Hilary Mantel hat gestern Abend den wichtigsten Preis im englischsprachigen Raum, den Man Booker Prize for Fiction für ihren Historienroman Bring up the Bodies verliehen bekommen. Es ist ihr elfter Roman. Die 60-jährige Autorin hat mit ihm gleich mehrfach Geschichte geschrieben.

Bring up the Bodies ist bereits der zweite Booker-prämierte Roman der englischen, in Irland aufgewachsenen Autorin. Bereits der erste Teil ihrer Trilogie, Wolf Hall (dt. Wölfe, erschienen bei Dumont), wurde 2009 mit dem Preis ausgezeichnet. Zuvor gelang ein solcher Doppelcoup nur dem Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee sowie dem australischen Bestseller-Autor Peter Carey. Coetzee und Carey bekamen den Booker jeweils für ihren dritten und achten Roman: der Südafrikaner für The Life and Times of Michael K (1983) und für Disgrace (1999), der Australier für Oscar and Lucinda (1988) und für True History of the Kelly Gang (2001).

Dank der zusätzlichen Booker-Auszeichnungen haben aber auch Salman Rushdie und JG Farrell die Mehrfachehre erhalten. Midnight’s Children, Rushdies Booker-Gewinner des Jahres 1981, wurde nun schon zweimal, nämlich jeweils zu den runden Geburtstagen des Booker-Preises, mit der Ehrung Best of the Booker bestätigt. Farrell siegte 1973 mit The Siege of Krishnapur zum ersten Mal. Für Troubles bekam er ihn quasi nachträglich: 1971 wurden die Regeln für die Vergabe verändert, sodass kein Buch aus dem Jahr 1970 eine Auszeichnung bekam. 2010 wurde diese "Ungerechtigkeit" mit dem extra eingeführten The Lost Man Booker Prize ausgeglichen – für JG Farell.

Auch das Booker-Jahr 2012 ist ein Jahr der Superlativen: Mantel ist die erste Frau, die zum zweiten Mal mit dem Booker-Preis geehrt wird. Nimmt man JG Farrells späte Ehrung aus, ist Mantel auch die erste Britin mit Doppelsieg – und die erste Autorin, die für zwei aufeinander folgende Romane gekürt wurde. Glaubte man den Quoten der Wettbüros, kam dieser Sieg dennoch wenig überraschend. Mantel lag vor dem britischen Autor Will Self und dem indischen Poeten Jeet Thayil.

Die sechsköpfige Jury hatte im Vorfeld signalisiert, der "schieren Kraft der Prosa" gegenüber der Lesbarkeit den Vorzug geben zu wollen. Mantels historischer und gleichzeitig aktueller Roman Bring up the Bodies vereint jedoch beides. Der zweite Teil ihrer Trilogie über das England zur Zeit Heinrichs VIII beginnt, wo der erste Teil endet. Der englische Staatsmann Thomas Cromwell hat das Parlament dazu gebracht, die Suprematsakte anzunehmen, die Heinrich VIII anstelle des Papstes als Kirchenoberhaupt anerkennt. Der Scheidung von Katharina von Aragon und seiner Vermählung mit Anna Boleyn steht nichts mehr im Weg. Geschickt beschreibt die Britin, wie wenig sich der Staatskörper vom tatsächlichen Körper des Königs trennen lässt: Heinrich verliebt sich erneut, diesmal in die unscheinbare Jane Seymour. Erneut steht Cromwell vor der Herausforderung, die Vorlieben seines Königs mit den Interessen Englands zu koordinieren und dabei die eigene Position zu stärken – ohne, dass dabei Köpfe rollen.

Der Stoff, die Geschichte Heinrich VIII, seiner Frauen und seines Staatsmannes, ist oft genug verfilmt, aufgeschrieben und auf die Bühne gebracht worden. Bring up the Bodies ist im historischen Präsens geschrieben und belebt von einem zeitgenössischen statt archaisierenden Dialog. Mit Cromwell stellt Mantel einen fast universalen Helden ins Zentrum des Geschehens. Seine politischen Machenschaften passen genauso gut auf die Bühne aktueller Weltpolitik wie zu den Ereignissen des frühen 16.Jahrhunderts. Für den Spaß an der Lektüre spielt es keine Rolle, ob man diesen Teil der englischen Geschichte in allen Einzelheiten kennt – oder den ersten Teil der Trilogie gelesen hat. Wer beide Bücher liest, wird nicht nur die Historie, sondern auch das Urteil der Jury besser verstehen.