht. Und auch ein zunächst noch geheimnisvoller Geschichtsschreiber, der sich immer wieder zwischen die Handlungsstränge von Vea Kaisers Debütroman Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam mischt, hat dazu etwas anzumerken: "In anderen Teilen der Welt entwickeln sich die Dinge weiter, indem sie sich verändern. In St. Peter am Anger jedoch hat alles eine Kontinuität, und alles bleibt, wie es ist."

Johannes Gerlitzen, die Hauptfigur des ersten Teils von Kaisers Roman, beugt sich diesem Naturgesetz nicht. Es gibt zwei Anlässe, die ihn aus der engen Dorfwelt von St. Peter am Anger forttreiben: Da ist einmal der Verdacht, seine Frau habe ihm das Kind eines Nebenbuhlers untergejubelt; zum anderen dieser endlos lange Bandwurm, der sich durch sein Leib schlängelt und schließlich nicht nur nach langer Leidenszeit ausgeschieden, sondern auch wie ein Omen betrachtet und konserviert wird.

Nach den Sitten der Bergbarbaren

Johannes beginnt, sich durch den Wurm für den Wurm zu interessieren und damit für die Wissenschaft. Und hält es fortan nicht mehr aus in St. Peter. Ihn zieht es in die Stadt, er studiert fleißig und kehrt Jahre später als Arzt zurück, rechtzeitig, um seine todkranke Frau zu pflegen und seinen Vaterpflichten doch noch nachzukommen. Als Tochter Ilse selber Mutter wird, nimmt Doktor Gerlitzen das Enkelkind unter seine Fittiche, um aus ihm einen "Nachwuchsforscher" zu machen.

Der kleine Johannes ahnt, solcherart ermuntert, dass hinter den sieben Bergen noch etwas anderes wartet als überkommene dörfliche Riten, der Fußballverein und das harte Los, mit 18 einen Ehering überzustreifen, der sich nie mehr würde abziehen lassen.

Johannes hat Ambitionen. Nach dem Tod des Großvaters, drängt es ihn in die Klosterschule im Nachbarort, wo er eine humanistische Bildung genießt, in einen elitären Jungsclub aufgenommen wird und einer hoffnungsfrohen Zukunft entgegenstrebt. Als er – nicht zuletzt auch wegen eigener Überheblichkeit – die Matura versiebt, kehrt er erst einmal reumütig in sein Heimatdorf zurück und beginnt nach seinem großen Vorbild Herodot, die Sitten der "Bergbarbaren" aufzuschreiben.