Ein bilderseliger, metaphernsüchtiger Autor – Seite 1

ZEIT ONLINE: Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Jean Paul, sind Herausgeber seiner Werke und seines Nachlasses. Konnte Sie beim Schreiben der Paul-Biografie überhaupt noch etwas überraschen?

Helmut Pfotenhauer: Ich habe viel Neues entdeckt, und das hätte ich niemals für möglich gehalten. Beim Schreiben einer Biografie erkennt man erst, was in einem Dichterleben alles gleichzeitig passiert und entsteht – das war das eigentlich Verblüffende. Als Wissenschaftler beschäftigt man sich meist mit einem einzelnen Werk. Beim Betrachten der gleichzeitig stattfindenden Ereignisse lässt sich plötzlich auch der Produktionsprozess besser verstehen.

ZEIT ONLINE: Wie darf man sich diesen Produktionsprozess vorstellen?

Pfotenhauer: Jean Paul hat sich eine richtige Schreibwerkstatt, eine Textwerkstatt eingerichtet. Mit dem Exzerpieren von theologischen, philosophischen und anderen Werken beginnt er schon als 15-Jähriger. Die Exzerpte sind bis zum Ende seines Lebens auf über 12.000 Seiten angewachsen – wir haben dieses Konvolut transkribiert und ins Internet gestellt.

ZEIT ONLINE: Warum sind die Exzerpte von Interesse?

Pfotenhauer: Mit den Exzerpten hat er immer wieder gearbeitet, er hat sie sich durch Register und durch Register der Register verfügbar gemacht. Daraus entsteht dieser oft bizarre Witz bei Jean Paul; die ständigen Vergleiche, die ihm so wichtig sind, stammen zu einem großen Teil aus diesen Exzerpten. Dann gibt es noch eine Reihe von anderen Sammlungen: zum Beispiel Einfälle, Bausteine für künftige Werke, Erfindungen, diverse Keimzellen künftiger Texte also, die er ständig bei sich haben muss. Deshalb reist er nur ungern. Und wenn er verreist, hinterlässt er seiner Familie, sich als Gottvater aufspielend, "zehn Gebote".

ZEIT ONLINE: Was besagen die?

Pfotenhauer: An erster Stelle steht da, dass bei einem Feuer zunächst seine Exzerpte und die anderen Bände der Einfälle gerettet werden müssten. Nicht die Familie soll sich zuerst retten, sondern diese Texte müssen in Sicherheit gebracht werden.

ZEIT ONLINE: Kurios ist, dass dieser Gelehrte und Dichter keine große Bibliothek hat.

Pfotenhauer: Das hat Besucher Jean Pauls frappiert. Selbst seine von ihm geschriebenen Bücher hat er oft nicht parat gehabt. Das hängt damit zusammen, dass für Jean Paul das fertige Werk eigentlich eher uninteressant ist. Ihm geht es um das dauernde Schreiben, um das dauernde Weiterschreiben. Er hat, kaum war er mit einem Buch fertig, sofort eine Neuauflage ins Auge gefasst. Da konnte er neue Vorwörter, neue Nachwörter und dergleichen anbringen. Jean Pauls Werk ist Work in Progress, ein unabschließbarer Schreibprozess.

ZEIT ONLINE: Er scheint mit diesem Work in Progress verzweifelt und heiter zugleich gegen den Tod anzuschreiben. Wenn etwas nicht abgeschlossen ist, ist auch das Leben nicht zu Ende.

Pfotenhauer: Genau so ist es. Das ist ein ganz wichtiges Element bei Jean Paul. Je älter er wird, desto deutlicher sieht man das. Sein Spätwerk, er nennt es selber "Papierdrache", zusammengeleimt aus Textfetzen, soll ein Sammelsurium von Texten sein, die man immer wieder neu kombinieren kann, die niemals fertig sind, sodass eigentlich andere auch über seinen Tod hinaus seine Werke weiterschreiben könnten. Das ist eine erschriebene Unendlichkeit oder Unsterblichkeit. Gegen den Tod anzuschreiben ist ohnehin das Grundmotiv der Literatur. Aber es gibt wenige Autoren, bei denen es so obsessiv betrieben wird wie bei ihm.

ZEIT ONLINE: Jean Paul weiß nicht nur sehr früh, dass er Schriftsteller werden will. Sondern auch, dass sich sein Leben selbst im Schreiben abspielen würde. "Schriftabsolutismus" nennen Sie das.

Pfotenhauer: Er sagt immer wieder, dass sein Leben eigentlich nichts wert sei gegen das, was er schreibt. Sein Leben ist sein Schreiben. Alles dient der Schrift, sowohl seine Freunde als auch seine Familie werden dem untergeordnet. Die Familie ist nebenbei eine Schreibwerkstatt: Die Kinder müssen Manuskripte abschreiben und Tinte produzieren. Alles dreht sich um Schrift. Schrift ist das Absolute in Jean Pauls Leben.

ZEIT ONLINE: Und die Schrift soll auch das zukünftige Leben vorwegnehmen.

Adressatinnen von Briefen und Romanfiguren

Pfotenhauer: Ja, sie ist ein Mittel, der Hinfälligkeit und Zufälligkeit und dem Chaos des Lebens entgegenzutreten. Es gibt von ihm zum Beispiel eine Konjekturalbiographie, also eine Konjektur, eine Vermutung, dessen, was er selber einmal erleben wird. Da denkt er sich ein Gütlein in Mittelspitz und eine Frau dazu, die natürlich gerne Jean Paul liest. All diese Dinge werden vorausgeschrieben.

ZEIT ONLINE: Auch Briefe sind für ihn Literatur. Wie haben sich die Adressaten dazu verhalten?

Pfotenhauer: Es ist zum Beispiel so, dass seine erste Verlobte Sophie Ellrodt ihn nur interessiert hat als Briefpartnerin. Dabei ging es nicht um die Briefe, die sie geschrieben hat, sondern um die, die er ihr schreiben konnte. Das war in der Leipziger Zeit. Sie wollte ihm dorthin folgen, was nach einer Verlobung durchaus naheliegend ist. Jean Paul aber wehrt sich erschrocken dagegen – denn dann könnte man sich ja keine Briefe mehr schreiben. Später erkennen wir auch ganz klar die Absicht, Briefe an Frauen zu schreiben, die sich dann in Romanfiguren verwandeln ließen. Charlotte von Kalb wird die Linda des Titan. Als sie mitbekommt, dass sie in dieser Weise ausgenutzt wird, ist sie natürlich zutiefst erschrocken. Denn sie wollte anderes, sie wollte mehr von Jean Paul, sie wollte seine Frau werden.

Jean Pauls Briefe sind höchst kunstvoll. Manchmal so kunstvoll, dass die Adressaten überhaupt nicht verstehen, worum es geht. Er schreibt einmal an den Hofer Bürgermeister mit der Bitte, seine verarmte Mutter zu unterstützen. Das kleidet er in so komplizierte Allegorien, dass dieser Bürgermeister heillos überfordert ist und den Sinn des Briefes nicht begreift.

ZEIT ONLINE: Charlotte von Kalb hat Jean Paul 1796 nach Weimar eingeladen. Er war damals ein Shooting Star in der literarischen Szene. Wie lief die Begegnung mit den Platzhirschen Goethe und Schiller ab?

Pfotenhauer: Jean Paul war nicht sicher, ob er Goethe und Schiller würde erobern können. Er hat es aber gehofft. Er hatte Goethe zuvor zwei Briefe geschrieben und ihm jeweils seine neuesten Romane mitgeschickt. Und von Goethe ist niemals eine Antwort gekommen. Das war ein erster Grund des Befremdens. Als er dann nach Weimar kam, musste er feststellen, dass sein engster Freund Herder inzwischen mit Goethe und besonders mit Schiller verfeindet war, sich also hier Fraktionen gebildet hatten. Und er stand dazwischen.

Zunächst glaubten Goethe und Schiller, ihn auf ihre Seite ziehen zu können. Er sei zwar ein kurioser Schriftsteller, befand der Geheimrat, aber trotz dieser Vorbehalte hätte man sich gewünscht, dass er in den Horen veröffentlichen würde, der Zeitschrift, die Schiller herausgab. Schon in diesen ersten sechs Wochen im Frühjahr und Frühsommer 1796 zeigte sich jedoch, dass man sich nichts oder wenig zu sagen hat. Goethe betrachtete den jüngeren Kollegen einerseits misstrauisch, auch wegen seines großen Erfolgs. Andererseits hat er ihn doch bewundert als einen der bedeutenden Intellektuellen Deutschlands. Es gibt eine große Ambivalenz – sowohl bei Goethe als auch bei Jean Paul.

ZEIT ONLINE: Der immense Erfolg, gerade bei adeligen Damen, öffnet ihm dann alle Türen – etwa zu den Salons in Berlin. Er wird hofiert. Um das Jahr 1800 herum ist er allerorten bekannt. Warum zog er sich schließlich wieder in die Provinz zurück?

Pfotenhauer: Es wird ihm schlicht zu viel. Er merkt, dass er durch den Rummel am Schreiben gehindert wird. Also zieht er sofort die Konsequenz. Er entscheidet sich ganz bewusst für die Provinz. Er hätte in Berlin Karriere machen können, geht aber zunächst nach Meiningen, nach Coburg und schließlich nach Bayreuth, wo er dann bis zum Ende seines Lebens bleibt.

ZEIT ONLINE: Worin gründet die große Bewunderung seiner Zeitgenossen? Was ist das Besondere an Jean Pauls Sprache?

Pfotenhauer: Er wollte auf seinem Grabstein stehen haben, dass niemand so viele Vergleiche gemacht habe wie er. Es gibt kaum einen ähnlich bilderseligen, metaphernsüchtigen Autor wie Jean Paul. Das macht ihn ja oft auch schwer zu lesen. Diese Häufung von wunderbaren Bildern, die sprachlichen Möglichkeiten, die alles bis dahin Veröffentlichte überschreiten, machen ihn zu einem der größten Sprachschöpfer der deutschen Sprache. Lineare Geschichten sind ihm eigentlich unwichtig. Das empfindet er eher als lästig. Er möchte keine Spannung aufbauen, sondern es sind einzelne Blöcke, die er aufeinander schichtet – ein nicht-lineares Schreiben, würde man heute sagen. Das ist einer der Gründe, warum Jean Paul noch immer aktuell ist. Das sind im Grunde postmoderne Schreibweisen. Navid Kermani, einer der großen Jean Paul-Verehrer unter den zeitgenössischen Schriftstellern, sagt, dass er nicht die Postmoderne vorweggenommen, sondern sie weit übertroffen habe.

ZEIT ONLINE: Um in den Schreibrausch zu kommen, braucht Jean Paul meist ein Rauschmittel – den Alkohol. Wie wichtig war diese Stimulanz?

Pfotenhauer: Es geht Jean Paul um die Konzentration aufs Wesentliche, aufs Schreiben. Und dazu gehört unter anderem auch der Alkoholgenuss. Jean Paul war meines Erachtens kein Trinker im herkömmlichen Sinn, sondern ein ganz strategischer Trinker. Er rechnet sich genau aus, wann er was trinken muss, um seine Fantasie möglichst zu befeuern. Er sagt einmal, es sei schade um jeden Tropfen, der nicht ins Gehirn steigt, sondern "unten raus kommt". Er will sich zum Schreiben befeuern, und dafür braucht er unterschiedliche Mittel. Er experimentiert übrigens auch kurzzeitig mit Opium.

ZEIT ONLINE: Wie ging’s ihm damit?

Pfotenhauer: Seiner Gesundheit kommt all das natürlich nicht zu Gute. Er wird dick und unansehnlich und ist am Ende seines Lebens von Krankheiten geplagt. Man nimmt an, dass er Gicht und Diabetes hatte. Am schlimmsten ist für ihn, dass sein Augenlicht immer schlechter wird. Er leidet am Grauen Star, der damals zwar schon behandelbar war, aber bei ihm gelingt das nicht. "Schickt mir Brillen", schreibt er verschiedenen Optikern und Ärzten, die er konsultiert. Aber es hilft nichts, er erblindet schließlich. Das – dazu der Tod seines Sohnes – sind sehr traurige Vorgänge in der späten Zeit seines Lebens, die auch seinem Alterswerk einen bitteren Ton verleihen.