Eine offensichtlich gebildete Frau in den Vierzigern befasst sich mit Led Zeppelins Whole Lotta Love und kann nicht nur dem Jahrhundertriff etwas abgewinnen, sondern sogar diesem peinlichen, auch auf dem zweiten und dritten Blick sexistischen Text: "I’m gonna give you every inch of my love". Sie erkennt, dass dieser Macho-Wunschfantasie "Erfahrung innewohnt und auch Wahrheit". Wie konnte es nur so weit kommen?

Der Song ist der Soundtrack ihrer letzten Beziehung. Die scheiterte wie alle anderen zuvor auch, aber diesmal so fulminant unglücklich, dass sie einer (psycho-)analytischen Aufarbeitung bedarf. Das ungenannte Ich dieses Buches hat sich vollkommen, bis zur intellektuellen Selbstaufgabe dieser Liebe überlassen, die letztlich gar keine war: nur eine heimliche, noch dazu sexuell frustrierende Bettbeziehung mit einem verheirateten Mann. Ihr Liebhaber trug nur seine paar "inches" bei. Insofern manifestieren sich in der berühmten zweideutigen Songzeile beide Seiten dieser Affäre, die die Erzählerin seelisch zerrüttet und in eine Depression stürzt – aus der sie sich literarisch-analytisch wieder hinausschreibt. Das vorliegende Buch Tanzen auf Beton ist das Protokoll dieser Selbstheilung.

Wie in ihren vorherigen Werken auch verwendet Hanika diverse Textgattungen, Aphorismus, Reportage, Brief, Essay, Feuilleton, Anekdote. Der Verlag nennt Tanzen auf Beton dennoch einen Roman, und im Sinne der "progressiven Universalpoesie" Schlegels, wonach dieses Genre eine "Vermischung aller Gattungen" ermöglicht, mag das angehen. Aber Hanika erzählt gar nicht fiktional, meistens erzählt sie nicht einmal: Sie liefert in diesem Buch einen aufrichtigen literarischen "Bericht" ihrer Selbstanalyse, den man gerade durch das Roman -Etikett um ihre spektakuläre Offen- und Ungeschütztheit bringt.

Musik und andere Rauschzustände

Sie kommt am Ende sogar zu einem Ergebnis, dass alle ihre heillosen Verhältnisse einem neurotischen Muster folgen. Eine Beinahe-Vergewaltigung in Jugendtagen führt bei ihr zur Bindungsangst. Zugleich aber ist ihr ein reaktionäres Ich-Ideal anerzogen worden, das einen Mann an ihrer Seite vorsieht. Sie glaubt, unbedingt einen Mann zu brauchen, um glücklich zu sein, will aber gar keine Partnerschaft eingehen, in der sie nun einmal die Frau sein muss. Eine tragische Disposition, die stets zu merkwürdigen Kompromiss- und Pseudo-Beziehungen führt.

Es ist so eine Sache mit psychoanalytischen Deutungen, am Ende ist man oft ein bisschen enttäuscht über die Schlichtheit solcher Erklärungsmuster. Damit ist ja noch nichts über ihre Triftigkeit gesagt, nur für das literarische Gelingen des Buches trägt die Lösung ihres Problems nicht viel bei. Hanika bei der Deutungsarbeit über die Schulter schauen zu dürfen, wie sie in Denkschleifen ihr Problem umkreist, in einer konzisen, manchmal etwas spröden Diktion ihren Alltag durchleuchtet, wie sie mit spielerischem Witz Analogien herstellt zu weit entfernten Themen und Stoffen und diese Zusammenhänge fruchtbar macht – das ist der eigentliche Spaß, das macht die Lektüre zu einem stets überraschenden und beglückenden Erlebnis.

So assoziiert sie sich von der eigenen Selbstaufgabe in ihrer verqueren Affäre hin zu anderen Rausch- und Hingabezuständen, etwa beim Musik hören. "Den Zustand des Kleinkindes jenseits der Sprache wieder erreicht, keine Worte mehr zu haben, das ist das Glück. Darum strebt alle Kunst danach, wie Musik zu sein: weil Musik mit ihrer Struktur deutlich als etwas Menschgemachtes zu erkennen, zugleich aber jenseits der Worte ist."