Die Achtundsechziger wurden noch gerne als "Linksmob" oder "akademische Gammler" heruntergeputzt. Das waren Begriffe, mit denen sie sich behaglich weit weg vom eigenen Bürgerleib halten ließen. Demonstrierte damals ein übrigens auch zahlenmäßig überschaubares Milieu, so verbreiterte sich der Protest über die nachfolgenden Jahrzehnte hinweg; ein Gipfelpunkt waren die Massenmobilisierungen der neuen sozialen Bewegungen Anfang der achtziger Jahre von Brokdorf bis zur Startbahn West.

Im Jahr 2011 schließlich wurden alleine in Berlin pro Tag im Schnitt unglaubliche elf Demonstrationen angemeldet. Über die Jahrzehnte hinweg ist Protest also für stetig mehr Menschen und Milieus zu einer immer selbstverständlicheren Option geworden, längst geht es auf der Straße zu wie auf einem Wimmelbild von Ali Migutsch: Vor der chinesischen Botschaft protestieren regelmäßig Falun Gong-Anhänger, durch das Brandenburger Tor treiben demonstrierende Schäfer ihre Herden, Pankower Rentner beschließen, ihre vom Bezirksamt aufgekündigte Freizeitstätte zu besetzen.

Und die alle sollen laut öffentlichem Wortgebrauch gleichermaßen doofe Wutbürger sein? Dann wären wir ja eigentlich alle doofe Wutbürger, denn offensichtlich lässt sich das neue Protestieren nicht mehr so einfach wie damals bei der Studentenbewegung exotisieren. Das Aufkommen des Wutbürger-Etiketts erzählt also von einer Verunsicherung über sich selbst, die weite Teile der Gesellschaft ergriffen hat: Warum regen wir uns eigentlich alle permanent so auf? Warum sind wir eigentlich alle derart kritikbereit?

Da tut es Not, möglichst gelassen festzustellen: Aufregung und Kritik bringen uns nicht um – im Gegenteil: Aufregung und Kritik sind gut für uns. Zuallererst stehen sie doch wohl für eine eindeutig begrüßenswerte Entwicklung: Dafür, dass Menschen sich politisch artikulieren können. Die Menschen sind gebildeter als früher, sie haben mehr Zeit, und vor allem: Sie können sich durch den digitalen Wandel endlich selbst organisieren. Um ihre eigenen Meinungen und Bedürfnisse vorzutragen, brauchen die Menschen Parteien, Verbände und Gewerkschaften nicht mehr so stark wie früher, und entsprechend rauschen deren Mitgliederzahlen in die Tiefe.

Wir brauchen viel mehr Debatte

Überhaupt sprechen wir viel zu viel von Parteipolitik, wenn wir Politik meinen. Dabei sind es nicht die Parteien, sondern die Bürger, die derzeit diese Gesellschaft umbauen, und zwar von einer vertikalen in eine horizontale, in der viele mitsprechen und mitkritisieren können. Man muss bloß ein einziges Mal auf der Webseite der Bürgerorganisation Mehr Demokratie e.V. die nüchternen und überlegten Plädoyers für mehr Bürgerbeteiligung bei politischen Entscheidungen nachgelesen haben, um zu erkennen, dass die Tendenz unaufhaltsam ist: Langfristig wird das politische System auf die gestiegene Selbstkompetenz der Bürger reagieren müssen, alles andere ist bloße Übergangsrhetorik.

Die Vokabeln "Bürgerbeteiligung" und "Partizipation" kennen wir alle vor allem aus hehren Wahlprogrammen und Wahlkreisansprachen. Die neue Protestbereitschaft dieser Jahre hält kritische Distanz gegenüber derart wolkigen Versprechungen. Gefordert wird nicht allein mehr Beteiligung, sondern prinzipiell das Grundrecht auf Zweifel.

Man muss die vielen unterschiedlichen demokratischen Protestbewegungen dieser Jahre nicht über einen Kamm scheren, um dieses Bestehen auf Skepsis dennoch bei ihnen allen vorzufinden. Ob Not in my backyard-Protest (der jeder Demokratie gut zu Gesicht steht, wir haben eine Verfassung, Leute) oder die wachsende soziale Empörung, wie sie Bündnisse wie Blockupy und UmFAIRteilen in diesem Wahljahr ein gutes Stück öffentlicher machen werden: Wer protestiert, der geht davon aus, dass das politische System es alleine nicht auf die Reihe bekommt. Dass Politik und Wirtschaft sich zunehmend abkoppeln von den Mitsprachewünschen der Wähler und ihre Entscheidungen oftmals jenseits aller parlamentarischen Überprüfbarkeit ausklüngeln. Dass, kurzum, die in den Politikwissenschaften debattierte "Postdemokratie"-Diagnose des Briten Colin Crouch über die Repräsentationskrise der Politik durchaus zutreffen könnte, und dass man ihr nur durch eine stärkere Politisierung der öffentlichen Debatte entgegentreten kann. 

Wer also jetzt protestiert, der verpasst der Demokratie eine Revitalisierungskur, die sie dringend nötig hat. Lasst uns doch, bitte, all die verschiedenen demokratischen Protestbewegungen nicht immer bloß stigmatisieren. Diese Republik braucht viel mehr Debatte, viel mehr öffentlichen Zweifel an ihrer nur scheinbar hermetischen öffentlichen Meinung. Sie braucht durchaus mehr Wut. Bloß die Plattitüde von den "Wutbürgern", die braucht sie wirklich nicht.